Mädchen-Kolumne: Blick auf die Nachnamenwahl von Rotenburg bis Göttingen

„Weil es sich gehört“: So oft wählen Paare der Region den Nachnamen des Mannes

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Junge Paare der Region sind - zumindest bei der Wahl ihres Nachnamens - überraschend traditionell: Beispielsweise entschieden sich in Rotenburg 89 Prozent der Heiratenden für den Namen des Mannes.

Überall Ringfotos und neue Nachnamen: Unsere Kolumnistin erkennt ihre Facebook-Freundinnen nicht wieder - und hat sich bei örtlichen Standesämtern umgehört. So traditionell sind Paare der Region bei der Nachnamenwahl.

Seitdem ich Ende 20 bin, bekomme ich ständig Hochzeitseinladungen. Im Briefkasten landen gebastelte Kärtchen, auf Whatsapp kursieren Ring-Bilder, auf Instagram stehen Brautpaare im Wind. Das ist schön anzusehen, überall Liebe und Treue – toll. Hochzeiten sind aber auch verwirrend: Auf Facebook ändern sich ständig Nachnamen. Am meisten fällt mir das in der geschlossenen Gruppe meines Heimatdorfs auf. Ich kenne hier zwar alle Nasen – aber kaum noch Namen. Jedenfalls nicht die der Frauen in meinem Alter. 

Kaum eine der Verheirateten hat ihren Mädchennamen behalten. Erst habe ich gehofft, das wäre nur Zufall. Vielleicht übersehe ich die vielen modernen Männer, die bereitwillig ihren Jungsnamen abgeben. Doch dann habe ich stichprobenartig bei Standesämtern der Region nachgefragt. Und festgestellt: Es ist leicht, sie zu übersehen. Sie sind extrem selten. 

In Kassel entschieden sich im vergangenen Jahr 76 Prozent der Paare für den Namen des Mannes, in Homberg waren es 85 Prozent und in Rotenburg sogar 89 Prozent. 

Umso größer der Punkt, desto mehr Paare wählten im Jahr 2016 den Namen des Mannes: So entscheiden sich Heiratende in der Region (Angaben in Prozent)

Sehr wenige Heiratende wählten den Namen der Frau: 6 Prozent in Göttingen, 4 Prozent in Northeim. Schlusslicht unter den angefragten Standesämtern ist Baunatal: Nur ein einziges von 142 Paaren entschied sich für den Namen der Frau. Liebe Baunataler, was ist da los? 

Mittlerweile ist es ganze dreißig Jahre her, dass die Eherechtsreform von 1976/77 es Frauen ermöglicht, ihren Nachnamen zu behalten. Seit 1993 können auch beide Ehepartner an ihrem Namen festhalten. Mit diesen Möglichkeiten hat sich nicht viel geändert. Laut einer Studie des Marktforschungsinstituts GfK von 2014 behalten in Deutschland nur 18,8 Prozent der Frauen ihren Nachnamen, aber 61,9 Prozent der Männer. In den USA wünscht sich laut Soziologin Emily Fitzgibbons Shafer sogar die Hälfte der Bevölkerung, dass die Namensgebung durch den Mann gesetzlich verpflichtet würde. Dieser Wunsch verwirrt mich. Wieso sollten sämtliche Paare bevormundet werden? Es ist eine wichtige Errungenschaft, dass Frauen und Männer selbst wählen dürfen, mit welchem Namen sie sich identifizieren möchten. Natürlich ist die Entscheidung nicht leicht. Sie ist mit Diskussionen verbunden, sie verlangt von uns, dass wir uns mit uns selbst beschäftigen, dass wir uns fragen: Wie stehe ich eigentlich zu meinem Familiennamen, wie stehe ich zu dem meines Partners?

Ich habe meine Facebook-Freundinnen gefragt – wie läuft so eine Diskussion über den Nachnamen eigentlich ab? Die eine hat mir erzählt, dass sie ihren eigenen Namen schöner fand, ihr Mann aber „nicht so begeistert“ von der Idee war, ihn anzunehmen. Beruflich sei es für ihn von Vorteil gewesen, weiterhin gleich zu heißen. „Kurz hab ich über einen Doppelnamen nachgedacht", sagt sie. In der gesamten Region werden relativ selten Doppelnamen gewählt: 4 Prozent der Paare taten das in Northeim, 9 Prozent in Göttingen. Der Anteil der Heiratenden ohne einen gemeinsamen Ehenamen fällt in fast jeder befragten Stadt höher aus. Auch meine Freundin hat sich dagegen entschieden - damit die ganze Familie den gleichen Namen trägt. "Ich wollte genauso heißen wie die Kinder." Und dann setzt sie noch hinzu: "Es war schon auch wegen der Tradition."

