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Ökonomie des Fußballs: Wie die Bundesliga endlich wieder spannend werden kann

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Michael Hüther
Prof. Justus Haucap ist Direktor des Düsseldorfer Instituts für Wettbewerbsökonomie (DICE) an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. © Bruckmann/M. Litzka/DICE

Die Fußball-Bundesliga erfreut sich großer Beliebtheit – noch. Aber der Meisterschaft droht angesichts der Dominanz des FC Bayern München die Langeweile - mit weitreichenden wirtschaftlichen Folgen. Um die Liga wieder attraktiver zu machen, dürfe es auch bei den Eigentumsverhältnissen kein Tabu mehr geben, schreibt der Wettbewerbsökonom und Fußball-Fan Prof. Justus Haucap im Gastbeitrag.

Düsseldorf – In zwei Wochen startet die Fußball-Bundesliga wieder. Viele Fans hoffen, dass das Rennen um die Deutsche Meisterschaft nicht wieder so langweilig wird wie in den vergangenen Jahren. Während in der englischen Premier League der Meister selbst zehn Minuten vor dem Abpfiff des letzten Spieltags noch nicht feststand, geht es bei uns eher um die Frage, wie viele Spieltage vor Ende der Saison der FC Bayern München die nächste Meisterschaft feiern kann.

Bundesliga: Premier League und La Liga können das Nachfragepotenzial besser ausschöpfen

In der traditionellen Umfrage des Fachmagazins kicker unter den Erstliga-Trainern dürfte der FC Bayern wieder ganz vorn liegen. Auf den Wettmärkten bekommt man bei einem Tipp auf die Bayern als Meister 2023 aktuell etwa 1,20 Euro für jeden eingesetzten Euro, wenn die Bayern tatsächlich zum elften Mal in Folge Deutscher Meister werden. Für einen Tipp auf Borussia Dortmund bekommt man sieben Euro oder mehr, für alle anderen sogar eine noch höhere Quote. Auch die Märkte erwarten also eindeutig, dass am Ende der Saison die Bayern in der Tabelle wieder ganz oben stehen. Dass eine andere Mannschaft Deutscher Meister wird, ist hingegen kaum zu erwarten.

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Trotz dieser vermeintlichen Langeweile reißt das Interesse von Zuschauern und Sponsoren an der Bundesliga jedoch – noch – nicht ab. Die offenbarten Präferenzen suggerieren somit nicht, dass die Nachfrager – Zuschauer und Werbetreibende – die Bundesliga als langweilig empfinden. Im internationalen Quervergleich hat nur die englische Premier League absolut betrachtet mehr Zuschauer als die Bundesliga. Setzt man allerdings die Zuschauerzahlen ins Verhältnis zur Bevölkerung des jeweiligen Landes – in der Annahme, dass Fußballzuschauer primär aus dem Inland kommen –, so fällt auf, dass es auch La Liga in Spanien gelingt, das Nachfragepotenzial deutlich besser auszuschöpfen.

In der letzten Vor-Corona-Saison 2018/19 ohne Restriktionen pilgerten 13,7 Millionen Zuschauer in englische Stadien, das sind 21,4 Prozent der englischen Bevölkerung. In Spanien waren es 9,9 Millionen Zuschauer und somit 21,0 Prozent bezogen auf die Bevölkerung, in Deutschland 13,3 Millionen Zuschauer und somit nur 16,5 Prozent. Auffällig ist, dass sowohl in England als auch Spanien die Meisterschaft deutlich spannender ist.

In den vergangenen zehn Jahren gab es in Spanien immerhin drei verschiedene Meister, in England gar fünf. Die beiden anderen großen Ligen, die in den letzten zehn Jahren auch von einzelnen Teams dominiert wurden – also Frankreich durch Paris Saint-Germain und Italien durch Juventus Turin – haben ebenfalls deutlich geringere Zuschauerquoten. Vielleicht ist dies doch ein Hinweis, etwas für eine stärkere Ausgeglichenheit des Wettbewerbs in der Bundesliga zu tun.

