VW-Werk Kassel

100.000.000 Getriebe aus Baunatal

Baunatal. Für einen Autofahrer ist das Getriebe nur dann ein Thema, wenn es nicht perfekt funktioniert – wenn es hackt, wenn es ungewollte Geräusche von sich gibt. Getriebebau ist Präzisionsarbeit.

Dabei wird ein Gefüge aus Zahnrädern und Getriebewellen geschmiedet, gedreht, gefräst und gehärtet, um die Kraft des Motors mit möglichst geringem Reibungsverlust auf die Straße zu übertragen.

100 000 000 Getriebe wurden in den vergangenen 50 Jahren im Volkswagen-Werk Kassel gefertigt. Begonnen hat alles in Baunatal mit dem Model Typ 1 für den Käfer 1960. Vier Vorwärtsgänge hatte das Schaltgetriebe 113 und ein Drehmoment von 110 Newtonmetern (Nm). Horst Mihr (70) aus Großenritte zählte zu den Ingenieuren der ersten Stunde: „Für uns Jungingenieure war VW ein Segen.“

3000 bis 3500 Getriebe wurde 1961 pro Tag produziert. Damals fingen auch Frauen im Werk an. „Die Schutzhäubchen für die Haare trugen sie mehr keck als zum Schutz auf dem Kopf“, sagt Mihr. 16 Mio. Einheiten liefen bis 1983 vom Band.

Wenig Wettbewerb

Es war eine andere Zeit. Nicht nur weil in manchen Heizöfen noch Hähnchen gegrillt wurden, sondern vor allem weil man den Wettbewerb mit anderen Standorten kaum gespürt habe. Wenn Wolfsburg beschloss, dass ein Getriebe gebraucht wurde, dann wurde es gebaut. Sehr zum Leidwesen mancher Praktiker – so gab es ein Getriebe, bei dem die Teile nicht demontiert werden konnten. Das erste Getriebe aus Baunatal schaffte 34 PS. Damals wurden die Getriebe noch in Wolfsburg und Kassel gebaut.

Erst Ende 1962 wurde die Getriebefertigung komplett nach Baunatal verlagert. Es blieb nicht beim Auftraggeber Volkswagen – in den nächsten Jahren folgten Audi und Porsche. Es folgten Schaltgetriebe, Automatikgetriebe, 2003 das Doppelkupplungsgetriebe (DSG) und der Einzug der Romantik in die VW-Fertigung: Fortan war beim DSG augenzwinkernd von Hochzeit die Rede – vollzogen von einem Roboter, wenn der Radsatz mit dem Getriebegehäuse vereint wird.

Entwicklungsarbeit

Das DSG ist das Vorzeigeprodukt, sagte VW-Vorstandschef Martin Winterkorn. „Bei Produktivität, Qualität und Kosten gehört Kassel mit zu den Besten im Konzern. Kassel leistet vor allem auch wertvolle Entwicklungsarbeit.“ Bei dem High-Tech-Produkt handelt es sich um zwei Getriebe in einem Gehäuse, bei dem mit Hilfe der elektro-mechanischen Steuerung immer ein Gang eingelegt und ein weiterer vorgewählt wird.

Der Clou: Geschaltet wird ohne Zugkraftunterbrechung – kein ruckeln, weniger Sprit. So wird das DQ 250 mit sechs Vorwärtsgängen beim Golf VI eingebaut – 160 PS, 320 Nm. Der Golf wiegt etwa 1200 Kilo. „Solche Spitzeninnovationen brauchen wir, wenn es um das Zukunftsthema unserer Branche geht: Die Elektromobilität“, sagte Winterkorn. Die Volkswagen Komponente kann dabei eine Schlüsselrolle übernehmen. Insbesondere bei den Antriebs- und Speichermodulen. Winterkorn: „Kassel arbeitet mit Hochdruck am E-Motor.

Und auch bei der Leistungselektronik kann der Standort einen wichtigen Beitrag leisten.“ Es wäre gut, wenn es gelänge, diese Hochtechnologie am Standort zu behalten, sagte Hessens Ministerpräsident Roland Koch. Wer heute beste Technik baue, dem traue man auch modernste Technologie zu, so Koch. Und Betriebsratschef Jürgen Stumpf betonte, dass es auch wünschenswert gewesen wäre, wenn das Land Hessen auf VW in Nordhessen verwiesen hätte, als es darum ging, Modellregionen für den E-Antrieb zu benennen.

Anspruchsvolle Getriebe

„Die heutigen Getriebe sind wesentlich anspruchsvoller als im Käfer“, sagte VW-Werkleiter Hans-Helmut Becker. Die Toleranzen seien enger, es gebe viel mehr Einzelteile, die zu übertragenden Kräfte seien um ein Vielfaches gestiegen. Mittlerweile wird im Werk Kassel jedes zweite Getriebe für die Fahrzeuge des Gesamtkonzerns gebaut. Das heißt täglich bis zu 14 400 Getriebe in bis zu 21 Schichten pro Woche rund um die Uhr. Das macht insgesamt an die drei Millionen Getriebe im Jahr. Im Getriebebau arbeiten etwa 4600 der 12 900 Werks-Beschäftigten.

Von Martina Wewetzer

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