Abgasaffäre: VW suchte kostengünstige Lösung

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Wer wusste was?  Ex-VW-Chef Martin Winterkorn im Blickfeld der Anleger. 

Volkswagen hat auf über 111 Seiten den Stand der internen Aufarbeitung zum Diesel-Skandal zusammengefasst, um sich gegen Anlegerklagen zu wehren. Sie fühlen sich zu spät informiert.

Spätestens am 27. Juli 2015 müsste es der Konzernspitze bei Volkswagen gedämmert haben, dass bei den Dieselfahrzeugen etwas schief läuft. Denn nach Angaben von VW besprachen sich an diesem Tag „einzelne Mitarbeiter über Schadens- und Produktthemen unter Anwesenheit von Martin Winterkorn und Herbert Diess zur Dieselthematik“.

Winterkorn war noch Vorstandschef des Wolfsburger Konzerns, Diess seit wenigen Wochen VW-Markenchef. Winterkorn soll bei diesem Treffen „eine weitere Aufklärung des Sachverhalts“ gefordert haben. Ungeklärt sei, ob die Beteiligten bereits wussten, dass die Softwareveränderung gegen die amerikanischen Umweltvorschriften verstieß. Den VW-Juristen sollen die Details von den Technikern erst Ende August erläutert worden sein. Zwischen dem 3. und 23. August waren in Wolfsburg Werksferien.

September 2015 - der Knall

Am 3. September gibt VW die Verstöße gegenüber den US-Behörden CARB und EPA zu, Winterkorn soll einen Tag später „durch eine Kurznotiz“ informiert worden sein. Im September geht der Vorstand davon aus, dass kein „größerer Schaden“ drohe. Vom 3. bis 18. September, schreibt die Süddeutsche Zeitung, soll ein VW-Mitarbeiter mit der EPA über eine „öffentliche Stellungnahme“ von VW Anfang 2016 geredet haben. Der Konzern argumentiert, es habe ein „überwiegendes Geheimhaltungsinteresse“ gegeben, bis EPA am 18. September die Öffentlichkeit über die Manipulationen informiert habe. Das heißt: Der Vorstand war über die Manipulationen nicht nur im Bilde, sondern versuchte, das Thema klein zu halten, um eine „kostengünstige Lösung auszuhandeln“, so die SZ. Inwieweit VW-Vorstandschef Matthias Müller davon wusste, ist unklar. Als Porsche-Chef war er Mitglied des VW-Vorstandes.

Über das Ausmaß des Skandals mit elf Millionen betroffenen Wagen informierte VW die Öffentlichkeit am 22. September. Einen Tag später trat Winterkorn zurück.

Der Schaden

Bis zum 18. September ging VW davon aus, dass die US-Behörden eine Geldbuße von maximal 100 Millionen Dollar verhängen würden. Eine Summe, die auch den damaligen Finanzvorstand Hans Dieter Pötsch aufhorchen lassen müsste. Als Herr der Zahlen gehört er zu den am besten Informierten im Konzern. Nur so erklärt sich, dass der Konzern vier Tage später Rückstellungen von 6,5 Milliarden Euro ankündigten kann.

März 2016 - die Klagen

Wegen dieser VW-Version der Ereignisse ziehen etliche Aktionäre vor Gericht. Sie machen geltend, VW habe sie wegen Verlusten an der Börse um Geld gebracht. Der Tübinger Anlegeranwalt Andreas Tilp wirft VW vor, die Finanzwelt zu spät mit einer Pflichtmitteilung informiert zu haben. Am 22. September fiel die Aktie von 133 auf 109 Euro. Gestern stand sie bei 117 Euro.

Laut VW blieb der Skandal auch wegen der günstigen Programmierung der Software lange unentdeckt. In einer Erwiderung auf Anlegerklagen heißt es: „Diese Programmierung konnte insbesondere ohne Kostengenehmigung durch übergeordnete Stellen erfolgen, so das es nicht verwundert, dass der Volkswagen-Vorstand erst Jahre später von der Softwareveränderung erfuhr.“

2014 - Die Vorgeschichte

Hätte die US-Behörde den Skandal am 18. September nicht öffentlich gemacht, hätte VW keinen Druck gehabt, dem Thema nachzugehen - obwohl es am 23. Mai 2014 und auch am 14. November 2014 eine Notiz an Winterkorn gegeben haben soll. In letzterer ist von einem möglichen Produktschadensfall von 20 Millionen Euro „für die Dieselthematik in Nordamerika die Rede“.

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