Einst bedrohte Tierarten siedeln sich wieder an

Wölfe, Luchse & Co.: Die Rückkehr der Wilden

Wölfe, Luchse und Wildkatzen werden in Deutschland mehr und mehr heimisch. Naturschützer starteten Projekte, um den Lebensraum der Tiere zu erweitern. Aber es gibt auch Probleme.

Das vergangene Jahr war geprägt von vielen Schreckensnachrichten. Doch es gibt auch Gutes zu vermelden. Zum Beispiel die wieder steigende Artenvielfalt in der Natur. Da draußen, hinter den Städten, in Wald und Flur, gibt es Raum zum Entspannen und Entdecken. Längst totgeglaubte Tierarten sind wieder heimisch geworden, Luchse und Wildkatzen streifen durch die Wälder, der Wolf breitet sich aus. Diese drei Arten beleuchten wir als Beispiele der neuen, alten Vielfalt.

Die Wildkatze

Der scheue Geselle meidet den Lebensraum von Menschen. Dennoch ist die Europäische Wildkatze, die vor Jahrzehnten als ausgestorben galt, wieder da. 5000 bis 7000 Exemplare leben in Deutschlands Wäldern. Diese Schätzung wird ermöglicht durch ein Projekt des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND) namens Wildkatzensprung. Um den Bestand zu ermitteln, wurden Lockstäbe mit Baldrian aufgestellt, ein verführerisches Mittel für die Katzen. Sie reiben sich daran, verlieren Haare. Tierschützer sammeln sie auf und untersuchen sie genetisch, die Ergebnisse fließen in eine Gendatenbank ein.

Breitet sich auch in unseren heimischen Wäldern wieder aus: Die Europäische Wildkatze. 2 Fotos: dpa

Um den Tieren, die übrigens keine verwilderten Hauskatzen, sondern eine eigene Art sind, weitere Lebensräume zu schaffen, will das Projekt Wildkatzensprung Waldgebiete auch in Hessen und Niedersachsen sowie in Thüringen, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg durch grüne Korridore verbinden. Dort, wo Straßen oder Siedlungen den natürlichen Weg versperren, werden Bäume und Büsche gepflanzt, an denen entlang die Tiere laufen können. Ziel ist ein deutschlandweiter Waldverbund.

Das nordhessische Bergland hat nach Angaben des Jagdvereins Hubertus Kreis Eschwege einen der größten Bestände von Wildkatzen in ganz Deutschland. Der Verein hat das Projekt „Wildkatzenland an Werra und Meißner“ ins Leben gerufen, das zum Ziel hat, die Vorkommen in Nordhessen, Südniedersachsen und Westthüringen zu schützen. Das ist nur ein Beispiel von vielen. Einen Wildkatzenkorridor gibt es auch im Kreis Waldeck-Frankenberg, ähnliche Projekte laufen in Harz und Solling. Die Wildkatzen stehen unter Naturschutz. Sie lassen sich nicht zähmen, leben versteckt. Die Art wurde bereits in den 1920er-Jahren ins Jagdgesetz aufgenommen – mit ganzjähriger Schonzeit. Ziel: Schutz vor Verfolgung.

Der Luchs

Größte Katze Europas: Der Luchs, hier aufgenommen 2014 im Harz.

„M 2“ kam aus Niedersachsen nach Hessen. Auf leisen Pfoten durchstreifte er den Harz, später den Werra-Meißner-Kreis, die Kreise Kassel und Schwalm-Eder. Die Wege des Luchses wurden von Forschern per GPS genau verfolgt. Experten des Nationalparks Harz, die ihm auch den streng wissenschaftlichen Namen gaben, hatten ihn bereits im Jahr 2010 mit anderen Artgenossen ausgewildert, um seine Wege und sein Verhalten zu beobachten. Mit Erfolg. Heute hat sich die scheue Katze ihren Lebensraum zurückerobert. Vor wenigen Wochen sah ein Naturfotograf einen Luchs auf dem Hohen Meißner, der neugierig schaute und sich dann zurückzog. Ohne Hast und mit Würde. 90 gesicherte Luchsnachweise gibt es laut Umweltministerium in Hessen. Die Tendenz auch in Niedersachsen: steigend.

Der Wolf – geliebt und gehasst 

Zugegeben: Halter von Schafen und Landwirte sind nicht unbedingt erfreut über die wachsende Zahl von Wölfen in Deutschland. Es sind Raubtiere, die Schafe reißen und dabei auch vor Zäunen nicht kapitulieren. Trotzdem: Dass der Wolf, der einst als ausgestorben galt, wieder gesichtet wird, fasziniert Naturfreunde und Tierschützer. Der Mythos des Bösen ist falsch, Wölfe greifen Menschen so gut wie nie an, sondern laufen meist bei Sichtkontakt davon.

Mythos Wolf: Als Märchenfigur ein Symbol des Bösen, im wirklichen Leben menschenscheu.

Der letzte in Hessen bestätigte Wolf lebte im Reinhardswald, im April 2011 wurde er tot aufgefunden. Der Landesjagdverband hält eine Wiederansiedlung in Hessen für wahrscheinlich. In Niedersachsen sind nach Zahlen der Landesjägerschaft mindestens 50 Wölfe unterwegs. Die größten Populationen gibt es im Osten. Bundesweit streifen laut Wolfs-Monitoring (Stand April 2015) über 300 Wölfe durch die Wälder.

Zwischen Artenschutz und Abschuss

Lange Jahre gab es den Konflikt zwischen Menschen und Wölfen nur im Märchenbuch. Seitdem die Tiere sich aber wieder in Deutschland ausbreiten, gibt es kontroverse Debatten um die Folgen für Wald und Natur. Der Wolf ernährt sich nach Angaben des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu) von Rehen, gefolgt von Rothirschen und Wildschweinen. Das haben Untersuchungen in der Lausitz ergeben. Befürchtungen, Wölfe würden ganze Wälder leer fressen, sind nach Einschätzung des Nabu aber unbegründet. Sie erbeuten nur einen geringen Teil des Wildes.

Der Wolf, der vor allem aus Polen und Tschechien wieder eingewandert ist, steht unter Artenschutz, darf also nicht bejagt werden. Im niedersächsischen Goldenstedt, wo eine Wölfin mittlerweile 31 Schafe gerissen hat, davon 13 eines einzelnen Schäfers, wurden Rufe nach Abschuss laut. CDU und FDP brachten das Thema in den Landtag ein, hatten aber keinen Erfolg. Ilka Reinhardt, Leiterin des Lupus--Instituts für Wolfsbeobachtungen im sächsischen Rietschen, erklärte, Schäfern helfe es nicht dauerhaft, wenn ein Wolf erlegt werde. Besser sei, sie bei Schutzmaßnahmen zu unterstützen.

Auch Luchse und Wildkatzen gehen auf die Jagd, werden aber das Gleichgewicht der Natur nicht durcheinanderbringen. Wildkatzen ernähren sich vor allem von Mäusen, auch große Insekten, Vögel und Eidechsen werden nicht verschmäht. Luchse verspeisen Rotwild, Hasen und Füchse.

Nach Ansicht des Nabu muss sich der Artenschutz nach der Rückkehr wilder Tiere verändern. Natürlich müsse das Überleben der Populationen gesichert werden. Aber es müssten auch Wege gefunden werden, Konflikten zu begegnen. Nutztierhalter müssten Ausgleichszahlungen für gerissene Tiere erhalten. Ein gemeinsames Wildtiermanagement mehrerer Länder könne hilfreich sein. Nur mit der Keule des Abschusses sollte nicht sofort gedroht werden.

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