Kräftige Gewinne an den Börsen

Gipfelbeschlüsse beflügeln Aktienmärkte

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Der deutsche Leitindex Dax sprang bis zum Nachmittag um fast vier Prozent ins Plus.

Brüssel - Die Erwartungen an den EU-Gipfel waren nicht hoch - umso größer ist die Erleichterung nach den Beschlüssen. Auch der Euro profitierte.

Die wegweisenden Beschlüsse vom EU-Gipfel in Brüssel haben am Freitag weltweit die Börsen beflügelt. Der Euro kratzte wieder an der Marke von 1,27 Dollar und erreichte den höchsten Stand seit einer Woche. Für die bedrängten Euro-Länder Spanien und Italien ging der Druck an den Anleihemärkten spürbar zurück. Die Renditen für ihre Staatsanleihen fielen deutlich.

Der deutsche Leitindex Dax sprang bis zum Nachmittag um fast vier Prozent ins Plus. Zuvor hatten bereits die Börsen in Asien nach dem nächtlichen Verhandlungsmarathon in Brüssel für gute Vorgaben gesorgt. In Tokio stand ein Plus von 1,5 Prozent zu Buche. Der Euro konnte deutlich zulegen und stieg um 2,5 Cent auf knapp 1,27 Dollar. Der erste Tag des Treffens der Staats- und Regierungschefs sei mit unerwartet klaren Resultaten zu Ende gegangen, erklärten die Marktexperten der Landesbank Berlin den Höhenflug.

Positiv aufgenommen wurden aus Brüssel gleich mehrere Vorhaben: Die Staats- und Regierungschefs der Eurozone haben sich darauf geeinigt, den großen Krisenländern Spanien und Italien unter die Arme zu greifen. Geplant ist, dass beide Länder auch ohne harte Auflagen Geld aus den Rettungsfonds EFSF und ESM erhalten können. Außerdem sollen künftig nicht nur Staaten, sondern auch Banken direkt auf die Rettungsfonds zugreifen dürfen, sobald eine gemeinsame Bankenaufsicht installiert ist. Zudem wurde ein Wachstumspakt über 120 Milliarden Euro beschlossen.

Eurobonds und Finanztransaktionssteuer: Instrumente gegen Euro-Krise

Eurobonds und Finanztransaktionssteuer sind seit langem diskutierte Instrumente im Kampf gegen die Euro-Finanzkrise. © ap
Eurobonds sind gemeinsam ausgegebene Anleihen aller Eurostaaten. Bisher zahlen die einzelnen Länder für ihre Staatsanleihen unterschiedliche Risikoaufschläge, also Zinsen für ihre Kredite - je nach dem, für wie zahlungsfähig die Investoren den jeweiligen Staat beurteilen. Mit gemeinsam ausgegebenen Papieren entstünde in der Eurozone ein einheitlicher Zinssatz für alle Euroländer. © dpa
Befürworter von Eurobonds argumentieren, mit Gemeinschaftsanleihen steige die Kreditwürdigkeit der Eurozone als Ganzes. Derzeit können sich Länder wie Spanien und Italien nur noch gegen kritisch hohe Zinsaufschläge Geld zur Finanzierung ihres Haushalts beschaffen. Deutschland hingegen nimmt momentan extrem günstig neue Kredite auf, weil es als sehr zahlungsfähig gilt. © dpa
Mit Eurobonds müsste jedoch auch die Bundesrepublik den Investoren eine deutlich höhere Rendite zahlen. Das würde den Bundeshaushalt stärker belasten. Zudem argumentieren Kritiker der Bonds, dass mit einer Vergemeinschaftung der Schulden der Druck zu Sparmaßnahmen und Reformen in den Krisenländern Südeuropas sinken würde. © dpa
Die Finanztransaktionssteuer soll nach einem Vorschlag der EU-Kommission für sämtliche Finanzprodukte wie Aktien, Anleihen oder Derivate in allen 27 EU-Staaten gelten. Befürworter wie Deutschland und Frankreich erhoffen sich Einnahmen in Milliardenhöhe. Zudem könnte die Abgabe den sensiblen Hochgeschwindigkeitshandel an den Börsen weniger attraktiv machen. © dpa
Kritiker wie Großbritannien und Schweden fürchten, dass die Steuer Banken und Investoren vertreibt und damit der Wirtschaft in Europa schadet. Eine solche Besteuerung sei wettbewerbsschädigend, solange internationale Finanzplätze nicht mitmachen. © dpa

Die Staatsanleihen der angeschlagenen Euroländer Spanien und Italien reagierten mit einem kräftigen Rückgang der Zinssätze. In Madrid sank die Rendite für richtungsweisende Anleihen mit der Laufzeit von zehn Jahren nach Bekanntwerden der Nothilfen um 0,54 Prozentpunkte auf 6,31 Prozent. Am Vortag stand der Zinssatz noch knapp unter der Marke von sieben Prozent und damit auf einem Niveau, das die Staatsfinanzierung auf lange Sicht kaum mehr möglich macht.

