Bitten kann man wie ein Geschenk zurückgeben

Stopp dem Stress: Richtig „Nein“ sagen im Job. Ein Interview mit Vicky Helms von Vicky Helms, personal peak performance in Kaufungen.

Warum können so viele Menschen nicht nein sagen?
Helms: Dafür gibt es vielfältige Gründe. Da sind die Angst vor der Reaktion und der Ablehnung des Gegenübers, die Angst egoistisch zu wirken und Schuldgefühle in Form eines schlechten Gewissens. Aber auch Überzeugungen wie „als guter Freund macht man das so" und überhöhte Ansprüche an sich selbst stehen einem Nein häufig im Weg. Manche Menschen haben auch die Angst, etwas zu versäumen. Letztlich wollen Menschen eigene negative Gefühle vermeiden. Oft entpuppen sich die Vorannahmen über die Folgen eines Neins jedoch als völlig überzogen.

Welche Probleme schafft dieses Manko?

Helms: Wenn Sie nein sagen, müssen Sie bereit sein, die Konsequenzen wie den Ärger der Kollegin zu tragen beziehungsweise auszuhalten. Doch auch jedes Ja hat seine Auswirkungen: mehr Arbeit, das Zurückstellen eigener Pläne, weniger Zeit für andere Aufgaben usw. Dauerhaft kann dies zu einer Überlastung führen. Die eigenen Bedürfnisse werden immer wieder zurückgestellt und geraten teilweise völlig aus dem Blick, was das Aufladen der eigenen Akkus verhindert. Zudem werden Menschen, die selten Nein sagen, immer öfter von anderen mit Bitten konfrontiert, sodass eine Art Kreislauf entsteht.

Welche Ängste verbinden Menschen mit einem Nein im Berufsleben?

Helms: Häufig ist es die Angst vor dem Bild, das sich der andere daraufhin vermeintlich macht: Der Chef könnte mangelnde Kompetenz, Leistungsfähigkeit, Belastbarkeit ableiten, die Kollegen Sie als nicht hilfsbereit und kollegial, als egoistisch einstufen - mit den all den möglichen Folgen wie Karriereknick und Ausgrenzung. Gerade wenn der Vorgesetzte um die Übernahme einer zusätzlichen Aufgabe bittet, sind sich viele Menschen auch unsicher, ob sie überhaupt ablehnen dürfen.

Geraten dauerhafte Ja-Sager in einen Teufelskreis der Überforderung?

Helms: Zudem wird das Selbstwertgefühl auf die Dauer angegriffen, wenn Sie sich immer wieder zu Dingen überreden lassen, die Sie nicht wirklich möchten, und Sie sich im Anschluss dann über sich selbst ärgern. Es gibt jedoch auch Menschen, die das Gefühl gebraucht zu werden und damit Bestätigung und Anerkennung ableiten. Wichtig ist hier trotzdem, die Balance nicht zu verlieren.

Wie gesund ist Ihrer Ansicht nach das Nein für das eigene Wohlbefinden?

Helms: Nein sagen bedeutet Grenzen setzen: anderen gegenüber und auch für sich selbst. Zum einen um sich vor Überforderung zu schützen und den Freiraum für eigene Bedürfnisse zu bewahren. Zum anderen beinhaltet das Neinsagen die Chance, sich auf wenige Dinge konzentrieren zu können und dadurch eine höhere Qualität und auch das „Aufgehen" in Ihrem Tun zu erreichen. Dies wird allgemein mit einem Gefühl der Zufriedenheit erlebt. Multitasking ist Übrigens einer der größten Stressfaktoren heute - in diesem Moment können wir nicht Nein sagen zu den vielen Einflüssen von außen wie die eingehende E-Mail. Hier ist die Selbstbeschränkung ein wichtiger Schritt in Richtung Wohlbefinden.

Wie kann man anderen gegenüber ein Nein rüberbringen?

Helms: Zunächst sollten Sie sich selbst Bedenkzeit einräumen, in der Sie für sich genau prüfen können, ob Sie die Aufgabe übernehmen wollen. Machen Sie sich klar, welchen Preis Sie bezahlen: Wie viel Zeit es kosten wird, welche anderen Dinge Sie dafür zurückstellen müssen - und treffen Sie auf dieser Basis Ihre Entscheidung. Wenn Sie nein sagen wollen, ist es wichtig, dass Sie dem Anliegen des Gegenübers mit Wertschätzung begegnen. Sie können signalisieren, dass Sie grundsätzlich zu Hilfe bereit sind, aber in diesem Fall ablehnen. Formulieren Sie Ihren Standpunkt eindeutig und bleiben Sie während des Gesprächs bei sich: Bleiben Sie in der eigenen Perspektive, verwenden Sie Ich-Aussagen.

Welche Argumente sollte man aufführen, um von anderen verstanden zu werden?

Helms: Ihr Nein können Sie mit einer kurzen sachlichen Begründung verknüpfen. Sie sollten jedoch nicht in die Haltung verfallen, sich rechtfertigen zu wollen. Eine Bitte können und dürfen Sie jederzeit - wie ein Geschenk auch - zurückgeben.

Was tun, wenn das schlecht ankommt?

Helms: Es ist immer möglich, dass Ihr Gegenüber über Ihre Entscheidung nicht erfreut ist. Sie müssen lernen, diese Reaktionen auf ein Nein auszuhalten. Auf jeden Fall sollten Sie zu Ihrer Entscheidung stehen und die negativen Emotionen dort lassen, wo sie entstehen: bei Ihrem Gegenüber.

Wie kann man den Büroalltag und das Miteinander besser regeln?

Helms: Alle Aufgaben und Verantwortlichkeiten sollten klar definiert, verteilt und kommuniziert werden. Grundsätzlich sollte der Teamgedanke, die gegenseitige Unterstützung die Basis bilden. In einem starken Team trägt jeder zuerst jedoch die Verantwortung für den eigenen Bereich, eine Übergabe von Aufgaben sollte eine Ausnahme bleiben. Wenn die Verteilung sich längerfristig als schwierig erweist, muss dies offen gelegt und müssen die Gründe analysiert werden: Liegen Sie bei einzelnen Personen oder in Arbeitsorganisation?

Was kann ich für mich tun, damit mir ein Nein besser über die Lippen kommt?

Helms: Finden Sie heraus, in welchen Situationen genau Sie ein Nein vermeiden und gehen Sie Ihren eigenen Mustern auf den Grund: Was hindert mich daran, Nein zu sagen? Was stelle ich mir vor, würde passieren wenn ich Nein sage? Überprüfen Sie sich, wie Sie selbst auf ein Nein reagieren. Können Sie es einfach akzeptieren? Fühlen Sie sich abgelehnt und verletzt? Manchmal übertragen wir unsere eigenen Reaktionsweisen auf den Gegenüber und handeln entsprechend. Stellen Sie Ähnliches bei sich fest, räumen Sie zunächst Anderen das Recht ein, Ihnen gegenüber Nein zu sagen. Üben Sie das Nein sagen und sammeln Sie Erfahrungen damit in vielen unterschiedlichen Situationen: im Beruf, in der Familie, in der Freizeit. Befragen Sie auch Freunde und Bekannte, wie es Ihnen mit einem Nein geht. Sie werden feststellen, dass viele Ihrer Ängste völlig unbegründet sind. Und wenn Sie allein nicht weiterkommen, können Sie sich auch professionelle Unterstützung bei einem Coach oder einem Therapeuten holen. Von Helga Kothe

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