Bankenstresstest: Chaos statt Beruhigung

Frankfurt - Der Krisentest sollte Vertrauen in Europas Finanzindustrie schaffen. Doch selbst am Tag der Veröffentlichung der Daten des Bankenstresstests herrschte Chaos.

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Beobachter bezweifeln seit langem, dass die noch junge europäische Bankenaufsicht EBA zur Beruhigung der Finanzmärkte beitragen kann. Manch deutscher Aufseher ist entsetzt, wie willkürlich die Londoner Behörde ihre Maßstäbe ändert. Und das alles vor dem Hintergrund, dass das Misstrauen gegenüber Banken seit Wochen zunimmt. Viele Institute könnten sich kaum noch frisches Geld beschaffen, wenn nicht die Europäischen Zentralbank (EZB) aus Sorge vor einer Kreditklemme die Geldschleusen weit geöffnet hätte. Die Branche hat das Gefühl, ihr würden nun gerade zum falschesten Zeitpunkt Steine in den Weg gelegt. “Die nun vorliegenden Ergebnisse verstärken die Verspannungen auf den Finanzmärkten“, urteilt Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer des Bankenverbandes BdB.

Zwar räumt inzwischen auch mancher Banker ein, dass sich die Institute besser für Krisenzeiten rüsten und manches Risikogeschäft mit mehr eigenen Mitteln absichern sollten. Die von der EBA nun in den Raum gestellte Summe - 114,7 Milliarden Euro Kapitalbedarf, davon 13,1 Milliarden bei deutschen Banken - war in etwa erwartet worden.

