"Man kann Umweltschutz sexy machen"

Sieben Tipps: So kann man ohne Plastik leben - zumindest fast

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Welche Folgen die Plastikflut hat, sieht man zum Beispiel am Strand von Dakar, der Hauptstadt des Senegal.

Die Horrormeldungen über Plastik häufen sich. Dabei kann man viel Müll aus Kunststoff vermeiden, der das Ökosystem der Weltmeere bedroht. Ein Experte gibt Tipps.

Das globale Plastik-Problem ist größer als bislang angenommen. Forscher des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) in Bremerhaven haben in der Arktis mehr als 12.000 Mikroplastikteilchen pro Liter Eis gefunden. Das überstieg selbst ihre schlimmsten Befürchtungen. Durch die Nahrungskette und Fische, die bei uns auf dem Teller landen, werden wir ebenfalls viel Plastik aufnehmen - mit welchen Folgen, das kann derzeit noch niemand sagen. Auch deshalb fordert der Grünen-Politiker Robert Habeck eine EU-weite Steuer auf Wegwerfprodukte aus Plastik.   

Christoph Schulz kämpft bereits seit langem gegen den Plastikwahnsinn. Als er vor einiger Zeit seine Eltern besuchte, hat er mehr Müll gemacht als sonst. Eigentlich lebt der 29-Jährige aus Berlin fast komplett plastikfrei, aber Mama und Papa haben seine Lebensweise "noch nicht so verinnerlicht", wie er sagt. Also aß Schulz daheim in Uelzen einen Joghurt aus einem Plastikbecher.

Es ist nicht ganz einfach, im Alltag immer auf Plastik zu verzichten. Trotzdem kann man viel Müll vermeiden. Hier gibt Schulz nützliche Tipps. Der gelernte Bankkaufmann ist mittlerweile Plastik-Experte. Auf Sri Lanka sah er Strände voller Müll und Fotos von Fischen und Vögeln, die verhungerten, weil ihr Magen voller Plastikteile war.

Seitdem betreibt der digitale Nomade einen Online-Shop für plastikfreie Waren, organisiert Müllsammelaktionen (Clean-ups) und gibt in seinem Blog Tipps, wie man Müll vermeidet. Schulz ist Anhänger der Zero-Waste-Bewegung, die so wenig Müll wie möglich machen will, während jeder Deutsche im Jahr für 450 Kilo Abfälle verantwortlich ist. Sein Motto lautet: "Man kann Umweltschutz sexy machen."

Dieses Video ist ein Inhalt der Videoplattform Glomex und wurde nicht von der HNA erstellt.

1) Wasser aus dem Hahn trinken

In seine Berliner Wohnung schleppt Schulz keine Plastikflaschen mehr. Wenn er Durst hat, dreht er einfach den Wasserhahn auf. Trinkwasser gilt hierzulande als das am besten kontrollierte Lebensmittel. Es kommt garantiert ohne Plastikpartikel aus dem Hahn. Und für das Klima ist es auch besser, heimisches Wasser zu trinken, als etwa Volvic aus Frankreich mit dem Laster ankarren zu lassen.

Wie sinnvoll Flaschen- und auch Dosenpfand sind, hat Schulz auch auf Sri Lanka festgestellt, wo es keine Rückgabesysteme gibt: "Wenn die Leute eine Flasche ausgetrunken haben, hat sie keinen Wert mehr und landet am Strand." So ist es in vielen Ländern in Fernost. Die Umweltorganisation Ocean Conservancy hat ausgerechnet, dass die fünf asiatischen Länder China, Indonesien, Vietnam, Thailand und die Philippinen für die Hälfte des Plastikmülls verantwortlich sind, der im Meer landet.

Plastikgegner Christoph Schulz beim Müllsammeln auf Sri Lanka. 

2) Keine Plastiktüten verwenden

Mittlerweile weiß jeder, dass es besser ist, Beutel oder Rucksäcke zum Einkaufen mitzunehmen, statt sich jedes Mal eine neue Plastiktüte geben zu lassen. Und trotzdem gehen immer noch viel zu viele Kunststofftaschen über die Ladentheke, obwohl sie meist auch noch Geld kosten. Während viele Lebensmittelketten die Plastiktüte bereits ausgemustert haben, sah Schulz zuletzt beim Discounter Netto eine Melone mit Plastikgriff. "Wie degeneriert ist das denn?", fragte sich Schulz und schrieb dem Unternehmen eine Mail. Eine Antwort hat er bislang nicht bekommen. 

