Armutsgefahr bei uns höher als in Nachbarländern

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Ein Obdachloser schläft in einer U-Bahn-Station in Hannover (Archivbild). Die Gefahr, in Armut abzurutschen, ist in Deutschland höher als in den meisten Nachbarländern.

Wiesbaden - Die Gefahr, in Armut abzurutschen, ist in Deutschland höher als in den meisten Nachbarländern. Allerdings sind die Einkommen bei uns etwas gerechter verteilt als europaweit.

Hierzulande sind 15,6 Prozent oder fast 13 Millionen der Menschen armutsgefährdet, wie das Statistische Bundesamt am Dienstag in Wiesbaden mitteilte. In den Nachbarstaaten Tschechien, Niederlande und Österreich liegt die Quote teils deutlich niedriger. Die Linksfraktion im Bundestag sprach von einer zunehmenden sozialen Spaltung und bekräftigte ihre Forderung nach einem Mindestlohn.

Die Bundesrepublik steht jedoch im EU-Vergleich recht gut da, denn europaweit betrug die Armutsgefahr durchschnittlich 16,4 Prozent. Die aktuellsten Zahlen stammen bereits aus dem Jahr 2009.

Studie: Diese Jobs bringen weniger als Hartz IV

Die 1,9 Prozent Geringverdiener in der Werbebranche und in der Marktforschung bekommen ein monatliches Nettogehalt von 1268 Euro, mit Kindergeld 1636 Euro. Als Hartz IV-Empfänger würden sie 17 Euro mehr bekommen. © dpa
In Callcentern arbeiten 13,1 Prozent Geringverdiener. Sie verdienen Brutto 1574 Euro ohne Kindergeld. Netto bleiben ihnen 1256 Euro - das sind 29 weniger als Hartz IV. © dpa
In der Rechtsberatungs-Branche sind 1,1 Prozent Geringverdiener beschäftigt. Ihr Bruttogehalt liegt bei 1552 Euro. Netto bleiben ihnen 1238 Euro - das sind 47 Euro weniger als Hartz IV. © dpa
Im Gartenbau und bei Gebäudebetreuung arbeiten 33,4 Prozent Geringverdiener. Sie bekommen monatlich 1535 Euro brutto. Netto bleiben ihnen 60 Euro weniger als mit Hartz IV. © dpa
Die Gastronomie beschäftigt 20,5 Prozent Geringverdiener. Durchschnittlich verdienen sie 1474 Euro brutto. Netto bleiben ihnen 1176 Euro und somit 109 Euro weniger als mit Arbeitslosengeld II. © dpa
Auch in der Hotelbranche sieht es nicht besser aus: Zwar zählen nur 9,5 Prozent zu den Geringverdienern, doch die verdienen satte 188 Euro weniger als Hartz IV-Empfänger. © dpa
Am schlechtesten bezahlt wird Zeitarbeit. In diesem Sektor werden 31,5 Prozent Geringverdiener beschäftigt. Ist man verheiratet, Alleinverdiener und hat zwei Kinder, bleiben netto 1007 Euro übrig. Das sind 278 Euro weniger als mit Hartz IV. © dpa
Es gibt auch Jobs, bei denen das Einkommen nur knapp über dem Arbeitslosengeld liegt. Dazu gehören Berufe wie Schlachter und Menschen, die Fleisch verarbeiten. 22,8 Prozent sind Geringverdiener und bekommen 1379 Euro. Als Hartz IV-Empfänger stünden ihnen 94 Euro weniger zu.  © dpa
Noch schlechter verdienen Beschäftigte von Wach- und Sicherheitsdiensten. Sie arbeiten für 1379 Euro netto - das sind 79 Euro mehr als Hartz IV. © dpa
Angestellte des Einzelhandels arbeiten für 1331 Euro netto im Monat. Als Hartz IV-Empfänger bekämen sie 46 Euro weniger. © dpa
Die 0,9 Prozent Geringverdiener in der Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsbranche bekommen netto 1321 Euro. Mit Hartz IV wären es auch nur 36 Euro weniger. © dpa
Auch unter Erziehern und Lehrern gibt es Geringverdiener - 0,8 Prozent. Ihr Nettogehalt beläuft sich auf 1319 Euro. Als Hartz IV-Empänger bekämen sie nur 35 Euro weniger. © dpa
Die 8,5 Prozent Geringverdiener in Pflegeheimen verdienen nur 18 Euro mehr als als Hartz IV-Empfänger. © dpa

Armutsgefährdet ist laut Definition, wer weniger als 60 Prozent des Durchschnitts verdient - dies schließt auch Sozialleistungen wie Arbeitslosengeld ein. Der Schwellenwert unterscheidet sich von Staat zu Staat je nach Lebensstandard. In Deutschland muss man mindestens 940 Euro Einkommen pro Monat erhalten, um nicht als von Armut bedroht zu gelten.

Nachbar Tschechien überflügelt Bundesrepublik

Am dortigen Standard gemessen waren beim europaweiten Spitzenreiter Tschechien nur neun Prozent der Bürger von Armut bedroht. Auch in den benachbarten Niederlanden waren es nur knapp über zehn Prozent, in Österreich rund 12 Prozent.

Die Armutsgefahr ist in Deutschland über die Jahre leicht gestiegen, wie bereits zuvor bekannt war. Während 2007 noch 15 Prozent als armutsgefährdet galten, stieg der Wert 2008 auf 15,5 Prozent und nun abermals auf 15,6 Prozent.

Seit 2005 gebe es 2,6 Millionen mehr von Armut gefährdete Deutsche, sagte die Sozialpolitikerin der Linken im Bundestag, Diana Golze. Die Politik der Bundesregierung verschärfe die Probleme. Sie forderte unter anderem einen Mindestlohn für alle Branchen und höhere Regelsätze bei Hartz IV. “Das Geld gehört zu den Menschen, die damit nicht die Finanzmärkte füttern, sondern sich selbst und ihre Kinder“, sagte Golze.

Einkommensverteilung gerechter als im EU-Durchschnitt

Auch die Einkommen waren den Angaben zufolge in Deutschland 2009 etwas gerechter verteilt als europaweit. Während hierzulande die 20 Prozent der am besten verdienenden Menschen viereinhalbmal so viel verdient wie die Gruppe der Einkommensschwächsten, bekamen sie im EU-Durchschnitt fünfmal so viel.

Die Einkommen waren vor allem in jenen Staaten ungerecht verteilt, in denen auch die Armutsgefährdung hoch war. Den Negativrekord stellte Litauen auf. Dort bekamen Spitzenverdiener mehr als siebenmal so viel wie Einkommensschwache. Der deutsche Wert veränderte sich im Vergleich zum Vorjahr nicht.

Von Jens Twiehaus

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