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Elternzeit: Wie es ist, wenn große Kinder noch an den Weihnachtsmann glauben

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Von: Matthias Lohr

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© dpa-avis

Der Sohn unseres Kolumnisten glaubt auch mit fast acht noch an den Weihnachtsmann. Ist es nicht gemein, sein Kind anzulügen, nur weil das Strahlen in seinen Augen Weihnachten noch zauberhafter macht?

Manchmal bekomme ich einen Schrecken, wie groß unser Sohn mit fast acht Jahren schon ist. Er schaut zum Beispiel jeden Abend „logo“-Nachrichten im Kinderkanal und weiß sehr genau, dass die Klamotten, die es in der Stadt gibt, deshalb so billig sind, weil sie irgendwo in Fernost von Mädchen in seinem Alter für einen Hungerlohn zusammengenäht werden. Und trotzdem glaubt er weiterhin an den Weihnachtsmann und das ganze Adventspipapo. 

Er hat wie jedes Jahr einen Wunschzettel geschrieben und sich über den Nikolaus gefreut, der seinen Stiefel nachts mit Süßigkeiten gefüllt hat. Außerdem ist er fest davon überzeugt, dass die Kiste mit Weihnachtsbüchern, die meine Frau Anfang Dezember heimlich vor die Haustür gestellt hat, tatsächlich von den Wichteln dort deponiert wurde. Er hält es auch für selbstverständlich, dass die Wichtel die Lektüre Anfang Januar wieder abholen.

Seine kindliche Naivität ist süß, aber manchmal erschreckt sie mich auch. Der Glauben unseres Sohnes ist den Amerikanern nicht ganz fremd, denen die Modernisierung zu schaffen macht und die dann jemanden wie Donald Trump zum Präsidenten wählen. Wenn man ganz fest daran glaubt, dass es keinen Klimawandel gibt und wieder die Kohleindustrie fördert, dann wird schon wieder alles gut. 

Sein Glaube an den Weihnachtsmann lässt sich durch nichts erschüttern. Weder durch Klassenkameraden, die längst durchschaut haben, dass das alles nur eine große Lüge ist, noch durch das sehr schöne Buch „Weihnachtspost für Ayshe“. Darin wünscht sich ein türkisches Mädchen, dass der Weihnachtsmann ihr auch ein Geschenk bringen möge – wie ihren deutschen Nachbarskindern. Ihr älterer Bruder lacht sie aus und erklärt ihr, dass das mit dem Weihnachtsmann nur ein Trick sei: „Man kriegt nichts geschenkt. Man muss sich alles kaufen.“ Der Briefträger, dem Ayshe ihren Wunsch erzählt, bringt ihr am Ende einen Schlitten. Es ist so offensichtlich, dass das Geschenk vom Postmann statt vom Weihnachtsmann ist. Nur nicht für unseren Sohn. 

Manchmal fürchte ich, dass er das alles gegen uns verwenden wird, wenn er irgendwann die Wahrheit erfahren wird. Ist es nicht gemein, sein Kind anzulügen, nur weil das Strahlen in seinen Augen Weihnachten noch zauberhafter macht? Ich habe überlegt, wie ich als Kind Anfang der 80er-Jahre hinter die Sache gekommen bin. Ich weiß noch, dass der Weihnachtsmann einmal einen Schrubber aus unserem Keller und eine Tasche meiner Tante statt eines Sacks in der Hand hielt. Es war auch völlig klar, dass während der Bescherung immer ein Erwachsener gerade nicht im Raum war und erst wiederkam, nachdem der Weihnachtsmann sich verabschiedet hatte. 

Lesetipp: Seit 40 Jahren beantwortet Karlheinz Dünker die Weihnachtspost Zehntausender Kinder. Jeder der schreibt, erhält eine Antwort.

Damals habe ich nicht weiter darüber nachgedacht. Und später, als ich etwas größer war, habe ich gelacht – über mich und die Tricks der Erwachsenen. Heute kenne ich niemanden, der sich wegen der Geschichte als Kind betrogen fühlte. Vielleicht ist der Weihnachtsmann die einzige Lüge, die das Leben für alle schöner macht. Darum werde ich unserem Sohn erst dann die Wahrheit sagen, wenn er von selbst beginnt, den Weihnachtsmann infragezustellen.

Das größte Problem, das ich nun habe, ist dieser Text. Die Wahrscheinlichkeit, dass unser Sohn ihn liest, ist jedoch gering. Er hat verständlicherweise noch kein Smartphone, auf dem er ein Online-Magazin lesen könnte. Und ich hoffe, das bleibt vorerst so - auch wenn die Handy-Quote am Ende der Grundschule bei gefühlt 80 Prozent liegt. Dass der Weihnachtsmann ihm in den nächsten Jahren ein Smartphone bringt, daran glaube ich eher nicht.

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