Sein Tipp: Das allermeiste Obst und Gemüse gibt es immer auch ohne Plastik. In Kassel gibt es seit vorigem Jahr einen Laden, der gänzlich ohne Verpackungen auskommt. Für ihr Projekt in der Südstadt hat die 23 Jahre alte Unternehmerin Helen Neuwirth per Crowdfunding mehr als 25.000 Euro gesammelt. Das findet auch Schulz prima, der seine Brötchen beim Bäcker in mitgebrachte Beutel packen lässt, auch wenn er manchmal noch schief angeschaut wird. Und obwohl die Hygienebestimmungen der EU strikt sind, packt er Wurst und Käse noch an der Theke in seine Schälchen, die er zum Einkaufen mitnimmt.

3) Spülmittel selbst mixen

Am Ende eines Monats hat Schulz nur einen 35-Liter-Beutel mit Plastikmüll voll gemacht. Das ist schon ganz schön wenig und liegt auch daran, dass Schulz kein Spülmittel kauft. Er mischt es lieber selbst zusammen, zum Beispiel aus Natronlauge und einer Pflanzenseife. Wie das am besten geht, sieht man auf Youtube-Tutorials. Laut Schulz, der auch lieber feste statt flüssige Seife verwendet und darauf achtet, kein Duschgel mit Mikroplastikanteilen zu kaufen, ist das Selbermachen nicht viel Aufwand: "Das dauert fünf Minuten."

4) Holzzahnbürsten kaufen

Mediziner empfehlen, alle zwei Monate die Zahnbürste zu wechseln. Das sorgt für bessere Zähne, aber auch für einen riesigen Müllberg. Schulz ist daher auf Holzzahnbürsten umgestiegen. Die gibt es allerdings noch nicht im Supermarkt, sondern nur im Internet.

5) Über Plastik reden

Vielen ist gar nicht bewusst, wie viel Müll sie produzieren, denn das meiste landet ja im Gelben Sack und daher im Recycling-Kreislauf. Allerdings ist es sehr aufwändig, Plastik in neue Produkte umzuwandeln. Dass sich die Produktion von Plastik in den vergangenen 50 Jahren verzwanzigfacht hat, macht die Sache nicht einfacher. Mittlerweile sind es 311 Millionen Tonnen im Jahr. Davon landet immer mehr im Meer - laut Wissenschaftlern sind es bereits 150 Millionen Tonnen, jedes Jahr kommen acht Millionen dazu. Geht das so weiter, wiegt der Plastikmüll im Meer im Jahr 2050 mehr als alle Fische zusammen.

Die leiden besonders darunter. In Nord- und Ostsee haben bereits fünf Prozent aller Tiere Kunststoffe im Verdauungstrakt, wie Forscher herausgefunden haben. Längst gibt es damit einen anderen Kreislauf neben dem Recycling: Was wir wegschmeißen, landet irgendwann wieder auf unserem Teller. Darüber kann man ruhig mit anderen mal reden.

6) Auf der Tastatur schreiben

Trotz aller negativen Folgen: In einer komplett plastikfreien Welt will derzeit nicht einmal der Plastikverächter Schulz leben. Ohne die aus Erdöl oder Erdgas gewonnen Kunststoffverbindungen würde kein Flugzeug abheben, auch Autos wären viel zu schwer und alternative Energien wie Windkraftanlagen gäbe es auch nicht. Plastik ist leicht und trotzdem stabil, es ist billig und zugleich unbezahlbar, weil man es noch nicht ersetzen kann. Auch Schulz nicht. Ohne Plastik könnte er nicht gegen Plastik kämpfen, denn Computer-Tastaturen ohne Kunststoff sind noch die absolute Ausnahme.

7) Urlaub auf Föhr machen

Wer wissen will, wie eine Zukunft ohne Plastik aussehen könnte, sollte nach Föhr reisen. Die Nordseeinsel hat 2016 das Modellprojekt "Plastikfrei wird Trend" gestartet. Gemeinsam suchen Naturschützer, Unternehmer, Fischer, Tourismus-Experten und Forscher nach Alternativen. Schon jetzt gibt es in manchen Geschäften Pfandsysteme für Stoffbeutel. Aber auch auf Deutschlands zweitgrößter Nordseeinsel hat man festgestellt, dass Plastik manchmal noch unschlagbar ist: Die Süßigkeiten in der Bonbon-Kocherei werden nicht in Beutel aus Papier verpackt, das zu viel Flüssigkeit zieht, sondern in Plastiktütchen.

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