Arcandor-Insolvenz: Was das bedeutet

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Arcandor stellt Insolvenzantrag, auch für Karstadt, Primondo und Quelle.

Essen - Arcandor stellt am Dienstag Insolvenzantrag, auch für Karstadt, Primondo und Quelle. Merkel: Regierung wird mit Personalvertetungen von Arcandor sprechen.

Das Essener Handels- und Touristikunternehmen Arcandor hat Insolvenzantrag gestellt. Wie das Unternehmen am Dienstag in Essen mitteilte, sind beim Amtsgericht Essen Anträge auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens wegen drohender Zahlungsunfähigkeit für die Arcandor AG sowie drei Tochterunternehmen gestellt worden.

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Bei den Töchtern handele es sich um die Karstadt Warenhaus GmbH, die Primondo GmbH und die Quelle GmbH. “Vom Insolvenzverfahren werden die Thomas Cook Group plc, die Primondo-Specialty Group GmbH mit ihren Tochter- und Beteiligungsgesellschaften sowie der Homeshopping-Sender HSE24 unberührt bleiben“, heißt es in einer Mitteilung.

Das Amtsgericht Essen bestätigte, dass am Mittag Eigenanträge auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens von den Gesellschaften Arcandor AG, Karstadt Warenhaus GmbH, Primondo GmbH (alle Essen) und Quelle GmbH (Fürth) eingegangen sind. Es soll noch am Nachmittag ein vorläufiger Insolvenzverwalter bestellt werden, teilte der Gerichtssprecher mit.

Eine Insolvenz muss nicht das Aus bedeuten

HERLITZ Der Berliner Senat hatte die Fortführung der laufenden Geschäfte mit einem Kredit von 15 Millionen Euro gesichert. Im August 2005 kaufte sich der US-Finanzinvestor Advent mit 65 Prozent in das wieder gesunde Unternehmen ein. © dpa
HERLITZ Der Hersteller von Schreib- und Papierwaren meldete im April 2002 Insolvenz an. In einer Rekordzeit von zweieinhalb Monaten wurde das Verfahren durchgezogen. Die Gläubiger verzichteten weitgehend auf ihre Forderungen, rund 3.000 Arbeitsplätze waren gerettet. © dpa
GRUNDIG Der traditionsreiche Radio- und Fernsehgerätehersteller aus Fürth, später mit Hauptsitz in Nürnberg, ging im April 2003 pleite. Ende Januar 2004 wurde Grundig vom türkischen TV-Konzern Beko und die englische Hauselektronik-Gruppe Alba übernommen. © dpa
GRUNDIG Entwicklung und Fertigung wurden weitestgehend in die Türkei verlagert. In Deutschland blieben etwa 200 Arbeitsplätze im Vertrieb, von zuletzt 2.800 Jobs vor dem Konkurs. © dpa
HERTIE ist ein aktuelles Beispiel. Die aus den 2005 von Arcandor (damals noch KarstadtQuelle) als unrentabel verkauften kleineren Karstadt-Filialen hervorgegangene Warenhauskette konnte sich trotz Verkleinerung und Arbeitsplatzabbau nicht halten. © dpa
Im Juli 2008 meldete Hertie Konkurs an, am 20. Mai 2009 beschloss die Gläubigerversammlung das endgültige Aus für die noch 54 Geschäfte. Als einen Grund für das Scheitern einer Rettung nannte der Insolvenzverwalter die hohen Mieten, des Hertie-Eigentümers, des Finanzinvestors Dawnay Day. © dpa
HOLZMANN Bereits 1999 hatte dem Holzmann-Konzern die Pleite gedroht. Bundeskanzler Gerhard Schröder verhinderte sie durch seine Intervention in letzter Sekunde. Das Unternehmen konnte seine Schwierigkeiten jedoch nicht dauerhaft beheben. © dpa
HOLZMANN Im März 2002 beantragte die Philipp Holzmann AG Insolvenz, nachdem wichtige Gläubigerbanken das vorgeschlagene Sanierungskonzept abgelehnt hatten. Das Unternehmen wurde schließlich abgewickelt und in Teilen verkauft. © dpa
IHR PLATZ Die Drogeriemarktkette “Ihr Platz“ war Mitte 2005 zahlungsunfähig. Sie schaffte nach Übernahme durch den Finanzinvestor Goldman Sachs in nur acht Monaten eine Restrukturierung. Dabei wurden 80 defizitäre Filialen geschlossen und etwa 700 von rund 8.800 Stellen gestrichen. © dpa
Im Oktober 2007 kaufte Marktführer Schlecker das Unternehmen mit damals noch rund 7.000 Mitarbeitern und etwa 700 Filialen. © dpa
JUNGHANS Der schwarzwälder Uhrenhersteller Junghans beantragte im August 2008 das Insolvenzverfahren. Im Januar 2009 wurde die Traditionsmarke an eine Unternehmerfamilie verkauft. © dpa
JUNGHANS Der Geschäftsbetrieb der Uhrenfabrik sollte mit zunächst 85 der rund 110 Beschäftigten fortgesetzt werden. © dpa
PFAFF Der Nähmaschinenproduzent, der seit 1999 von dem gleichnamigen Hersteller von Haushaltsnähmaschinen vollständig getrennt ist, meldete 2008 zum zweiten Mal Insolvenz an. Ein erster Rettungsversuch scheiterte im September, die 400 Mitarbeiter in Kaiserslautern wechselten in eine Transfergesellschaft. © dpa
PFAFF Ende März wurde die Pfaff Industrie Maschinen AG von dem rheinland-pfälzischen Maschinenbauunternehmen Richter übernommen und die Schaffung von 300 Arbeitsplätzen angekündigt. Die Haushaltsnähemaschinensparte wurde schon bei der ersten Insolvenz abgespaltet. Sie gehört heute dem US-Konzern SVP Worldwide. © dpa
SINN-LEFFERS Die ehemalige KarstadtQuelle-Tochter beantragte im August 2008 die Eröffnung eines sogenannten Insolvenzplanverfahrens in Eigenverantwortung. © dpa
SINN-LEFFERS Die Modekette schloss 22 Standorte und entließ 1.300 Mitarbeiter, konnte aber rund 2.500 Arbeitsplätze an 25 Standorten erhalten. Im März stimmten die Gläubiger dem Insolvenzplan zu. © dpa
TMD Friction Der Bremsbelägehersteller aus Leverkusen war einer der ersten größeren Zulieferer, der in der Autokrise in Schwierigkeiten kam. Er meldete im Dezember 2008 Insolvenz an. Fast 300 Mitarbeiter wurden entlassen. Im April übernahm der in London ansässige Finanzinvestor Pamplona Capital Management die Unternehmensgruppe. Dadurch sollen bundesweit alle Standorte und 1.740 Arbeitsplätze gesichert sein. © dpa
WIENERWALD Nach mehreren Insolvenzen lebt der Name der einst legendären Schnellrestaurantkette mit der Spezialität Brathähnchen immer noch. © dpa
WIENERWALD 2007 kauften die Töchter des verstorbenen Gründers Friedrich Jahn die Markenrechte für Deutschland zurück. Inzwischen gibt es unter Leitung von Jahn-Enkel Daniel Peitzner wieder über 40 Restaurants sowie einen Lieferservice. © dpa

Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte, die Regierung werde mit Personalvertetungen von Arcandor sprechen. Sie sagte, der Insolvenzantrag sei ein unvermeidlicher Schritt, der auch neue Chancen biete.

Die Bundesregierung will nach Worten von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) den Beschäftigten von Arcandor helfen. Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) werde sich schnell mit den Personalvertretungen an einen Tisch setzen, kündigte Merkel am Dienstag in Berlin an. Sie sah in dem Antrag von Arcandor auch eine Chance, dass in dem Unternehmen durch ein Zusammengehen mit dem Metro-Konzern Beschäftigung erhalten werden könne.

Arcandor will sich sanieren

Arcandor will sich über das Insolvenzverfahren sanieren und den Fortbestand sichern. Das sagte am Montag Arcandor-Sprecher Gerd Koslowski in Essen. Die Haupteigentümer würden sich unverändert zum Fortbestand des Unternehmens bekennen.

Für Kunden soll es keine Einschränkungen geben. “Alle Geschäfte laufen ungehindert weiter“, sagte Koslowski. Garantien, Anzahlungen oder Rückgaberechte würden nicht angetastet. Für die Beschäftigten seien die Gehaltszahlungen bis August gesichert. Betroffen seien von den Insolvenzanträgen 43.000 Beschäftigte.

Ermittlungen gegen Eick

Die Staatsanwaltschaft Essen hat gegen Arcandor-Chef Karl-Gerhard Eick ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Insolvenzverschleppung eingeleitet.

Oberstaasanwältin Angelika Matthiesen sagte am Dienstag der AP, Auslöser sei die Strafanzeige eines Privatmanns gegen den Manager. Allerdings beruhe die Anzeige lediglich auf Zeitungsartikeln zur Krise des Essener Touristik- und Handelskonzerns.

Metro ist gesprächsbereit

Zuvor waren Anträge auf eine Staatsbürgschaft sowie auf eine staatliche Rettungsbeihilfe ohne Erfolg geblieben. Auch ein in der Nacht zum Dienstag unternommener letzter Anlauf, Eigentümer, Banken und Vermieter zu einem größeren Rettungsbeitrag zu überreden, war gescheitert. Wie “Spiegel-online“ berichtete, gehen Regierungskreise davon aus, dass nun die Verhandlungen zwischen dem Metro-Konzern und Arcandor über eine Zusammenführung der Warenhäuser Karstadt und Kaufhof weitergeführt werden.

Der Metro-Konzern hatte bereits am Montagabend Gesprächsbereitschaft auch im Falle einer Insolvenz erklärt. Das Konzept funktioniere auch mit einer insolventen Karstadt-Kette, hieß es aus Unternehmenskreisen. Metro hatte bisher vorgeschlagen, 60 der 90 Karstadt-Häuser zu erhalten. Die Gespräche sollen schnell fortgesetzt werden.

dpa/AP

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