Stromleitungen fehlen

Windkraft-Probleme: Bürger müssen mehr zahlen

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Die gewonnene Energie kann nicht eingespeist werden.

Berlin - Mehr Stromleitungen braucht das Land. Eine neue Erhebung zeigt: Die Zahl der zwangsweise abgeschalteten Windparks hat sich verdreifacht. Die Entschädigungen dafür zahlen die Bürger.

Die Verbraucher müssen sich beim Strompreis auf Zusatzkosten durch fehlende Netze für Windparks einstellen. Union und FDP wollen noch in dieser Woche im Bundestag beschließen, dass die Bürger höhere Lasten als bisher bekannt für Anschlussprobleme in der Nordsee tragen sollen. Die Entschädigungszahlungen der Netzbetreiber sollen auf 110 Millionen Euro jährlich gedeckelt werden - der Rest wird auf die Strompreise abgewälzt. Das geht aus einem überarbeiteten Gesetzentwurf vor. Bisher war nur eine Begrenzung auf 100 Millionen Euro pro Schaden geplant.

Für die Bürger werden durch die Offshore-Haftungsumlage allein für 2013 Belastungen von rund einer Milliarde Euro erwartet. Schon ohne diese Kosten werden die Strompreise 2013 im Schnitt um zwölf Prozent steigen. Zusätzliche, wenn auch weit geringere Kosten entstehen durch eine Verdreifachung der Zwangsabschaltung von Windparks an Land.

Die Entschädigungen für diese gerade bei Starkwind verfügten Maßnahmen dürften sich für 2011 auf 18 bis 35 Millionen Euro belaufen. Das Unternehmen Ecofys hat für den Bundesverband Windenergie ermittelt, dass der Rekordwert von bis zu 407 Gigawattstunden (GWh) Windstrom verloren ging, 2010 waren es 150 GWh. Zu ähnlichen Zahlen kommt auch die Bundesnetzagentur.

Energiewende: Diese Probleme sind noch zu lösen

Kanzlerin Angela Merkel  macht die Energiewende stärker zur Chefsache. Doch noch zeigen sich vielen offenen Fragen, die dringend geklärt werden müssen, damit der Atomausstieg auch klappt. © dpa
ÖKOSTROM BOOMT: Bei der Produktion von Wind- und Solarenergie purzeln die Rekorde. Von Januar bis April gab es beim Windstrom ein Plus von 25 Prozent im Vergleich zu den ersten vier Monaten 2011. Bei der Solarenergie waren es sogar 30 Prozent mehr: Der Ökoenergieanteil am Strommix liegt bereits bei rund 20 Prozent. © dpa
Doch während überall neue Wind- und Solarparks entstehen, kommen die Netze an ihre Grenzen. Wenn viel Geld für die Förderung ausgegeben wird, die Anlagen dann aber mangels Netzen abgeschaltet werden müssen, sei das volkswirtschaftlicher Unsinn, sagt Umweltminister Peter Altmaier. Es fehlt bisher der Schlüssel für die Speicherung überschüssigen Stroms. © dapd
NETZAUSBAU LAHMT: Rund 4500 Kilometer an neuen Höchstspannungsleitungen fehlen, dazu zehntausende Kilometer an Verteilnetzen, über die der meiste Ökostrom transportiert wird. Die Netzbetreiber müssen sich verstärkt vorhalten lassen, nicht genug zu investieren und so die Energiewende zu torpedieren. Hier ist die Politik gefragt. © dpa
Vor allem müssen wegen der Anschlussprobleme des Betreibers Tennet rasch Lösungen gefunden werden, damit die extrem teuren Windparks in der Nordsee ihren Strom auch wegbekommen. © dpa
KRAFTWERKE FEHLEN: Wenn tatsächlich bis 2022 die restlichen neun Atommeiler vom Netz sollen, müssen neue Kraftwerke mit einer Leistung von mindestens 10 000 Megawatt her. Das sollen vor allem hochmoderne Gaskraftwerke und weniger klimaschädliche Kohlemeiler sein. Die bisherigen Atomländer Bayern und Baden-Württemberg wollen so nicht zu abhängig von Windstrom aus dem Norden und Osten werden. © dpa
Und man braucht sie, wenn kein Wind weht und es Nacht ist. Aber angesichts des Ökostromwachstums fehlt eine Garantie für genug Betriebsstunden. Daher wird ein eigener Strommarkt für solche konventionellen Kraftwerke erwogen, damit sie eine Absatzgarantie haben. © dpa
KOSTEN DROHEN AUSZUUFERN: Ob bei Netzkosten, Ökoenergieförderung oder möglichen Zuschüssen für neue Kraftwerke - die Energiewende dürfte viel teurer werden als gedacht. Das Energiesparen wird aber vernachlässigt. Zudem fehlen wegen eines Preisverfalls im Handel mit EU-Verschmutzungsrechten in den nächsten Jahren bis zu fünf Milliarden Euro. © dpa
Hier ist die Regierung gefragt, mittelfristige Kostenprognosen zu erstellen. Sonst drohen bei den Strompreisen starke Steigerungen und ein Verlust der Akzeptanz. Die Industrie warnt bereits vor einer Deindustrialisierung. Erwogen wird daher eine Senkung der Stromsteuer. Oder der Staat könnte stärker mit Milliardenzuschüssen eingreifen, wird gefordert. © dpa
KOORDINATION FEHLT: Das Mammutprojekt muss dringend zentral und übergreifend koordiniert werden, weil alles miteinander zusammenhängt. Mit einem Masterplan, der über Jahre reicht, könnte auch Investitionssicherheit hergestellt werden. Jedes Bundesland hat bisher ein Energiekonzept, hinzu kommen Hunderte kommunale Pläne. Der Bund muss stärker regeln, dass der Ausbau erneuerbarer Energien auf die Netze abgestimmt wird. © dpa

