Das kommt auf Patienten zu

Ärzte wappnen sich für den Arbeitskampf

Berlin - Eingeschränkte ärztliche Versorgung, lange Wartezeiten für Patienten, Praxisschließungen: Patienten müssen sich auf einiges einstellen, wenn es zu den Ärzte-Protesten gegen den Honorarabschluss kommen sollte.

Hetzjagd, Diffamierung, Krieg: Das Vokabular, mit dem die Redner bei der Sonderversammlung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) am Wochenende ihr Verhältnis zu den Krankenkassen beschrieben, hatte es in sich. KBV-Präsident Andreas Köhler zeigte sich sicher: So groß war der Ärger über die Kassen noch nie. „Ärzte sind nicht die Prügelknaben der Nation“, rief er den Delegierten zu. „Es ist Zeit, dass wir uns wehren.“

Auslöser des Wutausbruchs eines ganzen Berufsstands ist der Honorarbeschluss eines Schlichtergremiums vom vergangenen Donnerstag. Die Ärzte wollten insgesamt 3,5 Milliarden Euro zusätzlich für 2013, was einer Aufstockung von 11 Prozent entsprochen hätte. Sie bekamen mit 270 Millionen Euro noch nicht einmal ein Zehntel. Den Ausschlag gab das Votum eines neutralen Schlichters, des Wissenschaftlers Jürgen Wasem.

Am Montag gibt es noch einmal Nachverhandlungen. Dass sich dabei eine deutliche Verbesserung für die Ärzte ergibt, gilt aber als ziemlich unwahrscheinlich. Die Krankenkassen stellen sich stur. Auch von Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) können die Ärzte keine Unterstützung erwarten. Der ist dafür, dass Ärzte und Kassen das unter sich ausmachen.

Die Zeichen stehen also auf umfangreiche Proteste in den nächsten Monaten. Die Ärzte machten am Wochenende deutlich, dass sie zu allem bereit sind - bis hin zu wochenlangen Praxisschließungen. Losgehen könnte es schon am Dienstag. „Es wird eher mit harmloseren Methoden anfangen“, sagt der Präsident des Ärzteverbands NAV-Virchow-Bund, Dirk Heinrich. „Am Schluss des Tages ist ein Arbeitskampf aber auch bei Ärzten ein Arbeitskampf - und das bedeutet eben Praxisschließungen.“ Es könnten „Protestmaßnahmen bisher nicht gekannten Ausmaßes kommen“, droht Heinrich.

In einer Erklärung haben 14 Ärzteverbände am Wochenende bereits ihre Instrumente offenbart, die sie sich für die Protestwelle vorbehalten. Kardiologen wollen im Ernstfall alle Patienten mit akuten Herzerkrankungen umgehend in Kliniken überweisen, statt ambulant zu behandeln. Niedergelassene Kinderärzte kündigen an, Patienten mit Durchfallerkrankungen, Fieber oder Krupphusten direkt in die Kliniken weiterzuleiten.

Der Berufsverband der Frauenärzte rät Patientinnen, die häufig kontrolliert werden müssen, sich bei einer Protestkampagne gleich in stationäre Behandlung zu begeben. Und die niedergelassenen Lungenärzte wollen laut Erklärung keine Sauerstoffpatienten mehr aufnehmen.

All diese Leistungen würden im jetzigen System nicht vergütet, heißt es in der Erklärung zur Begründung. Sie würden kostenlos zum Wohle der Patienten erbracht.

Zuletzt kam es 2006 zu umfangreichen Praxisschließungen. Die Motivation ist nach Angaben vieler Ärzte jetzt noch höher. „Die Wut und der Zorn sind groß“, sagt der Psychotherapeut Hans-Jochen Weidhaas. „Die rote Linie ist überschritten.“ Einen Plan für Protestmaßnahmen gibt es noch nicht. Zunächst einmal wollen die Ärzte die Nachverhandlungen am Montag abwarten. Dann wird kurzfristig entschieden. „Es gibt im Boxen den Begriff: Schlag schnell und fest - und das werden wir dann tun“, sagte der Düsseldorfer Orthopäde Andreas Gassen.

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