Zugtür zu, pünktlich weg

Ärgernis Nr. 1: Bahn testet Konzept gegen Verspätung im Fernverkehr

Fernzüge sollen pünktlicher abfahren: Bahnhofsuhr - hier an einem Bahnsteig in Hannover Hbf. Foto: DB

Hannover/Kassel. Unpünktliche Züge sind das größte Ärgernis von Bahnfahrern - in Hannover und Köln erprobt die Bahn zwei Konzepte, die eine Abfahrt auf die Sekunde genau ermöglichen sollen.

Bei der Deutschen Bahn spricht man vom „verschärften Abfertigungsverfahren“: Zugtüren schließen früher als bislang - damit die Fahrt tatsächlich mit der Abfahrtszeit losgehen kann, nicht eine halbe oder eine Minute später. An zehn Bahnhöfen wachen zudem Knotenkoordinatoren seit kurzem darüber, dass Züge rechtzeitig wegkommen. Fragen und Antworten:

Wie will die Deutsche Bahn ganz konkret das alte Verspätungsärgernis in den Griff bekommen?

Nicht wie bislang 10, sondern bereits 30 Sekunden vor der planmäßigen Abfahrt schließt das Personal die Türen der ICE- und IC-Züge. Das soll das genau festgelegte Abfertigungsverfahren früher starten lassen und dazu beitragen, dass der Zug, der zum Beispiel um 9.11 Uhr losfahren soll, beim Zeigersprung auf 9.11 Uhr anrollt. Bisher liegt die Abfahrt laut DB eher eine halbe Minute hinter dem Plan.

Und wenn noch jede Menge Leute vor dem Zug stehen?

Denen sollen Türen nicht vor der Nase zugeklappt werden. Dasselbe gilt für Umsteiger, die in verspäteten Zügen ankommen und denen der Wechsel ermöglicht werden soll. Betroffen seien „einzelne Fahrgäste, die Sekunden vor dem Zeigersprung noch in den Zug einsteigen wollen“, sagte eine Bahnsprecherin dem Portal bahnblogstelle.

Gibt es schon Erkenntnisse, wie das Pilotprojekt läuft?

Keine offiziellen, zunächst soll die Hauptreisewelle im Sommer abgewartet werden.

Mehr Pünktlichkeit ist für Vorstandschef Rüdiger Grube einer der wichtigsten Pfade zurück in die Gewinnzone. Was hängt noch dran?

Grube weiß: Alles hängt mit allem zusammen. Fährt der IC verspätet ab, muss auch der nachfolgende Regionalzug länger im Bahnhof warten. Die verspäteten Züge blockieren einer entgegenkommenden Bahn die Einfahrt zum Bahnsteig, der Zug muss halten und eine Kettenreaktion weiterer Verzögerungen setzt sich in Gang.

Und was tun die Knotenkoordinatoren genau?

An den zehn wichtigsten Umsteigebahnhöfen - darunter in Hannover und Frankfurt Hauptbahnhof - gehen insgesamt 72 Experten diesen und anderen Fragen nach: „Was sind Gründe, dass wir nicht pünktlich abfahren? Wie können wir das verbessern?“ 60 Prozent der verspäteten Abfahrten kommen nach Angaben der DB letztlich aus den zehn verkehrsstärksten Knotenbahnhöfen. Das strahlt dann schnell ins ganze Netz aus.

Bei Verspätungen geht es aber nicht nur um Ärger der Reisenden, oder?

Nein. Regionalverkehre werden von verschiedenen Anbietern gefahren. In den Verträgen sind Ausgleichszahlungen für Minderleistung festgelegt: Bei der S-Bahn Berlin - betrieben von der DB -stieg die Summe, die das Land Berlin wegen Minderleistungen einbehielt, von 7,5 Mio Euro 2014 auf 10,3 Millionen. 2015. Der nordhessische NVV stellte der DB für das Jahr 2014 auf der Main-Weser-Bahn für den Abschnitt Kassel - Schwalmstadt 188 000 Euro in Rechnung. (mit dpa)

Pro Bahn: Kunden-Verband sieht DB-Pläne skeptisch

Dem „20 Sekunden früher Tür zu“-Plan der Bahn kann Gerd Aschoff (Göttingen), Sprecher des Fahrgastverbandes Pro Bahn für Niedersachsens, nichts abgewinnen: „Das verwirrt Fahrgäste! Die gehen doch davon aus, dass sie bis zur angegebenen Abfahrtszeit in den Zug kommen“, sagte Aschoff gestern auf Anfrage.

