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Azubimangel: Warum finde ich trotzdem keine Stelle?

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Azubimangel Stelle Ausbildung Beruf
Nicht immer sind Bewerbungen von Erfolg gekrönt: Wenn es im Traumberuf nicht klappt, müssen angehende Azubis auch Kompromisse eingehen können. © Christin Klose/dpa-tmn

„Händeringend“ sucht eine beträchtliche Zahl der Betriebe Auszubildende. Auf der anderen Seite gehen Bewerberinnen und Bewerber leer aus. Woran liegt das? Und lässt sich das Problem lösen?

Nürnberg - Das Gastgewerbe, das Handwerk, die Bauindustrie: Viele Branchen sind auf der Suche nach Auszubildenden, weil sie ihre Stellen nicht besetzt bekommen. Wer als Jugendlicher keinen Ausbildungsplatz findet, fragt sich da: Wie kann es eigentlich sein?

Zum Teil liege das daran, dass die Wünsche und Präferenzen Jugendlicher nicht immer zu den Stellenprofilen und den Qualifikationsvoraussetzungen der Betriebe passen, sagt Prof. Bernd Fitzenberger, Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg.

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Bernd Fitzenberger ist Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. © Wolfram Murr, Photofabrik/ IAB/dpa-tmn

So gebe es zahlreiche Berufe, in denen die Zahl der Bewerberinnen und Bewerber die Zahl der Stellen weit übertrifft. Bestimmte Berufe sind dem Arbeitsmarktexperten zufolge schon seit Jahren sehr beliebt. Dazu gehören zum Beispiel Ausbildungen im KFZ-Bereich, aber auch die Ausbildung in der Tierpflege und künstlerische-kreative Berufe wie Tischler, Mediengestalter oder Raumausstatter.

Wenig Interesse an Berufen mit vielen offenen Stellen

„Das sind Berufe, die auch soziale und gesellschaftliche Präferenzen widerspiegeln, die eine hohe Anerkennung in der Gesellschaft haben.“ Viele Jugendliche könnten sich vorstellen, in einem solchen Beruf zu arbeiten, wenn sie die Chance hätten. Häufig gebe es gerade in diesen Berufen aber im ganzen Land nicht genügend viele Stellen.

In andere Berufen dagegen tun sich Betriebe seit Jahren sehr schwer, Stellen zu besetzen. Das habe sich durch die Pandemie noch verschärft. „Das sind Berufe im Bereich Verkauf von Fleisch und Backwaren etwa, obwohl es gleichzeitig sehr viele Bewerberinnen und Bewerber gibt, die etwa einen niedrigen Schulabschluss haben und für diese Berufe infrage kommen würden“, sagt Fitzenberger.

Jugendliche haben aber schlicht weniger Interesse an diesen Berufen als es Ausbildungsplatzangebote gibt. Der gleiche Effekt zeigt sich zum Teil auch bei qualifizierten Berufen im Handwerk, für Berufe auf dem Bau und seit der Pandemie auch besonders für die Berufe in Hotel und Gaststätten.

Die meisten Jugendlichen wohnen noch bei den Eltern

Die Passungsprobleme auf dem Ausbildungsmarkt hängen nicht zuletzt auch damit zusammen, dass Auszubildende etwas weniger mobil sind oder sein können. „Bei jungen Menschen kann man weniger davon ausgehen, dass sie bereit sind umzuziehen, um eine Ausbildung zu starten. Denn in diesem Lebensabschnitt wohnen viele Jugendliche noch bei ihren Eltern, nicht zuletzt auch aus finanziellen Gründen.“

Relevant ist für die meisten Jugendlichen das Angebot an Ausbildungsstellen im Einzugsbereich ihres Wohnorts. Es gebe Regionen, in denen es sehr wenige Stellen für Auszubildende gibt, während anderswo viel mehr Stellen als Bewerberinnen und Bewerber verfügbar sind. „Das heißt aber nicht, dass junge Menschen in großem Umfang aus Regionen, in denen es einen Bewerberüberhang gibt, in die Region mit dem Stellenüberhang ziehen“, stellt der IAB-Direktor klar.

Beliebter Beruf - Kompromisse sind nötig

Wie sich die Passungsprobleme nun lösen lassen könnten? Wer wirklich in einen sehr beliebten Beruf wie etwa in die Tierpflege will, „wird nicht umhinkommen, einige Kompromisse einzugehen“, sagt Fitzenberger. Das kann auch einen Umzug bedeuten.

Der Arbeitsmarkt biete aber gleichzeitig viele Betriebe, die händeringend junge Menschen suchen. „Die sind dann auch oftmals bereit, sich stärker an die Wünsche der Jugendlichen anzupassen.“

Bernd Fitzenberger empfiehlt, in jedem Fall Praktika zu machen und auch über berufsvorbereitende Maßnahmen nachzudenken. „Um einfach zu sehen, was der Arbeitsmarkt neben dem, was man sich als Wunschberuf idealerweise vorstellt, so bietet. Da kann man durchaus positive Überraschungen erleben.“

Alternativen Berufen eine Chance geben

Viele Jugendliche seien durch die Pandemie und die Umwälzungen am Arbeitsmarkt ohnehin stark verunsichert, was sie eigentlich nach der Schule machen möchten und würden sich schwertun, einen Wunschberuf zu formulieren. „Wenn man dem breiten Feld an Berufen, in denen ein Stellenüberhang besteht, eine Chance gibt und mal reinschnuppert, wird man vielleicht etwas finden, das den individuellen Interessen stärker entspricht als erwartet.“

Es sei auch Teil der Berufsorientierung, dass Jugendliche realistische Berufswünsche entwickeln - also Berufswünsche, denen auf dem lokalen Arbeitsmarkt auch offene Stellen gegenüberstehen.

Gleichzeitig müssen Arbeitgeber laut Fitzenberger zunehmend offen sein, jungen Menschen eine Chance zu geben, die vielleicht nicht alle Anforderungen für eine Stelle erfüllen. Dafür gelte es, zum Beispiel die Förderpakete zu nutzen, die die Bundesagentur für Arbeit anbietet. „Da ist auch das Thema Inklusion gefragt.“

Nachholbedarf bei der Berufsorientierung

Nicht zuletzt gebe es Nachholbedarf beim Matchingprozess. „Betriebe müssen wieder vermehrt in die Schulen gehen, in der Ansprache der Jugendlichen aktiv werden und die Jugendlichen auch auf den Geschmack bringen, sich für diesen Beruf zu interessieren und dafür zu bewerben.“

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Hotels und Gaststätten suchen dringend Nachwuchs - aber Jugendliche interessieren sich oft für andere Berufe. © Bernd Weißbrod/dpa/dpa-tmn

Laut Fitzenberger werden vermutlich auch im kommenden Ausbildungsjahr wieder vergleichsweise viele Stellen unbesetzt bleiben - in den Berufen, in denen der Bedarf besonders hoch ist. „Da wird die duale Ausbildung attraktiver werden müssen, ihre Karriere-Perspektiven aufzeigen müssen - sonst verstärkt sich weiter der Run der Jugendlichen mit guten Schulabschlüssen in Richtung der akademischen oder auch der vollzeitschulischen Ausbildung.“ dpa

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