Heute ist Weltkrebstag

Interview mit Forscher: „Krebs ist kein Todesurteil mehr“

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Dank Fortschritten in der Medizin ist Krebs heutzutage längst kein Todesurteil mehr. 

Vor keiner anderen Krankheit fürchten sich die Deutschen so sehr wie vor Krebs. Nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind bösartige Tumore die zweithäufigste Todesursache in Deutschland. Anlässlich des heutigen Weltkrebstages betonen Experten: Das Erkrankungsrisiko lässt sich mindern.

Rocklegende David Bowie, Motörhead-Sänger Lemmy Kilmister und Harry-Potter-Star Alan Rickman haben eines gemeinsam: Sie sind alle kürzlich an Krebs gestorben. In Deutschland erkrankt jeder zweite Mann und fast jede zweite Frau an Krebs.

Zum heutigen Weltkrebstag sprachen wir mit Professor Rudolf Kaaks, dem Leiter der Abteilung für die Epidemiologie von Krebserkrankungen am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. Er erklärt, wie jeder Mensch für sich das Risiko, an Krebs zu erkranken, senken kann und welche Fortschritte es in der Krebsforschung gibt.

Bereits 1960 glaubte Warren Cole, der damalige Präsident der Amerikanischen Krebsgesellschaft, die Krankheit könne innerhalb kurzer Zeit geheilt werden. Warum ist das bis jetzt, immerhin über 50 Jahre später, noch immer nicht möglich?

Rudolf Kaaks, Krebsforscher Heidelberg

Rudolf Kaaks: Der Krebs ist ja eine sehr komplexe Sammlung von vielen Erkrankungen. Da jede Krebsart für sich sehr unterschiedlich ist, kann nicht auf die Schnelle ein Heilmittel für alle Erkrankungen entwickelt werden. Gleichzeitig möchte ich aber betonen, dass sich seit den 60er-Jahren viel in der Krebsforschung getan hat. Die Sterblichkeitsrate bei Erkrankten ist bei weitem nicht mehr so hoch wie damals. Natürlich ist der Krebs nicht völlig bewältigt worden, aber die Fortschritte, die in der Medizin gemacht wurden, sind astronomisch.

Kann man anhand der bisherigen Entwicklung in der Krebsforschung schon Prognosen aufstellen?

Kaaks: Das ist nur schwer möglich. Man kann immer versuchen, aus der Vergangenheit Schlüsse zu ziehen und das Gelernte in der Zukunft anzuwenden. Die Möglichkeit, plötzliche Sprünge in der Forschung zu machen, ist immer da. Ein großer Durchbruch ist beispielsweise kürzlich mit der Immuntherapie gelungen.

Was genau versteht man unter diesem Begriff?

Kaaks: Die Immuntherapie ist eine Behandlungsform, bei der das Immunsystem zur Krebsbekämpfung beeinflusst wird. Mit der Therapie können Krebszellen teilweise wirksam bekämpft werden. Solche medizinischen Sprünge sorgen dafür, dass die Diagnose Krebs heutzutage längst kein Todesurteil mehr ist.

Experten sprechen davon, dass man die Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu erkranken, durch den richtigen Lebensstil deutlich verringern kann. Stimmt das?

Kaaks: Absolut. Dazu gab es auch in den vergangenen 50 Jahren tausende Studien. Was wir wissen: Das Rauchen ist ein enorm hoher Risikofaktor und kann nicht nur zu Lungenkrebs, sondern auch zu Mundhöhlen-, Rachen- und Speiseröhrenkrebs führen. Da sind eine ganze Reihe von Organen betroffen, wenn auch nicht alle gleich stark gefährdet sind. Ein Beispiel: Würde man in Deutschland das Rauchen verbieten, würde man die Gesamtzahl der aufgetretenen Krebsfälle um rund 20 Prozent verringern. Man kann das Krebsrisiko enorm senken, wenn man gesund lebt. Ein weiterer Faktor neben dem Rauchen ist beispielsweise der Alkoholkonsum.

Das heißt also vereinfacht gesagt: Will man später nicht an Krebs erkranken, sollte man nicht rauchen, keinen Alkohol trinken und am besten noch Sport machen.

Kaaks: Genau, das ist richtig. Studien zeigen auch immer wieder, dass es einen großen Zusammenhang zwischen mehr Bewegung und weniger Krebserkrankungen gibt. Körperliche Aktivität senkt das Risiko für Darm- und Brustkrebs. Und Sport hat noch einen weiteren Vorteil: Das Risiko, Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu erleiden, ist ebenfalls deutlich geringer.

Würden Sie sagen, dass bei den Menschen das Bewusstsein vorhanden ist, wie stark sich der eigene Lebensstil letzten Endes auf die Gesundheit auswirken kann?

Kaaks: Da erlebe ich ganz unterschiedliche Reaktionen. Es gibt sicherlich viele Personen, die sich sehr für das Thema Gesundheit interessieren und dementsprechend auch auf ihren Körper achten. Auf der Gegenseite gibt es viele Menschen, die sagen, der Aufruf zu einem gesunden Lebensstil sei nur Moralismus. Ich persönlich denke als Forscher, dass das Interesse in unserer Gesellschaft, für die eigene Gesundheit etwas zu tun, unterschiedlich stark verbreitet ist.

Was muss Ihrer Meinung nach noch geschehen, damit sich dieses Bewusstsein stärker innerhalb der Gesellschaft einbrennt?

Kaaks: Auf der einen Seite sollte jeder die Möglichkeit wahrnehmen, zu Vorsorgeuntersuchungen zu gehen. Sollte man wirklich an Krebs erkranken, kann er immerhin so noch rechtzeitig entdeckt und auch behandelt werden. Gleichzeitig ist es wichtig, dass die Leute wissen, wie sie das Risiko, an Krebs zu erkranken, senken können. Und das geht nur, indem man das Thema immer wieder in der Öffentlichkeit anspricht.

Zur Person: Rudolf Kaaks (55) ist Leiter der Abteilung für Epidemiologie von Krebserkrankungen am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg. Er stammt aus den Niederlanden, lebt aber jetzt gemeinsam mit seiner Frau in Heidelberg. Für das DKFZ arbeitet er seit dem Jahr 2006. Zuvor war er unter anderem für die Internationale Krebsagentur in Lyon sowie Universitäten in Schweden und den Niederlanden tätig.

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