Banken im Stress - Angst wächst

Frankfurt - Die Banken misstrauen sich schon wieder gegenseitig - und leihen sich untereinander weniger Geld. Das war schon 2008 so, als die US-Bank Lehmann Brothers zusammenbrach. Kehrt jetzt die Finanzkrise zurück?

Neben Schuldenkrise und Rezessionsängsten geht an den Märkten ein weiteres Schreckgespenst um - die Angst vor neuen Liquiditätsengpässen der Banken. Das Misstrauen der Geldhäuser untereinander nimmt zu.

Die Situation erinnert an die Lage nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers im September 2008, als der sogenannte Interbankenhandel austrocknete und sich die Banken untereinander weniger Geld liehen. Das verschärfte die Finanzkrise. Experten warnen zwar vor Panik und verweisen auf die Notenbanken. Die Alarmsignale aber schrillen - die Schuldenkrise in der Euro-Zone droht zunehmend auf das Bankensystem überzugreifen.

Die stets bedächtige Europäische Zentralbank (EZB) räumt ein, dass das Misstrauen der Banken untereinander wächst. “Banken in bestimmten Regionen des Euro-Gebiets bevorzugen es, ihre überschüssige Liquidität bei der EZB zu deponieren, anstatt sie an andere Banken auszuleihen“, sagte EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark dem “Handelsblatt“ (Montag).

So ist das Volumen der bei der EZB über Nacht “geparkten“ Gelder im August deutlich gestiegen. Am Montag meldete die EZB gut 107 Milliarden Euro, zu Monatsbeginn waren es sogar rund 145 Milliarden Euro - der bisher höchste Stand in diesem Jahr. Anders als wenn sie sich das Geld untereinander ausleihen, kassieren die Banken kaum Zinsen für die Einlagerung bei der Notenbank. Von den Höchstständen während der Finanzkrise - 2008 waren es in der Spitze fast 300 Milliarden Euro, 2009 sogar noch etwas mehr - ist das aber noch ein gutes Stück entfernt.

Chronologie: Schuldenkrise im Euroland

Euro-Schuldenkrise - Eine Chronologie

Analysten der US-Großbank JPMorgan haben schon im Juli festgestellt, dass US-Geldmarktfonds Mittel aus Europa abziehen. Hintergrund ist die Sorge, dass die Banken wegen möglicher Abwertungen der von ihnen gehaltenen Staatsanleihen in Schieflage geraten könnten. An den Märkten wird bezweifelt, dass in einer solchen Lage die hochverschuldeten Staaten noch einmal mit milliardenschweren Rettungspaketen einspringen könnten.

Im Blick stehen Banken, die besonders stark in Krisenstaaten engagiert sind - etwa die französische Société Générale, die italienische Unicredit oder auch die Commerzbank über ihre Tochter Eurohypo. Die deutsche Nummer zwei hatte aber zuletzt betont, keine Refinanzierungsprobleme zu haben.

Ihre Wachsamkeit erhöht hat auch die US-Notenbank. Einem Bericht des “Wall Street Journal“ zufolge nimmt sie die Kapitalausstattung der US-Töchter europäischer Banken unter die Lupe. Hintergrund sei die Sorge, dass die Banken wegen der Schuldenkrise in Europa Probleme bei der Finanzierung des Kreditgeschäfts und anderer Verpflichtungen in den USA bekommen oder sogar Geld aus den USA abziehen könnten.

Ausländische Kreditgeber haben oft kein eigenes Einlagengeschäft in den USA. Sie versorgen sich normalerweise bei anderen Banken, der Zentralbank, auf dem Geldmarkt oder dem Devisenmarkt. In Krisenzeiten sind diese Wege aber oft versperrt. Aufmerksamkeit erregte, dass sich kürzlich eine nicht genannte europäische Bank bei der EZB 500 Millionen Dollar für eine Woche lieh. Es war das erste Mal seit einem halben Jahr, dass diese Hilfe in Anspruch genommen wurde, und ein weiteres Zeichen, dass die Notenbanken stärker den Interbankenhandel übernehmen.

Noch sei die Lage nicht vergleichbar mit der Situation im Herbst 2008, betont EZB-Chefvolkswirt Stark. Auf den Notenbanken ruht das ganze Vertrauen der Anleger. “Sie haben viele Instrumente, um das System mit der nötigen Liquidität zu versorgen“, sagt der Bankenexperte der Frankfurt School of Finance & Management, Martin Faust.

Es gibt aber auch in dieser Lage Gewinner - etwa die Deutsche Bank. Deren Vorstandschef Josef Ackermann betonte zuletzt, dass sein Institut von einer “Flucht in Qualität“ profitiere. Sollte allerdings erneut das gesamte Bankensystem ins Wanken geraten, dürfte auch die Deutsche Bank nicht ungeschoren davonkommen. Dem Kursrutsch bei Bankaktien in den vergangenen Tagen konnte sich der deutsche Branchenprimus daher nicht entziehen.

dpa

Rubriklistenbild: © dpa (Symbolbild)

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