Sind im IC oder im ICE Türen einmal zu, blieben sie das in der Regel auch, sagt Aschoff. Anders als etwa in der Straßenbahn, wo großzügige Fahrer für heranhetzende Nachzügler nochmal öffnen. Bei langen Zügen, deren Lokführer hintere Wagen oft gar nicht mehr sehen, ist das komplizierter: Die Zugführer - nicht zu verwechseln mit Lokführern - lassen die Türen zugehen. Das wird dem Lokführer gemeldet - die Zugänge wieder entriegeln könnte aus Sicherheitsgründen nur der Mann im Fahrercockpit.

Mehr Pünktlichkeit? Da habe die DB über die Jahre viel angekündigt, sagt der Pro-Bahn-Sprecher, ohne dass viel rumgekommen sei. Den einen Schalter, den man umlegen müsse, um das komplexe Bahnsystem pünktlich zu machen, „den gibt es auch nicht“. Vom Wetter über Technikprobleme und Baustellen bis zu Unglücksfällen oder Streik: „Es gibt ein ganzes Bündel von Ursachen“, auch die, dass Bahnstrecken einfach zu voll gepackt würden.

Hintergrund: Bausteine der DB für die Zukunft

• „Zukunft Bahn“ heißt das Programm der DB, das bis 2020 alten Ärger beseitigen soll - mehr Pünktlichkeit ist ein wichtiger Baustein.

• Ausfälle bei „Antrieb, Toiletten, Klimaanlagen und Küchengeräten“ sollen mit besserer Wartung „mittelfristig auf Null“ gehen.

• Querliegenden Bäumen nach Unwettern soll mit mehr Kontrolle und Rückschnitt begegnet werden.

• Ein neuer Lokschleppdienst soll soll Gleise schneller von liegen gebliebenen Zügen befreien. • Mehr Infos:

http://zu.hna.de/dbzukunft

Service: 2015er-Werte wieder schlechter

• Als unpünktlich gelten Züge im DB-Fernverkehr, wenn die geplante Abfahrtszeit um sechs Minuten und mehr überschritten wird.

• Für 2015 liegt die durchschnittliche Pünktlichkeit im DB-Personenverkehr mit 93,7 Prozent unter den Ergebnissen von 2012 bis 2014, aber leicht höher als 2009 bis 2011. Die Prozentwerte geben den Anteil pünktlicher Halte an allen Unterwegs- und Endhalten wieder.

• Werte im Fernverkehr: 74,4 Prozent 2015 gegenüber 76,5 Prozent 2014. „Miserabel“, gibt die DB zu. • Mehr Infos:

http://zu.hna.de/dbpünktlich

• Verspätungsstatistiken gehörten lange zu den sorgsam gehüteten Geheimnissen der DB. Seit 20. September 2011 stehen sie im Netz:

http://zu.hna.de/dbspät

• Tools für Bahnkunden: „Ist mein Zug pünktlich?“

http://zu.hna.de/dbspättool

Hintergrund: Zehn Jahre 5-Minuten-Garantie beim NVV

• Der nordhessische Verkehrsverbund NVV ging 2006 mit seiner 5-Minuten-Garantie gegen Verspätungen ins Rennen: Die verspricht neben sauberen Fahrzeugen und Haltestellen für alle ÖPNV-Verbindungen im NVV-Gebiet Fahrpreiserstattung, wenn die Fahrt am Ende fünf Minuten mehr oder länger dauert als im Fahrplan vorgesehen. Gründe für die Verspätung sind egal. 2014 hat sich der NVV das 190 000 Euro kosten lassen, 2015 waren es 188 000 Euro.

• Um Pünktlichkeit ringen auch Wettbewerber der Bahn: Die Erixx-Bahn in Niedersachsen machte ihrem Namen als Heidesprinter Anfang 2016 wegen technischer Probleme an den Radsätzen wenig Ehre.

• Softwareprobleme plagen die Westfalenbahn auf der Achse Rheine-Osnabrück-Hannover-Braunschweig. Neue Zügen stoppen auf offener Strecke. Wird die Software herunter- und wieder hochgefahren, geht’s weiter.

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