Da die Betreiber für solche Drosselungen entschädigt werden müssen und dies auf die Strompreise abgewälzt wird, entstehen Jahr für Jahr steigende Millionenbelastungen durch gar nicht eingespeisten Strom. Schwerpunkte der Abregelungen waren Nord- und Ostdeutschland. Mit dem nicht eingespeisten Strom hätten etwa 116 000 Haushalte ein Jahr lang versorgt werden können. Ein Sprecher des Windenergieverbands betonte: „Das zeigt, wie dringend ein zügiger Netzausbau ist.“

Nachdem am Montag die Pläne für den Bau von 2800 Kilometer an neuen Stromautobahnen von Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) vorgestellt worden waren, zeigen die Abschaltungen an Land auch die zunehmenden Engpässe im deutschen Verteilnetz. Hier sind laut einer noch unveröffentlichten Studie der Deutschen Energie-Agentur Ausgaben von 27,5 bis 42,5 Milliarden Euro für den Ausbau notwendig. Demnach könnten bis 2030 zwischen 159 200 und 214 000 Kilometer an neuen Nieder-, Mittel- und Hochspannungsnetzen nötig sein, um den gerade in ländlichen Gebieten produzierten Wind- oder Solarstrom zu verteilen.

Wie sicher ist unsere Stromversorgung? Fragen & Antworten

Der Bericht der Bundesnetzagentur zur Lage der Stromnetze löst Sorgen aus. Die Zahl der Eingriffe in die Netze habe sich mehr als verdreifacht. Die Lage sei „kritisch“, heißt es darin. Doch was bedeutet das? © dpa
Ein europaweiter Stromausfall wie zuletzt 2006 nach der Abschaltung einer Starkstromleitung für ein Kreuzfahrtschiff an der Ems ist der Alptraum jedes Netzplaners. Damals saßen rund zehn Millionen Menschen im Dunkeln, es gab Chaos, Überfälle, steckengebliebene Aufzüge und hohen Schaden. Wenn nun die Bundesnetzagentur vor einer „kritischen Lage“ für die deutschen Netze warnt, löst das Sorgen aus. © dpa
Wie kommt es eigentlich zu einem Netzausfall? © dpa
Kleinere Netzausfälle zum Beispiel durch Vögel in Hochspannungsleitungen oder technische Störungen gehören zum Alltag der Stromversorgung. Der Bericht der Bundesnetzagentur spricht von fast 207 000 Unterbrechungen über drei Minuten Länge im vergangenen Jahr. Sie stellen aber meist keine größere Gefahr dar. © dapd
Wie reagieren die Netzbetreiber? © dapd
Die Netzbetreiber leiten Strom um, wenn er an bestimmten Stellen fehlt, rufen Reserveleistung ab und schalten bei größeren Störungen Kraftwerke ganz oder teilweise an und ab. Dabei helfen Computerprogramme. Der größte deutsche Hochspannungsnetzbetreiber Amprion hat seine rund 11 000 Kilometer Netz zum Beispiel in 1031 Teile zerlegt. Alle 15 Minuten erfasst der Rechner für diese Netzabschnitte Störungen und Reaktionsmöglichkeiten. © dpa
Sind Eingriffe in die Netze also gefährlich? © dpa
Prinzipiell nicht. Das ist Alltag in den Netzzentralen. Allerdings ist dieser Alltag deutlich stressiger geworden, berichten Fachleute. Die Eingriffe seien wesentlich häufiger, umfangreicher und es habe auch mehr kritische Situationen gegeben. © dpa
Was verstehen Netzbetreiber denn unter kritisch? © dpa
Wenn die schnell bereitstehende Primär- und Sekundärleistung nicht ausreicht und auch die sogenannte Minutenenergie, die innerhalb von 15 Minuten aktivierbar ist, das Problem nicht löst, müssen ganze Reservekraftwerke hochgefahren werden. Das Überschreiten der Minutenreserve sei bereits kritisch, sagte ein Amprion-Sprecher. Richtig schwierig wird es, wenn das Netz durch weitere negative Faktoren an die Kapazitätsgrenze gerät, wie zuletzt bei eisigen Temperaturen im Februar dieses Jahres. © dpa
