Brauer sind in Katerstimmung

Vielfältiges Angebot: Susanne Sonnenschein zeigt regionales Bier. Foto: Fischer

Kassel/Göttingen. Die deutschen Brauer stecken in der Klemme. Mit zunehmendem Alter trinken die Deutschen weniger Bier. Auch junge Menschen haben immer seltener Bierdurst und steigen auf andere Alkoholika um. So sank der jährliche Pro-Kopf-Verbrauch seit 1990 von 142,7 auf 108,2 Liter im Jahr - Tendenz fallend.

Im selben Zeitraum ging der Bierabsatz von 108,1 auf 98,3 Millionen Hektoliter (hl) zurück. Ein Hektoliter sind 100 Liter. Zwar stieg die Zahl der Braustätten wegen der Zunahme von kleinen Brauereien etwa in der Erlebnisgastronomie in den vergangenen Jahren geringfügig auf mehr als 1300. Aber der Rückgang der Arbeitsplätze in der Branche von 37 800 zur Jahrtausendwende auf 28 600 zeigt, dass nicht nur der geringere Bierdurst, sondern vor allem auch Rationalisierungsfortschritte und die weit gehende Auslagerung der Logistik Stellen gekostet haben.

Gleichzeitig galoppieren den Brauern die Kosten davon: Löhne, Energie und vor allem Rohstoffe haben sich verteuert. So verdoppelte sich 2010 der Preis für Braugerste auf rund 240 Euro je Tonne, was 50 bis 60 Cent je Kasten entspricht. „Es ist die Summe der Preissteigerungen, die für viele Brauereien existenzbedrohend wirkt“, meint der Sprecher des Deutschen Brauer-Bundes, Marc-Oliver Huhnholz. Zumal sich die Branche angesichts des harten Wettbewerbs der Brauereien und Lebensmitteleinzelhändler derzeit schwertut, Preissteigerungen zum Teil weiterzugeben.

Im Gegenteil: Premiumbiere befinden sich seit Monaten im Dauerpreistief und sind mitunter schon für zehn Euro je Kasten zu haben. Sie kosten damit nicht mehr als vor zehn Jahren. Daher sieht Huhnholz vor allem mittelständische Unternehmen in der Zwickmühle. Sie seien zu groß, um wie kleine Marken allein von der Region leben und zu klein, um überregional mit den Großen mithalten zu können. Deren Werbeetats sind für Mittelständler unerreichbar.

Dass Billiganbieter wie Oettinger den Premiumbieren immer mehr Kunden wegschnappen, kann Huhnholz nicht beobachten. „Die Marktanteile in beiden Segmenten sind relativ stabil“, sagt er.

Oettinger hat 2010 sogar Kunden verloren. Die Großbrauerei konnte mit einem Ausstoß von 6,34 Mio. hl zwar den ersten Platz im deutschen Bier-Ranking halten, verlor aber fast vier Prozent Absatz. Demgegenüber konnten die nächst größeren Marken Krombacher (5,41 Mio. hl), Bitburger (3,92 Mio.), Warsteiner) (2,8 Mio.) und Veltins (2,58 Mio.) Marktanteile hinzugewinnen.

Hintergrund:

Regionale spüren Druck der Großen

Die kleine Hütt-Brauerei in Baunatal (Kreis Kassel) spürt zwar den Preisdruck der „Fernsehbiere“, wie Unternehmenschef Frank Bettenhäuser die werbestarken Premiummarken nennt, „mit unsere regionalen Sorten und Spezialitäten stehen wird aber immer noch gut da.“ Mehr als 70 000 Hektoliter Gerstensaft der Marken Hütt und Löwenbräu (Malsfeld) hat er 2010 verkauft - etwas weniger als im Vorjahr, sagt er ohne genaue Zahlen zu nennen. „Viel wichtiger ist, dass wir Geld verdienen“.

Das tut die mittelgroße Einbecker Brauhaus AG derzeit nicht. Bereits 2009 machte die Traditionsbrauerei ein Minus von 192 000 Euro. Für 2010 erwartet sie erneut ein Defizit. Grund ist nicht nur ein Absatzrückgang von 3,4 Prozent auf etwa 771 000 hl, sondern auch der verstärkte Ausstoß der Billigmarke Nörten-Hardenberger, die kaum Rendite bringt. Schon machen Gerüchte die Runde, in Einbeck und bei der zur Gruppe gehörenden Kasseler Martini-Brauerei könnten Jobs gestrichen werden. Vorstand Bernhard Gödde beklagt „den ruinösen Preiskrieg“ mit den Fernsehmarken. „Da ist viel Druck im Markt“. Für 2011 erwartet Gödde schwarze Zahlen.

„Die Situation für kleine Brauereien ist sehr angespannt“, sagt Eckhard Haaß, geschäftsführender Inhaber von Schwalm-Bräu in Treysa. Die Brauerei mit 15 Mitarbeitern und 7000 hl Ausstoß investiert pro Jahr etwa 150 000 Euro aus eigenen Mitteln.

„Betriebswirtschaftlich geht es uns gut“, sagt Ernst Andreas, Geschäftsführer der Eschweger Klosterbrauerei mit 8,3 Mio. Euro Umsatz und knapp 50 Beschäftigten. Dass der Ausstoß 2010 um 14 Prozent auf 80 000 hl stieg, war jedoch der Lohnbrauerei zu verdanken. Der Absatz der Eigenmarken Jacobinus Spezialitäten und Eschweger Klosterbräu sank.

Schwarze Zahlen schreibt die Bergbrau Brauerei in Uslar, rechnet dabei aber mit spitzen Stift. Die Brauerei mit knapp 20 000 hl Ausstoß und zwei Mio. Euro Umsatz beschäftigt zwölf Mitarbeiter. (jop/wll)

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