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Elternzeit: Wie unsere Kinder dank zweier Kaninchen lernten, dass wir alle schwule Mädchen sind

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Von: Matthias Lohr

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ILLUSTRATION - Ein Kaninchen schaut aus einem Weidenkorb, aufgenommen am Montag (06.04.2009) auf einer Wiese im brandenburgischen Sieversdorf (Oder-Spree). Das Osterfest steht kurz bevor. Foto: Patrick Pleul dpa/lbn +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit
Da schau her: Kaninchen kann man nicht anders als süß finden. © dpa

Die Kinder unseres Autors wollten unbedingt Kaninchen haben. Nach einem Jahr mit den Tieren haben sie viel über das Leben gelernt - sogar über Nazis, Heidi Klum und Sex.

Als unsere Kinder uns ihren größten Wunsch vortrugen, war ich bereits gewarnt. Sie wollten unbedingt zwei Zwergkaninchen haben. Alle, denen ich davon erzählte, rieten mir: "Regel bloß per Vertrag, dass sie sich immer selbst um die Tiere kümmern. Sonst musst du die Hasen bald füttern und den Stall ausmisten." Ich hielt das für keine gute Idee, denn wenn man für eine Zehnjährige und einen Siebenjährigen den Notar spielen muss, ist das kein gutes Zeichen für elterliche Autorität. Sollte man seinen Kindern nicht mit auf den Weg geben, dass man Dinge im Leben möglichst ohne anwaltliche Hilfe regelt?

Jedenfalls haben wir vor einem Jahr darauf verzichtet, einen Vertrag zu unterzeichnen. Die gute Nachricht ist: Die Kaninchen sind noch nicht verhungert. Und der Stall wird dank meiner Interventionen auch relativ regelmäßig gesäubert. Aber ein bisschen Sorgen mache ich mir schon, wie lang das noch gut geht. In den ersten Monaten haben sich unsere Kinder quasi Tag und Nacht um Frieda und Möhrchen gekümmert. Sie wollten die Tiere sogar mit in die Schule nehmen. Wenn nachts ein Waschbär mit seiner Pranke Frieda ein Stück Fell herausgekratzt hatte, sorgten sie sich wie die besten Eltern der Welt um sie. Und sie projizierten die gesamte Welt auf ihre Haustiere, weshalb der Fußball-Nationalspieler Mesut Özil bei uns nur noch Möhrchen heißt - wegen der Glubschaugen, die Mensch und Tier in diesem Fall gemeinsam haben.

Ich schüttelte den Kopf über meine Kollegin, die mir zuvor empfohlen hatte, bloß keine Jungtiere zu kaufen, weil man die im schlimmsten Fall zwölf Jahre am Hals habe. Besser sei es, ältere Tiere zu nehmen. Die sei man früher los. Natürlich hatten sich unsere Kinder beim Hasenzüchter die kleinsten und süßesten Exemplare ausgesucht. Der Mann, dessen Kaninchen schon mit deutschen und europäischen Meistertiteln ausgezeichnet worden waren, hatte gesagt: "Die beiden könnt ihr haben. Das Männchen hat ein zu rotes Fell, und das Weibchen einen Fleck über der Schnauze. Das gibt bei Meisterschaften Punktabzug." Ich überlegte kurz, ob ich den Kindern in diesem Augenblick erklären sollte, was Rassismus ist, aber dann fuhren wir schon mit den Kaninchen nach Hause.

Dort gingen wir nach einigen Wochen zur Tierärztin. Beim ersten Mal sagte sie, es sei noch zu früh für eine Kastration. Auch beim zweiten Besuch einige Wochen später meinte sie, wir müssten noch Geduld haben. Beim dritten Besuch wurde Möhrchen endlich in Vollnarkose versetzt. Die Medizinerin hatte schon das Skalpell in der Hand, da sagte sie: "Er ist ein Weibchen." Es dauerte etwas, bis unser Sohn darüber hinwegkam. Jungs brauchen ja starke männliche Vorbilder, um ihre Rolle im Leben zu finden. Ich sagte ihm, im Prinzip sei es heute egal, ob man Mann oder Frau sei. Wenn er sich später einmal bei Facebook anmelde, könne er ohnehin zwischen 78 verschiedenen Geschlechtern wählen.

Vor wenigen Wochen musste ich ihm etwas ganz anderes erklären. Er hatte gesehen,wie Möhrchen Frieda von hinten bestieg und - nun ja - durchrammelte. Ich erklärte ihm, wie Tiere und Menschen sich fortpflanzten, dass Möhrchen aller Wahrscheinlichkeit nach doch ein Männchen sei und jetzt endlich kastriert werden müsse. Die Tierärztin konnte sich auch nach Monaten sofort an den Fall erinnern. Sie schaute sich Mörchen an und zeigte uns das Glied, das wie eine Scheide aussah. Möhrchen, schlussfolgerte sie, ist kein Männchen, aber auch kein Weibchen. Seitdem wissen unsere Kinder, dass die Abkürzung LGBT für "Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender" steht.

Innerhalb von einem Jahr haben sie dank der Kaninchen gelernt, dass wir alle irgendwie schwule Mädchen sind. Sie wurden aufgeklärt, wissen nun, dass in der Natur das Recht des Stärkeren zählt, und wenn sie später einmal Heidi Klums Topmodel-Show sehen sollten, werden sie erkennen, dass die Juroren nach denselben Prinzipien urteilen wie ein Kaninchenzüchter. Dass man sich gut um die Tiere kümmern muss, werden sie auch noch lernen.

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