Wie groß ist eigentlich der Sicherheitsspielraum der Netze? © dpa
Dazu äußern die Betreiber sich ungern, da Störungen ja jederzeit lokal von einer überlasteten Leitung entstehen und sich blitzschnell ausbreiten können, wie das Beispiel des Ems-Blackouts zeigt. Als Richtwert gilt aber 130 Prozent Belastbarkeit - also 30 Prozent Sicherheitspuffer. © dpa
Und wo und wann ist es besonders gefährlich? © dpa
Zwischen 18.00 und 22.00 Uhr, wenn der Stromverbrauch am höchsten ist, die Sonne nicht mehr scheint und der Wind meist abflaut. Regional ist nach der Abschaltung der Atomkraftwerke Süddeutschland die kritische Region. Wenn dort abends hohe Verbräuche entstehen, kann es zu Einbrüchen kommen. © dpa
Aber das müsste man doch vorhersagen können? © dpa
In den meisten Fällen ja. Die Stromtransporte des Folgetages müssen bis 14.00 Uhr angemeldet werden. Da zeichnen Engpässe sich in der Regel ab. Aber plötzliche Leitungsstörungen können trotzdem immer passieren. © dpa
Was ist jetzt mit unserer Versorgungssicherheit? © dpa
Die Netzbetreiber haben sich bereits mehr „Kaltreserve“ an zusätzlicher Kraftwerkskapazität in Süddeutschland und in Österreich gesichert, als nach den Berechnungen nötig sein wird. Doch absolute Sicherheit gibt es nicht und das Black-Out-Risiko ist durch die Energiewende eindeutig gewachsen. © dpa

Die Offshore-Haftungsregelung für See-Windparks soll bereits am Donnerstag oder Freitag vom Bundestag beschlossen werden, letzte Woche war wegen Klärungsbedarf noch von Mitte Dezember die Rede. Experten zweifeln, ob die Obergrenze der Bürger-Umlage von 0,25 Cent je Kilowattstunde und damit von knapp zehn Euro pro Haushalt und Jahr noch einzuhalten ist. Bisher war nach einer Intervention von Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) eine geringere Abwälzung auf die Kunden geplant, dies wurde aber von den Fraktionen nun kassiert.

Das Unternehmen Tennet hat bisher erhebliche Probleme, die Anschlüsse hinzubekommen - durch eine geringere Belastung bei der Übernahme von Schadenersatzkosten soll scheinbar der Ausbau beschleunigt werden. Der Grünen-Energieexperte Oliver Krischer kritisierte: „Beim Ausbau der Offshore-Windenergie geht es drunter und drüber: Dort wo Windparks auf hoher See im Bau sind fehlt zum Teil der Netzanschluss und dort wo Netzanschlüsse vorhanden sind, kommt der Bau der Windparks nicht voran.“ SPD-Fraktionsvize Ulrich Kelber sprach von einer „dilettantischen Politik“. Angesichts der Tennet-Probleme brauche es eine Netz-AG mit staatlicher Beteiligung.

Um das Netz in Deutschland kurzfristig zu entlasten, beschloss das Kabinett am Mittwoch eine Regelung, mit der Unternehmen bei einem Stromverzicht „auf Zuruf“ Geld verdienen können. Bundesweit sollen die Netzbetreiber 3000 Megawatt (MW) pro Monat an Abschaltleistung ausschreiben. Unternehmen sollen monatlich 1667 Euro pro MW erhalten, wenn diese Leistung binnen maximal 15 Minuten vom Netz genommen werden darf. Laut Wirtschaftsministerium werden die Zusatzkosten hierfür pro Haushalt etwa ein bis zwei Euro jährlich ausmachen.

dpa

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