Kanadischer Autobauer setzt im Karosseriebau auf Hanf

Kanadischer Autobauer setzt im Karosseriebau auf Hanf

Das Geheimnisvolle: Hanf-Fahrzeug Kestrel vom Autobauer Motive Industries. Offizielle Fotos gibt es noch nicht.

Kassel/Göttingen. Der kanadische Entwickler des Industriekonsortiums Motive Industries aus Alberta hat ein Kompaktfahrzeug mit einer Karosserie aus Hanf entwickelt. Der Viersitzer „Kestrel“, der optisch an einen Renault Twingo erinnert, wird von einem Elektromotor angetrieben und soll 90 Kilometer pro Stunde schnell sein.

Der Belächelte: Die Karosserie des Trabant ist aus baumwollverstärktem Kunststoff.

Je nach Batterie-Leistung liegt die Reichweite laut Hersteller zwischen 40 und 160 Kilometern. Die ersten fünf Fahrzeuge sollen 2011 durchstarten. Vorgestellt wird das Konzept des grünen Fahrzeugs im September zur Elektromobilitäts-Messe EV 2010 VE in Vancouver.

Spinnerei oder Karosseriebau von morgen? „Die Idee ist gar nicht so neu“, sagt Hans-Bernhard von Buttlar von der Göttinger Ingenieurgemeinschaft für Landwirtschaft und Umwelt. Vor fünf Jahren bauten die Göttinger gemeinsam mit der Technischen Universität Braunschweig Teile für die Stoßstange bei Omnibussen von MAN. Sie schafften es mit dieser Innovation auf den zweiten Platz der Deutschen Bundesstiftung Umwelt.

Der Schnelle: Forscher der Uni Warwick entwickelten einen Öko-Rennwagen. Die Karosserie enthält Kartoffelstärke.

Der Clou: Für die Verarbeitung des Göttinger Werkstoffs musste an den bestehenden Produktionstechnologien nichts geändert werden. Hergestellt wurden die Teile aus Sonnenblumenöl und Hanf. „Das Salatöl wurde speziell dafür aufbereitet“, sagt von Buttlar. Daraus entstand ein Verbundstoff aus nachwachsenden Rohstoffen, der sehr stabil ist. Beim „Kestrel“ werden Hanf und Kunststoff verschmolzen, der Energieaufwand dafür liegt nach Angaben des Herstellers weit unter dem Verbrauch, der für die Produktion herkömmlicher Autoteile anfällt. Das neue Material erreiche die Stabilität von Fiberglas, ist aber leichter und preisgünstiger herzustellen. Das Material soll – mit Ausnahme der Rahmenstruktur – Metallteile ersetzen. Autos müssen nicht nur beim Verbrauch sauberer werden, sondern bereits in der Herstellung. Aktuelle Fahrzeuge haben diesbezüglich Nachteile: Stahl ist schwer, Aluminium zu teuer. Verkleidungen etwa von Türen sind meist aus Kunststoff, der auf Öl basiert. Carbon ist zu teuer.

Bereits 1930 befasste sich Auto-Pionier Henry Ford mit Hanf. Der Prototyp seines Hemp Car wurde 1941 nach zwölf Jahren Forschung und Entwicklung als „Zukunftsauto“ mit dem Slogan „Das Auto, das auf dem Acker wächst“ präsentiert. Bei der Präsentation schlug Ford werbewirksam mit einem Hammer auf die Karosserie, um die Stabilität des Materials zu demonstrieren, welches als zehn Mal stoßfester als seinerzeit verwendete Metalle beschrieben wurde.

Das Hemp Car wog mit 900 Kilogramm etwa 450 Kilogramm weniger als andere Autos mit Metallkarosserie aus dieser Zeit. Doch die Weiterentwicklung des Automobils wurden Ende 1941 wieder eingestellt – Cannabis wurde verboten.

Von Martina Wewetzer

Hintergrund: Werkstoff Hanf

Die Wissenschaftler im Daimler-Benz-Forschungszentrum Ulm interessierten sich seit Mitte der 90er Jahre für die technischen Eigenschaften von Hanf, um die Bauteile von Fahrzeugen leichter zu machen.

Hanffasern wiegen nur 1,4 Gramm pro Kubikzentimeter. Zum Vergleich: Die leichten Glasfasern kommen auf 2,5 Gramm pro Kubikzentimer. Je leichter eine Karosserie ist, um so weniger Kraftstoff braucht das Auto.

Zudem lassen sich die Kunststoffbauteile, in denen Hanf zum Einsatz kommen, um bis zu 30 Prozent günstiger herstellen. Auch bei den Crashtests schnitten die Hanfbauteile gut ab – sie splitterten nicht.

Aber: Der Industrie-Hanf enthält weniger als 0,3 Prozent der Rauschsubstanz THC (Tetrahydrocannabinol). (mwe)

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