Eine starke Entspannung der Lage zeigte sich auch bei den Staatspapieren in Italien. Hier sank die Rendite der zehnjährigen Anleihen um 0,42 Punkte auf 5,74 Prozent. Geringere Zinskosten entlasten die öffentlichen Haushalte in den Krisenländern. Im Gegenzug legte allerdings die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe kräftig auf 1,61 Prozent zu. “Innerhalb der Eurozone muss ja das verteilte Geld auch aufgebracht werden, und dabei fällt in letzter Konsequenz die Kugel wieder auf die Nordstaaten“, sagte Dietmar Blum von der Hellwig Wertpapierhandelsbank. “Des einen Freud, des anderen Leid.“

Frankreichs Präsident François Hollande betonte, es sei gelungen, für Spanien Erleichterungen angesichts des großen Zinsdrucks zu schaffen. Der ständige und der vorläufige Rettungsschirm könnten genutzt werden, um “Schutz vor Zinssätzen“ zu geben. “Ich stelle fest, dass die ersten Ankündigungen bereits gute Wirkung gezeigt haben.“ Hollande erwartet zudem die Einführung einer Finanzsteuer noch im laufenden Jahr. Nachdem eine Lösung im Kreis aller 27 EU-Staaten gescheitert war, gehen nun mindestens neun Länder voran, darunter Deutschland, Frankreich und Österreich.

Was ist die Finanztransaktionssteuer?

Seit Jahren wird auf EU-Ebene über eine Steuer auf Finanztransaktionen diskutiert. Im September 2011 hat die EU-Kommission einen Vorschlag gemacht, der in der EU aber umstritten ist. Großbritannien will nicht, um seinen Finanzplatz London zu schützen, und auch Schweden sagt Nein. Die Eckpunkte des Kommissionsvorschlags: © dpa
Geltungsbereich: Die Steuer soll einheitlich in der gesamten EU gelten, um die Gefahr der Verlagerung von Transaktionen zu reduzieren. Die EU will Mindeststeuersätze festlegen, die von den nationalen Regierungen jedoch überschritten werden dürfen. © dpa
Steuersätze: Der Mindeststeuersatz soll 0,1 Prozent für den Handel mit Anleihen und Anteilen betragen. Für den Handel mit spekulativen Derivateprodukten sind 0,01 Prozent vorgesehen. © dpa
Produkte: Grundsätzlich sollen alle Finanztransaktionen erfasst werden - also der Handel mit Wertpapieren, Anleihen, Derivaten und strukturierten Finanzprodukten. Die Emissionsmärkte (Primärmärkte) von Anleihen und Währungen sollen jedoch nicht besteuert werden, um die Kapitalbeschaffung von Regierungen und Unternehmen nicht zu erschweren. © dpa
Verbraucher: Finanztransaktionen von Privatleuten sind nur dann betroffen, wenn es um Börsengeschäfte geht. Ihre Versicherungen, Hypotheken und Kredite fallen nicht unter die neue Steuer. © dpa
Ansässigkeit: Innerhalb der EU soll die Steuer dort erhoben werden, wo das Unternehmen seinen Sitz hat. Wird das Geschäft in Nicht-EU-Ländern ohne Transaktionssteuer abgewickelt, fällt die Steuer in dem EU-Land an, in dem das handelnde Unternehmen seinen Sitz hat. Dies würde die Gefahr von Standortverlagerungen verringern. © dpa
Zahlung: Für die Zahlung der Steuer sollen grundsätzlich die Banken und Finanzunternehmen verantwortlich sein. © dpa
Einnahmen: Die Steuer, wie sie die EU-Kommission vorschlägt, würde jährlich etwa 57 Milliarden Euro bringen. Brüssel plädiert dafür, dass ein Teil in den EU-Haushalt fließt. Entsprechend könnten die Beiträge der Länder an die EU sinken. Viele Staaten lehnen dies aber ab. © dpa

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) betonte: “Wir sind unserer Philosophie, keine Leistung ohne Gegenleistung, treu geblieben.“ Merkel hob den Plan zur Schaffung einer “Superaufsichtsbehörde“ für die europäischen Banken hervor. Dazu müsse allerdings noch eine einstimmige Ratsentscheidung erfolgen.

Der Internationale Bankenverband IIF begrüßte die Beschlüsse des Gipfels als Schritt in die richtige Richtung. Der Plan, Banken den direkten Zugang zu Kapital zu erleichtern und eine gemeinsame Bankenaufsicht zu schaffen, sei ermutigend, erklärte der Marktausschuss des IIF in München. Die in Brüssel vereinbarten Pläne müssten jetzt rasch umgesetzt werden, um die Märkte zu beruhigen.

Einige Experten werteten die Ergebnisse auch skeptisch. Angedachte Anleihekäufe durch den EFSF oder ESM könnten sich als Bumerang erweisen, warnt Holger Schmieding, Chefökonom der Berenberg Bank. Die Krisenfonds hätten nur eine begrenzte Feuerkraft und würden Investoren so einladen, gegen sie zu spekulieren. Die auf dem Gipfel verfolgten Pläne könnten letztlich nur funktionieren, wenn die EZB sich entschlossen dahinter stellen würde.

dpa

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