Der Kasseler Öl- und Gasförderer Wintershall baut Förderung aus, kündigt Vorstandschef Rainer Seele an

Die Bedingungen werden schwieriger

Die Wirtschaftskrise hat den Öl- und Gasbedarf sinken lassen. Die Kasseler Wintershall Holding AG sieht jedoch trotzdem noch attraktive Märkte, sagt ihr Vorstandschef Rainer Seele im Interview. Die BASF-Tochter, die stark im Russland aktiv ist, baut die Produktion aus.

Die Wirtschaft lahmt. Wie schwierig wird das Öl- und Gasgeschäft in den nächsten Jahren?

Dr. Rainer Seele: In erster Linie konzentrieren wir uns auf den Ausbau der Öl- und Gasproduktion. Der Bedarf geht zwar zurück, aber die Weltmärkte sind noch immer attraktiv. Die Rahmenbedingungen für Wintershall werden in den nächsten Jahren jedoch schwieriger.

Zur Person

Rainer Seele (49) steht seit Oktober 2009 an der Spitze des Öl- und Gasproduzenten Wintershall Holding AG. Zuvor war der promovierte Chemiker Vorstandsmitglied sowie Sprecher der Geschäftsführung der Wingas, der gemeinsamen Gashandelstochter von Wintershall und der russischen Gazprom. Seele stammt aus Bremerhaven. Er studierte in Göttingen und begann seine berufliche Laufbahn bei der Wintershall-Mutter BASF AG (Ludwigshafen). Seele ist verheiratet und hat drei Kinder. Er interessiert sich für Ballett, schwimmt gern und spielt Golf. (wll)

Was kommt auf Wintershall zu? Seele: Der Zugang zu neuen Öl- und Gasvorkommen ist schwieriger geworden. In der Vergangenheit war die Entwicklung neuer Lagerstätten in erster Linie eine Sache der Finanzkraft. Heute geht es stärker um die Entwicklung von Technologien.

Was muss r Wintershall tun?

Seele: Wir müssen unsere Technologien weiterentwi-ckeln. Wintershall hat ein sehr hohes Wissen über Öl- und Gasförderung in flachen Gewässern und über die Entwicklung von Tight-Gas-Lagerstätten. Das sind Vorkommen, in sehr kompaktem, nahezu undurchlässigem Gestein, die wir mit Hilfe der Horizontalbohrtechnik und dem so genannten Frac-Verfahren erschließen. Auch mit Spezialtechniken, die Ausbeute bei der Ölförderung erhöhen, haben wir viel Erfahrung gesammelt.

Verliert die Ölförderung gegenüber dem Gas bei Wintershall an Bedeutung?

Seele: Nein. Ich habe Interesse daran, die Ölaktivitäten der Wintershall zu stärken, Wir haben uns durch unsere erfolgreiche Produktion in Russland mehr und mehr zum Gasproduzenten entwickelt. Heute produzieren wir in unserem Portfolio deshalb nur noch 40 Prozent Öl. Dieses Verhältnis soll wieder etwas besser ausbalanciert werden.

Laufen Wintershall bald die Kosten weg, weil die Entwicklung der Lagerstätten schwieriger geworden ist?

Seele: Die Kosten sind zwar wegen des höheren Aufwands gestiegen, aber wir hatten auch eine entsprechende Preisentwicklung für Öl und Gas, die diese auffängt.

Im Moment ist Gas an den Spotmärkten viel billiger als Pipeline-Gas. Wirft das Ihre Kalkulation über den Haufen?

Seele: Das sind Herausforderungen für unsere Gashandelstochter Wingas. Sie muss darauf achten, zu wettbewerbsfähigen Konditionen handeln zu können.

Muss sie dabei auch Preiszugeständnisse an Abnehmer machen?

Seele: Natürlich, die Wingas muss sich schließlich im Wettbewerb durchsetzen.

Zur Zeit ist zuviel Gas im Markt. Im nächsten Jahr kommt das Gas aus der Nord-Stream- Pipeline hinzu. Werden Sie das los?

Seele: Da mache ich mir keine Sorgen. Langfristig wird das Gas in Europa hoch begehrt sein. Wir haben das Gas für 25 Jahre eingekauft und werden bis zu neun Milliarden Kubikmeter im Jahr nehmen – in den ersten Jahren aber deutlich weniger. Ich kann nicht von einem Tag auf den anderen zusätzliche neun Mrd. Kubikmeter Gas im Markt platzieren – das entspräche knapp einem Zehntel des Jahresbedarfs von Deutschland.

Sie wollen mehr Gas kurzfristig einkaufen. Verhandeln Sie dafür auch mit Gazprom über die Lockerung langfristiger Verträge?

Seele: Wir sind immer in Gesprächen mit Gazprom. Denn die Situation im Markt kann man von der Verkaufsseite allein nicht lösen. Wir müssen auch auf der Einkaufsseite wettbewerbsfähig sein. Dabei unterscheiden wir nicht zwischen lang- und kurzfristigen Verträgen. Wir brauchen aber Flexibilität, um auf Preisveränderungen reagieren zu können.

Bedeuten die Pläne für die Pipeline Nabucco zusätzliche Konkurrenz für Nord Stream und Wintershall?

Seele: Ich drücke dem Nabucco-Projekt beide Daumen, Ich glaube, dass diese Leitung für Europa sinnvoll und vorteilhaft ist. Das Problem ist aber die Energiepolitik der EU: Sie konzentriert sich bei Nabucco auf den Leitungsbau mit Subventionen und lässt außer Acht, die Ressourcen außerhalb Europas zu sichern. Denn bislang gibt es nicht genug Gas, mit dem die Nabucco-Pipeline überhaupt gefüllt werden könnte.

Von Barbara Will

Hintergrund: Frac-Verfahren

Mit dem Frac-Verfahren kann so genanntes Tight Gas gefördert werden, das in besonders undurchlässigem Speichergestein eingeschlossen ist. Dazu wird das Gestein unter hohem Druck hydraulisch aufgebrochen. Damit sich die so entstandenen Risse, die „Fracs“, nicht wieder schließen, wird spezieller Sand in sie hineingepumpt. So kann das Gas durch die Risse in das Bohrloch strömen.

Weiterer Artikel: Wintershall: Bedingungen für Öl- und Gasförderung werden schwieriger

Das könnte Sie auch interessieren

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.