Euro-Schuldenkrise - Eine Chronologie

September 2004: Nach Berechnungen des europäischen Statistikamtes Eurostat hat Griechenland seine Zahlen zum Haushaltsdefizit seit 2000 frisiert. Eurostat kommt auf deutlich höhere Defizite. Damit wird klar, das EU-Land hat sich den Beitritt zur Euro-Zone 2001 mit falschen Zahlen erschlichen und immer mehr Schulden aufgehäuft. © dpa
Oktober 2009: Die oppositionellen Sozialisten gewinnen die vorgezogene Parlamentswahl. Giorgos Papandreou wird Ministerpräsident. Bei einer Staatsverschuldung von rund 260 Milliarden Euro ist jeder Grieche im Durchschnitt mit rund 25 000 Euro verschuldet. © dpa
Januar 2010: Die Regierung schickt ihren Sparplan zur Haushaltssanierung an die EU-Kommission. Sie will das Defizit von 12,7 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) mit harten Einsparungen und Steuererhöhungen bis 2012 auf unter die in der Euro-Zone erlaubten drei Prozent drücken. © dpa
Februar 2010: Die EU-Kommission stellt Griechenland unter Aufsicht. Athen muss laut Brüssel sein Defizit bis 2012 in den Griff bekommen. © dpa
April 2010: Die Euro-Länder einigen sich auf ein Rettungspaket. Es soll über drei Jahre laufen; der Internationale Währungsfonds (IWF) soll beteiligt werden. Im Notfall könnte Griechenland im ersten Jahr auf Hilfen von insgesamt 45 Milliarden Euro zugreifen. Große Ratingagenturen stufen die Kreditwürdigkeit des Landes weiter herab. In der Eurozone verschärft sich die Krise. © dpa
Mai 2010: Griechenland soll über drei Jahre Kredithilfen der Eurostaaten und des IWF von 110 Milliarden Euro bekommen. Athen muss das Defizit bis 2014 unter 3 (derzeit 13,6) Prozent absenken und beschließt ein striktes Sparprogramm. Im selben Monat spannen die EU-Staaten einen Rettungsschirm in Höhe von 750 Milliarden Euro auf, um klamme Euro-Länder notfalls mit Krediten zu versorgen. © dpa
Dezember 2010: Irland werden als erstem Land Hilfen aus dem Rettungsschirm EFSF bewilligt. Die EU-Finanzminister billigen das Hilfspaket von 85 Milliarden Euro. © dpa
11./12. März 2011: Bei einem Sondergipfel einigen sich die 17 Staats- und Regierungschefs der Eurozone auf weitreichende Maßnahmen zur Absicherung der 1999 eingeführten Gemeinschaftswährung. Der Rettungsfonds EFSF für klamme Mitglieder wird ausgeweitet. Künftig können chronische Schuldensünder leichter an Geld kommen. © dpa
24./25. März 2011: Die Staats- und Regierungschefs der 27 EU-Länder beschließen die Aufstockung des Rettungsfonds und einigen sich auf den “Pakt für den Euro“, der eine engere Abstimmung in der Haushalts-, Steuer- und Sozialpolitik vorsieht. Die Länder verpflichten sich zum Sparen. © dpa
April 2011: Die griechische Regierung stimmt die Bevölkerung auf ein weiteres hartes Sparprogramm ein. Der Fehlbetrag im Haushalt 2010 belief sich laut Eurostat auf 10,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Zunächst war Athen von etwa 9,5 Prozent ausgegangen. © dpa
Mai 2011: Die EU verlangt den Griechen einen noch härteren Sparkurs ab, aber Regierung und Opposition sind tief zerstritten. Griechenland hat nur noch bis Mitte Juli Geld, dann droht die Staatspleite. © dpa
Mai 2011: Die Euro-Finanzminister billigen eine Nothilfe für Portugal in Höhe von 78 Milliarden Euro. Im Gegenzug muss die Regierung in Lissabon ein striktes Sparprogramm durchziehen. © dpa
Juni/Juli 2011: Bei einem Gipfel in Brüssel beschließen die EU-Staats- und Regierungschefs ein weiteres milliardenschweres Hilfsprogramm für Athen. Das griechische Parlament stimmt dem Sparprogramm der Regierung zu. © dpa
Juni/Juli 2011: Damit ist der Weg für weitere Milliarden-Hilfen fast frei. Die Chefs der Euro-Länder einigen sich bei einem Krisentreffen darauf, dass die neuen Hilfsmaßnahmen einen Umfang von 109 Milliarden Euro haben sollen. © dpa
Oktober 2011: Nach einem EU-Doppelgipfel steht ein Paket gegen die Krise: Griechenlands private Gläubiger sollen freiwillig einem Schuldenschnitt von 50 Prozent zustimmen. © dpa
Oktober 2010: Das im Juli beschlossene 109-Milliarden-Programm wird modifiziert. Nun soll es Kredithilfen von 100 Milliarden Euro geben, plus Garantien von 30 Milliarden Euro, mit denen der Schuldenschnitt begleitet wird. © dpa
November 2011: Griechenlands Ministerpräsident Giorgos Papandreou tritt zurück. Nachfolger wird der frühere Vizepräsident der Europäischen Zentralbank (EZB) Lucas Papademos (parteilos), der eine Mehrparteien-Übergangsregierung bis zu Neuwahlen führen und im Parlament die von den internationalen Geldgebern verlangten Reformen durchsetzen soll. © dpa
Januar/Februar 2012: Griechenland und Vertreter des Internationalen Bankenverbandes IIF arbeiten an einer Vereinbarung über einen Schuldenschnitt, der im Endeffekt rund 100 Milliarden Euro umfassen soll. © dpa
Januar/Februar 2012: Experten der sogenannten Troika aus Vertretern der EU, des IWF und der Europäischen Zentralbank prüfen zugleich die Sparbemühungen Athens und verlangen weitere durchgreifende Maßnahmen, darunter Lohnkürzungen und die beschleunigte Verschlankung des Staatsapparats, die bislang kaum vorankommt. Vom geforderten breiten Konsens in Griechenland hängt das weitere Hilfsprogramm ab. © dpa
12. Februar 2012: Das griechische Parlament billigt das Sparpaket mit der Mehrheit von Konservativen und Sozialisten. Es gibt Gegenstimmen von kommunistischen und linken Abgeordneten sowie von zahlreichen Abweichlern aus den Reihen des Regierungslagers. © dpa
In Athen kommt es zu schweren Ausschreitungen, mit Dutzenden Verletzten und zahlreichen Festnahmen. Gebäude werden angezündet und Geschäfte geplündert. © ap

