Wildrinder sollen wieder heimisch werden

Wisent-Herde nahe nordhessischer Grenze freigelassen

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Wisent-Herde nahe nordhessischer Grenze freigelassen

Bad Berleburg. Einst waren Wisente vom Aussterben bedroht. Nun leben die ersten Wildrinder in Deutschland wieder in freier Natur. Experten beruhigen: Wanderer brauchten sich nicht zu fürchten.

Erstmals seit Jahrhunderten leben Wisente wieder frei in einem deutschen Wald. Die mächtigen Wildrinder wurden am Donnerstag im Rothaargebirge in die Freiheit entlassen. Die acht Tiere waren drei Jahre lang in einem umzäunten Gehege nahe Bad Berleburg auf ihre Auswilderung vorbereitet worden. Nun wurde ein erstes Stück des vier Kilometer langen Zauns um das Gehege geöffnet.

„Das ist ein großer Augenblick für den Artenschutz“, sagte Bad Berleburgs Bürgermeister Bernd Fuhrmann (parteilos). Es habe sich während der Vorbereitung gezeigt, dass von den größten Landsäugetieren keine Gefahr für den Menschen ausgehe. „Wisente sind zwar groß und mächtig, aber auch friedliebend und scheu.“

Dass Wanderer den mächtigen Tieren begegnen könnten, halten die Experten angesichts des mehr als 3000 Hektar großen Waldgebietes für gering. „Wir haben sie darauf trainiert, dass sie sich zurückziehen, wenn etwas Fremdes auftaucht“, sagte Wisent-Ranger Jochen Born.

Der Umweltschutzverband WWF begrüßte das Auswilderungsprojekt: Damit erhalte Deutschland ein Stück biologische Vielfalt zurück. Bis zum Herbst will der Verband prüfen, in welchen deutschen Wäldern Wisente noch langfristig wieder angesiedelt werden könnten. Auch die großflächige Rückkehr von Elch, Wolf und Luchs sei wünschenswert - und eine der größten Herausforderungen für den Naturschutz in Deutschland, teilte der Verband am Donnerstag mit.

Offizielle Seite des Projekts

Künftig soll der Wisent als „König der Wälder“ aber erst einmal im Wald von Richard Prinz zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg leben. Er hatte vor zehn Jahren auch das Artenschutz-Projekt angestoßen, das für Westeuropa bisher einmalig ist. „Ich habe mich darüber geärgert, dass Wolf und Luchs hier wieder heimisch werden sollen“, erklärte er. Weil diese Wildtiere gefährlich seien, habe er lieber die großen Pflanzenfresser zurück in ihre angestammte Heimat holen wollen.

Drei Jahre lang hatten Ranger das Verhalten der Wisente beobachtet, die aus verschiedenen Teilen Europas ins Siegerland geholt worden waren. Nun stimmten auch die Behörden einer Freisetzung zu. Auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands sei der Wisent seit dem 16. Jahrhundert ausgerottet, sagte Uwe Riecken vom Bundesamt für Naturschutz. Im früheren Ostpreußen habe es die Tiere aber noch bis ins 18. Jahrhundert gegeben.

Nun leben die Ur-Rinder erstmals westlich der Oder wieder ohne Zaun. Das Projekt sei nicht nur für die Region wichtig. „Es gibt eine hohe internationale Aufmerksamkeit. Andere Projekte in den Niederlanden, Frankreich und in Dänemark stehen in den Startlöchern“, sagte Riecken.

Deutschland könne sich durch das Wisent-Projekt auch international glaubwürdiger für den Artenschutz einsetzen, sagte Riecken. „Wenn wir den Schutz von Nashörnern in Ostafrika einfordern, dann müssen wir uns auch fragen, wie wir hier mit dem Artenschutz umgehen.“ (dpa)

Hintergrund: Der Wisent ist Europas größtes Landsäugetier

Sie können fast eine Tonne schwer werden und bringen damit ungefähr das Gewicht eines Kleinwagens auf die Waage. Der Wisent (Bison bonasus) ist mit bis zu drei Metern Länge und knapp 1,90 Metern Schulterhöhe das größte Landsäugetier Europas. Ihre nächsten Verwandten sind die amerikanischen Bisons. Erwachsene Stiere können bis zu 920 Kilo wiegen, die kleineren Kühe werden bis zu 640 Kilogramm schwer.

Die Wildrinder bevorzugen Mischwälder als Lebensraum. Als Pflanzenfresser stehen Laub, Wurzeln, kleinere Äste und Baumrinde auf ihrem Speiseplan. Das auch Europäischer Bison genannte Wildrind mit braunem Fell lebt in Herden von 12 bis 20 Tieren zusammen, die von einer Leitkuh angeführt werden. Ältere Bullen leben als Einzelgänger, junge Bullen streifen in kleinen Gruppen durch ihr Revier.

Früher waren Wisente in weiten Teilen Europas heimisch. Auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands verschwanden sie seit dem 16. Jahrhundert. In Ostpreußen gab es sie noch bis ins 18. Jahrhundert.

Vor 90 Jahren wäre die Art fast komplett verschwunden: Nachdem im Kaukasus der letzte freilebende Wisent geschossen wurde, gab es lediglich noch wenige Tiere in Gehegen und Tierparks. Aus diesem kleinen genetischen Pool wurde in den vergangenen Jahrzehnten der Bestand wieder auf mehr als 3000 Tiere vergrößert.

Immer noch ist enormer züchterischer Aufwand nötig, um Inzucht zu vermeiden. Das internationale Zuchtbuch wird im polnischen Bialowieza geführt, wo Wisente in einem polnisch-weißrussischen Nationalpark leben. In deutschen Zoos und Wildparks leben rund 500 Tiere.

Wisente sind vom Wesen eher ruhig und gelassen, können kurzzeitig aber Höchstleistungen erbringen. Sie können bis zu 60 Stundenkilometer schnell werden und bis zu zwei Meter hohe Hindernisse überwinden. Auf den Menschen reagieren freilebende Wisente üblicherweise mit Flucht. Die Wisent-Herde im Rothaargebirge ist drei Jahre lang auf die Auswilderung vorbereitet worden. Dazu gehörte auch, die Reaktion der Tiere in extremen Situationen zu testen. (dpa)

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