Ähnlich formuliert es eine andere Facebook-Freundin: „Ich finde, dass es so gehört.“ Eine dritte Befragte sagt sogar: „Für mich war das selbstverständlich.“ Sie und ihr Mann seien sehr traditionell. Außerdem habe er den besseren Nachnamen. Ihren hätte sie „nur im Notfall“ behalten. Dann etwa, wenn sein Name nicht aussprechbar gewesen wäre. Sie ist 25 Jahre alt und aufgewachsen mit allen Wahlmöglichkeiten – doch sie will sie nicht. Natürlich hat sie jedes Recht, einen neuen Nachnamen anzunehmen. Es ist schön, dass der Name ihres Mannes sie glücklich macht. Dass die Namensänderung für sie ein willkommener Startschuss für den neuen Lebensabschnitt war. Mich erschreckt aber, dass es so wenige Männer gibt, die mit dem Namen ihrer Frau glücklich werden. Die mit einem solchen Wechsel in ihren neuen Lebensabschnitt starten wollen.

2016 haben in Kassel ungefähr so viele Männer den Namen ihrer Frau angenommen wie ihm Jahr 2010: Der Anteil liegt bei etwa 7 Prozent. In der gleichen Zeit hat sich die Anzahl der Eheleute, die sich gegen einen gemeinsamen Familiennamen entschieden haben, allerdings versechsfacht. Es gibt sie also, die nordhessischen Frauen, die an ihrem Namen festhalten. Nur: Viele Männer ziehen da nicht mit.

Mit Sicherheit leben in der Region einige Frauen, für die es beruflich von Vorteil wäre, bei ihrem Nachnamen zu bleiben. Deren Name eine lange Tradition hat, an dem viele Geschichten und Erinnerungen hängen. „Dein Name ist deine Identität“, so formuliert es die feministische Bloggerin Jill Filipovic. Wer ihn aufgibt, verabschiedet sich von einem Stück der eigenen Geschichte. Deine alten Klassenkameraden, Kollegen, Studienfreunde müssen sich sehr viel stärker anstrengen, um dich ausfindig zu machen. Wenn du deine Doktorarbeit veröffentlichst, wird deine Lehrerin vielleicht niemals erfahren, dass sie von dir ist. Wer wie die Mehrheit in den USA findet, dass Paare der Tradition folgen sollten, spricht allein dem Mann das Recht darauf zu, an diesem Teil seiner Identität festzuhalten.

Dass der Mann grundsätzlich Namensgeber einer Familie ist, stammt noch aus einer Zeit, in der Frauen von der Familie des Vaters in die Familie des Mannes wechselten. Der alte Begriff „Mädchenname“ legt nahe, dass sie erst zur Frau wurden, sobald sie ihren alten Namen ablegten - durch den Mann. Wir nutzen diesen Begriff noch heute. Wir wählen immer noch den Namen des Mannes – „Weil es sich so gehört.“ Wäre, wie immer wieder behauptet wird, die Gleichberechtigung von Mann und Frau tatsächlich in der Gesellschaft angekommen, würden Frauen ihren Nachnamen heute genauso oft behalten wie Männer. Dann gäbe es genauso viele Männer wie Frauen, die den Namen des anderen schöner finden und ihn übernehmen.

Ich finde es toll, dass sich in Baunatal zumindest ein Paar für den Namen der Frau entschieden hat. 3 Paare waren es in Homberg, 11 in Northeim, 27 in Göttingen und 77 in Kassel. Meine letzte Hochzeitseinladung habe ich aus Berlin bekommen: Eine Freundin schreibt, ihr Freund bekäme jetzt ihren Namen. „Weil er einfach schöner ist“, sagt sie. Ich wünsche mir, dass genau das viel häufiger zum wichtigsten Kriterium wird. Dass Paare grundsätzlich den Namen wählen, mit dem sie sich wohler fühlen – ganz egal, ob er vorher der Name des Mannes oder der der Frau gewesen ist.

Die Kolumne: Mädchentexte 

Mädchenbier, Mädchenauto, Mädchenelektro – häufig wird der Zusatz „Mädchen“ dazu genutzt, etwas abzuwerten oder abzuschwächen. Diese Kolumne soll einen Gegenpol bilden: In den Mädchentexten steht der Zusatz „Mädchen“ für Stärke. Die Texte richten sich dabei an alle Menschen, ganz egal welchen Geschlechts. Mehr Informationen dazu gibt es im Auftakt der Kolumne: „Wenn Jungs Mädchenelektro hören und Mädchen zuschlagen“.

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