Doch die Summe alleine sei kein Maßstab, bemängeln Bankenexperten. “Eine seriöse Bankenaufsicht sollte nicht nur eine Zahl in den Raum stellen, sondern gleich sagen, woher die Banken das Geld nehmen sollen“, moniert Bankenprofessor Hans-Peter Burghof von der Universität Hohenheim. Sein Frankfurter Kollege Martin Faust warnt: “Manche Bank wird so zu geschäftspolitischen Maßnahmen gezwungen, die zwar kurzfristig helfen, langfristig aber nicht sinnvoll, ja sogar schädlich sind.“

So wurde etwa im Fall der bereits teilverstaatlichten Commerzbank, bei der die Aufseher mit 5,3 Milliarden Euro das weitaus größte Kapitalloch der deutschen Geldhäuser ausmachten, bereits über einen Verkauf der profitablen Töchter Comdirect und der polnischen BRE Bank spekuliert. Die Deutsche Bank scheint bereit, Tafelsilber zu veräußern, um sich für härtere Zeiten zu rüsten: Der Dax-Konzern stellte seine Vermögensverwaltung für institutionelle Anleger auf den Prüfstand, eines seiner Kerngeschäftsfelder.

Ein Problem des aktuellen Test nach Einschätzung von Experten: Er nimmt Kapitalquoten voraus, welche die Banken eigentlich erst später erfüllen müssten. “Insgesamt halte ich es für sinnvoll, dass Banken mehr Eigenkapital vorhalten“, sagt Faust. Aus seiner Sicht wäre es jedoch sinnvoller gewesen, den international abgestimmten Fahrplan (“Basel III“) einzuhalten, der schärfere Eigenkapitalregeln sukzessive ab 2013 einführen soll.

Die EBA verschärfte sogar noch ihre ursprünglichen Vorgaben für den jetzigen Test: Sie ließ letztlich die zumeist schlechten Geschäftsergebnisse aus dem dritten Quartal einfließen, setzte strengere Maßstäbe für Risikoanlagen an und schränkte die Verrechnung von Gewinnen und Verlusten bei Staatsanleihen ein. Landesbanken wie Helaba und NordLB bekamen nur deshalb Probleme, weil längst beschlossene Maßnahmen zur Stärkung der Kapitalbasis nicht zum von der EBA gesetzten Stichtag 30. September 2011 wirksam waren.

“Ich will ja gerne glauben, dass dieser Stresstest ein genaueres Bild zeichnet als frühere Tests“, sagt Bankenprofessor Burghof. “Aber solche Tests haben einen Teil ihrer Glaubwürdigkeit verspielt, weil sie bei früheren Auflagen offenbar doch nicht so seriös waren.“

Gerade in Deutschland ist man überzeugt: Die junge Behörde EBA, die ihre Arbeit erst Anfang 2011 aufnahm, will sich als “harter Hund“ beweisen. Die hiesigen Bankenverbände waren sich in ihrer Kritik einig: “Chaotisch wirkender Prozess“ (Michael Kemmer/BdB), “inkonsistent und ärgerlich“ (Hans Reckers/VÖB), “völliges Ignorieren der Realität“ (Heinrich Haasis/Sparkassen). Ökonom Burghof pflichtet bei: “Die EBA verhält sich gezielt erratisch, auch um zu zeigen, wer Herr im Haus ist.“ Für mehr Vertrauen in die Finanzbranche, so die vorherrschende Meinung, sorgt der Stresstest - mal wieder - nicht.

dpa

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