Bahn verlangt wegen Zug-Umleitung bis zu zwölf Euro mehr für ICE-Fahrkarten

Kassel / Göttingen. Die Bahn langt hin: Wegen Bauarbeiten und Umleitungen berechnet sie Kunden höhere Fahrpreise. Beispielsweise zu Pfingsten auf der Strecke Frankfurt - Kassel - Göttingen. Während die teuerste Fahrkarte am Freitag noch 59 Euro kostet, muss man dafür am Samstag 71 Euro zahlen. Das gilt für die Strecke von Frankfurt nach Göttingen im umgeleiteten ICE (einfache Fahrt, 2. Klasse).

Dafür verlängert sich die Fahrzeit um bis zu 50 Minuten. Für zwölf Euro mehr sitzt man dann zweieinhalb statt eindreiviertel Stunden im Zug. Ähnliches gilt bei der Fahrt von Frankfurt nach Kassel-Wilhelmshöhe. Am Freitag kostet die ICE-Fahrkarte 49 Euro, am Samstag 57 Euro. Dafür ist man statt eineinhalb Stunden dann bis zu knapp zweieinviertel Stunden unterwegs.

Ein Bahnsprecher erklärte am Donnerstag auf Anfrage, nur bei längerfristig geplanten Bauarbeiten würden die Umwege in die Fahrplanauskunft eingearbeitet, und für den Kunden komme es zu keinen Preisänderungen. Bei kurzfristigen Baumaßnahmen sei eine Anpassung der Preise wegen der Komplexität des Fahrplans „leider nicht immer möglich“.

Die Bahn bietet nach Kritik des Fahrgastverbandes Pro Bahn den Kunden mit Fahrscheinen zum Normalpreis, die Züge mit Umwegen genutzt haben, die Möglichkeit, sich den Mehrpreis erstatten zu lassen. Das gilt auch für ICE, die wegen Bauarbeiten den Umweg von Frankfurt über Aschaffenburg nach Kassel und Göttingen nehmen.

Überhöhte Fahrpreise gelten laut Pro Bahn unter anderem auch auf der ICE-Linie Berlin - Mannheim. Auch der Wegfall von Intercity-Verbindungen wegen Bauarbeiten treibe die Fahrpreise für Kunden monatelang in die Höhe, weil zwangsweise der teurere ICE bezahlt werden müsse. Über Zuschläge zu den normalen Fahrpreisen informierte die DB bis gestern nicht.

Fahrgästen fällt die Mehrforderung darum meist nur dann auf, wenn sie den üblichen Preis kennen. Die DB berechnet den Fahrpreis für jede Fahrt individuell. So entstehen auch die Mehrpreise für Umleitungen, weil das Computersystem glaubt, der Fahrgast wolle absichtlich einen Umweg fahren. Stichproben unserer Zeitung bestätigten das.

Wer seine Fahrkarte im Internet kauft, dem wird kommentarlos der höhere Preis berechnet. Den Mehrpreis muss der Kunde sich dann mühsam zurückholen - wenn er denn die Mehrkosten überhaupt bemerkt.

Service: Schlichtungsstelle als letzte Hilfe

Fahrgästen, die ungerechtfertigten Fahrpreisforderungen zum Opfer gefallen sind, rät der Verbraucherverband Pro Bahn, den Mehrpreis zurückzufordern.

Wenn die DB die Differenz nicht erstatten sollte, können sich betroffene Fahrgäste an die Schlichtungsstelle SOEP in Berlin wenden. Infos unter:

http://www.soep-online.de/

Kommentar: Für ein paar Euro mehr

Jürgen Umbach über Preissprünge bei der Bahn

Wäre es nicht so traurig, könnte man sich kaputtlachen über unsere Bahn. Sie bringt den Treppenwitz fertig, 25 Euro für eine Reise im ICE zwischen Frankfurt und Kassel mehr zu verlangen, als für die Fahrt im Regionalzug, der sein Ziel schneller erreicht.

Wer das nicht glaubt, kann es am Samstag testen: Die zügige Fahrt per Regionalexpress kostet 32, die lange im ICE 57 Euro. Dass der Staatskonzern über dieses Stück aus dem Tollhaus am liebsten das Mäntelchen des Schweigens gelegt hätte, ist klar. Stehen doch Bahner dumm da, weil sie - und in der Folge mancher Kunde - vom bahneigenen Fahrpreissystem ausgetrickst wurden.

Dass Bahnreisende nicht auf höhere Preise an bestimmten Tagen hingewiesen werden, macht die Geschichte noch schlimmer. Und es ist kein Einzelfall, dass für umleitungsbedingt längere Fahrten mehr berechnet wird als für kurze in Normalzeiten.

Kassieren und schweigen kann kein erfolgreiches Geschäftsprinzip sein. Jetzt ist die Bahn wieder zur Schadensbegrenzung gezwungen. Statt Preise automatisch zu korrigieren, handelt sie sich wegen ein paar Euro Ärger und unzufriedene Kunden ein. Das ist unprofessionell.

jum@hna.de

Rubriklistenbild: © dpa

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