Bankexperte verteidigt Überziehungs-Zinsen

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Für ihre Guthaben erhalten die Sparer in Deutschland fast nichts, für Dispo-Kredite werden sie von vielen Banken immer noch kräftig zur Kasse gebeten. Foto: Karl-Josef Hildenbrand

Nach der jüngsten Entscheidung der Europäischen Zentralbank müssen sich Sparer auf eine lange Durststrecke bei den Zinsen für ihre Guthaben einstellen. Überziehungszinsen hingegen bleiben bei vielen Banken hoch - auch aus pädagogischen Gründen?

München (dpa) - Für ihre Guthaben erhalten die Sparer in Deutschland fast nichts, für die Konto-Überziehung werden sie von vielen Banken immer noch kräftig zur Kasse gebeten.

Spitzenreiter bei einer Untersuchung der Stiftung Warentest war vor wenigen Monaten die Raiffeisenbank Trostberg-Traunreut in Oberbayern mit 16 Prozent. Für einen Kurswechsel sieht der Genossenschaftsverband Bayern als Dachorganisation der Volks- und Raiffeisenbanken keinen Anlass: "Wir haben kein Interesse daran, Konten in dem Bereich der Überziehungszinsen zu führen", sagte Vorstandsmitglied Jürgen Gros der Deutschen Presse-Agentur in München.

Aus seiner Sicht dürfen diese Zinsen ruhig eine abschreckende Wirkung haben. "Es sollte auch im Sinne des Verbrauchers sein, in diese Regionen nicht hineinzukommen." Für die Banken bedeuteten überzogene Konten einen hohen und kostspieligen aufsichtsrechtlichen Aufwand. Betroffenen Kunden werde bei einem finanziellen Engpass aber zeitnah angeboten, einen günstigeren Kredit in Anspruch zu nehmen.

Die Stiftung Warentest hatte die Konditionen von fast 1500 Banken und Sparkassen durchleuchtet und war zu dem Schluss gekommen, dass die Zinsen in vielen Fällen immer noch deutlich zu hoch seien. Zu viele Banken nutzten den Dispozins, um ihre Kunden zu schröpfen, kritisierten die Prüfer. Im Durchschnitt ermittelten sie bei den untersuchten Geldhäusern einen Zinssatz von 10,25 Prozent. Vor einem Jahr waren es 10,65 Prozent. Die Deutsche Kreditwirtschaft nannte dagegen einen durchschnittlichen Dispozinssatz von 8,83 Prozent für Mai 2015 - der tiefste Wert seit mindestens zehn Jahren, so der Spitzenverband der Banken und Sparkassen.

Der Dispo-Kredit ist für die kurzfristige Überziehung des Girokontos gedacht. Üblicherweise räumen Banken und Sparkassen das Zwei- bis Dreifache eines Monatseinkommens als Dispokredit ein. Für Überziehungen, die darüber hinausgehen, werden noch mal deutlich höhere Zinsen verlangt. Aus Sicht von Gros sind derartige Konto-Überziehungen nur ein Randphänomen - bei den bayerischen Volks- und Raiffeisenbanken gehe es um einen niedrigen einstelligen Prozentbereich. "Es gehört nicht zum Wesen des deutschen Bankkunden, sein Konto zu überziehen."

Auch die Kritik der Prüfer an mangelnder Transparenz der Konditionen bei vielen Instituten sieht er gelassen. "Dort wo ein Kunde Interesse an unseren Angeboten hat, bekommt er die notwendigen Informationen auch." Im Internet erfahren die Verbraucher bei vielen Volks- und Raiffeisenbanken die aktuellen Konditionen für Konto-Überziehungen allerdings nicht. Bei einem Antrag auf Kontoeröffnung werden sie nach Angaben von Gros aber auf die Zinssätze hingewiesen. Auch auf allen Kontoauszügen seien die geltenden Zinssätze für Dispositionskredite und Überziehungen aufgedruckt.

Untersuchung der Stiftung Warentest zu Dispozinsen von August 2015

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