"An die MEZ sind wir seit Jahrhunderten gewohnt"

Schlafforscher zur Zeitumstellung: "Die Winterzeit sollte immer gelten"

+
Manche sind schon ziemlich müde von der Diskussion um die Zeitumstellung, Sommerzeit und Winterzeit. Vielleicht ist damit bald Schluss.

Diesen Sonntag werden die Uhren wieder zurückgestellt. Doch mit der Zeitumstellung soll Schluss sein. Die favorisierte Sommerzeit hat aber einen großen Nachteil, wie Schlafforscher Walter Knüppel sagt.

Nach jahrelanger Diskussion will die EU nun die ungeliebte Zeitumstellung abschaffen. Ist das ein Fehler?

Walter Knüppel: Nein, die Entscheidung ist richtig. Die Zeitumstellung bringt nichts außer Unannehmlichkeiten. Eingeführt wurde sie Anfang der 80er-Jahre nach der Ölkrise, um Energie zu sparen. Das hat sich längst als nicht richtig erwiesen. Ich hoffe, dass die EU die Zeitumstellung tatsächlich abschafft.

Welche Zeit sollte in Zukunft gelten: die ewige Sommer- oder Winterzeit?

Knüppel: Am günstigsten wäre die Mitteleuropäische Zeit (MEZ), wie die Winterzeit eigentlich heißt. Zwar sprechen sich in Umfragen die meisten Menschen für die Sommerzeit aus, was wahrscheinlich daran liegt, dass sie gern Sommer haben - wie die meisten von uns. Aber an die MEZ sind die Menschen seit Jahrhunderten gewohnt. Hätte es Ende der 70er-Jahre nicht die Diskussion um die Energie gegeben, würde sie auch heute noch das ganze Jahr gelten. Ihr Hauptproblem ist der Name. Der Begriff Winterzeit ist nicht gut gewählt.

Ihr Kollege Dieter Kunz vom Berliner St.-Hedwig-Krankenhaus hat gerade in einem Interview gesagt: "Die Abschaffung der Zeitumstellung ist auf Dauer nicht gesund."

Knüppel: Das sehe ich anders. Die Zeitumstellung hat sich nicht als richtig erwiesen. Wichtig ist jedoch, dass es eine einheitliche europäische Regelung gibt und keinen Flickenteppich.

Dieses Video ist ein Inhalt der Videoplattform Glomex und wurde nicht von der HNA erstellt.

Danach sieht es nicht aus. Österreich hat sich bereits für die ewige Sommerzeit ausgesprochen. In unseren Breitengraden würde die Sonne Ende Dezember dann erst um halb zehn aufgehen. Was würde das mit unserem Körper machen?

Knüppel: Dann werden die, die jetzt noch für die Sommerzeit sind, anfangen zu lamentieren. Es würde später hell werden. Viele Menschen hätten Probleme, rechtzeitig in Gang zu kommen, weil ihnen der natürliche Lichtgeber fehlen würde. Doch keine Schule wird deswegen den Beginn verschieben, und auch Arbeitsabläufe können nicht einfach umgestellt werden. Langfristig würden wir uns auch daran gewöhnen, aber ideal wäre das nicht.

Sie würden darum die Winterzeit das ganze Jahr gelten lassen. Im Sommer würde die Sonne dann schon schon mitten in der Nacht aufgehen.

Knüppel: Das ist früher auch schon so gewesen. Menschen, die so alt sind wie ich oder älter, sind damit aufgewachsen. Das war damals kein Problem. Und ich sehe auch heute keins. Im Sommer sind die Phasen mit hellem Licht nun mal länger. Als Schlafforscher kenne ich noch einen weiteren Vorteil der Winterzeit.

Welchen denn?

Knüppel: Wir wären ausgeschlafener. Derzeit leiden viele Menschen unter einem Schlafdefizit. Die Sommerzeit verleitet dazu, länger aufzubleiben, weil es an lauen Sommerabenden so lang hell ist. Vor allem wegen der Aktivitäten bis tief in die Nacht ist unsere Schlafenszeit viel zu kurz. Es ist jedoch wichtig, rechtzeitig ins Bett zu kommen.

Trotz des eindeutigen Votums in der EU-Umfrage könnte es sein, dass es noch einige Winter dauert, bis die Zeitumstellung abgeschafft wird. Viele Menschen werden sie weiter für Schlafstörungen verantwortlich machen. Welche Auswirkungen hat das Drehen am Uhrzeiger auf unseren Körper?

Knüppel: Die Verlängerung der Nacht Ende Oktober ist für die meisten eher willkommen. Aber auch die Nachwirkungen der Umstellung Ende März merkt man nur wenige Tage. Spätestens nach einer Woche ist es vorbei. Mit einem Jetlag nach einem Flug nach Asien kann man das nicht vergleichen. Und auch Arbeiter im Schichtdienst haben größere Schwierigkeiten.

Was raten Sie sensiblen Menschen, die Zeitumstellung ohne Probleme zu überstehen?

Knüppel: Sie sollten bereits zwei bis drei Tage vorher versuchen, eine Stunde früher ins Bett zu kommen. Manchen hilft danach auch ein kurzer Mittagsschlaf. Er sollte allerdings nicht länger als eine Viertelstunde sein.

Walter Knüppel

Zur Person

Walter Knüppel, Chefarzt für Innere Medizin, leitet das Schlaflabor im Krankenhaus in Bad Arolsen. Der 58-Jährige lebt auch in Bad Arolsen.

Hier gibt ein Schlafforscher "zwölf Tipps für einen perfekten Schlaf".

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.