Bundesliga: Soli-Beitrag würde internationale Wettbewerbsfähigkeit der Top-Vereine schwächen

Eine erste Möglichkeit wäre, die Umverteilung von Geldern nicht nur auf die Einnahmen aus Medienrechten zu erstrecken, wie es heute der Fall ist, sondern auf die gesamten Einnahmen der Vereine, also auch aus Werbung, Ticketverkäufen, Merchandising etc. Dies könnte geschehen, indem eine Solidaritätsabgabe auf sämtliche Einnahmen erhoben und dieser Topf dann umverteilt wird. Problematisch an diesem Ansatz ist jedoch, dass dies die deutschen Top-Vereine in den europäischen Wettbewerben weiter schwächen dürfte, da Geld letztlich eben doch Tore schießt.

Bundesliga: US-Gehaltsobergrenzen kaum übertragbar

Ansätze aus den amerikanischen Profiligen NFL oder NBA wie die Einführung von Gehaltsobergrenzen für Teams lassen sich nicht leicht nach Europa übertragen, da sie zum einen nur europaweit sinnvoll wären und hier die Interessenlage sehr heterogen ist, zum anderen, weil sie sich faktisch doch trickreich umgehen lassen, etwa indem Spieler anderenorts „geparkt“ werden, sie Sponsoringverträge erhalten oder Verwandte beschäftigt werden.

Erwägenswert wäre gleichwohl darüber nachzudenken, wie wettbewerbsschädigendes Verhalten besser unterbunden werden kann. Jürgen Klinsmann bemerkte jüngst in einem Interview, ein Wettbewerbsvorteil der Bayern sei, „den Konkurrenten immer schädigen zu können, indem sie denen, die ihnen zu nahe kommen, wichtige Stücke herausreißen.“

In der Wettbewerbsökonomie wird ein ähnliches Problem unter dem Stichwort „Killerakquisitionen“ seit geraumer Zeit diskutiert. Damit ist gemeint, dass Unternehmen – etwa in der Pharmabranche – Konkurrenten erwerben, nur um deren Betrieb einzustellen, damit daraus keine Konkurrenz erwächst. In der Bundesliga könnte man – zumindest bezogen auf Spieler – erwägen, Vereine mit Pönalen zu belegen, wenn neue Spieler, deren Wert oder Gehalt einen bestimmten Betrag übersteigt, nicht oder kaum eingesetzt werden und nur auf der Bank sitzen.

Bundesliga: Aufheben der 50+1-Regel könnte finanzieller Ungleichverteilung entgegenwirken

Die wohl drastischste und bei Fußballfans am wenigsten populäre Maßnahme wäre das Aufheben der sog. „50+1“-Regel, nach der es Kapitalanlegern – abgesehen von einigen Ausnahmen – nicht möglich ist, die Stimmenmehrheit bei Kapitalgesellschaften zu übernehmen, in die Fußballvereine ihre Profimannschaften ausgegliedert haben. Die Mehrheit der Anteile eines Vereins muss somit (fast) immer in den Händen der Mitglieder liegen. Allerdings nur fast immer, denn es gibt Ausnahmen für Bayer Leverkusen, TSG Hoffenheim und den VfL Wolfsburg. Das Bundeskartellamt befasst sich seit geraumer Zeit mit dieser Regel und hat insbesondere Bedenken, dass durch die drei Ausnahmen eine Wettbewerbsverzerrung entsteht.

Zugleich gelingt es etwa RB Leipzig durch eine geschickte Vereinskonstruktion, den Sinn der Regel auch zu umgehen, ohne gegen den Wortlaut der Regelung zu verstoßen. In England hat die Kapitalbeteiligung von Investoren letztlich nicht zu einem nachlassenden Interesse der Fans und Zuschauer geführt. Die englische Liga ist – im Vergleich zur Bundesliga – wesentlich spannender, zumindest was den Ausgang des Meisterschaftsrennens angeht, und die englischen Clubs international auch erfolgreicher als die deutschen Vereine. Das Aufheben der 50+1-Regel könnte der extremen Ungleichverteilung der finanziellen Ressourcen in der Bundesliga entgegenwirken. Angesichts der aktuell wackligen Rechtslage und der Monotonie des Meisterschaftsrennens wäre es ein guter Zeitpunkt, noch einmal darüber nachzudenken.

Zum Autor: Prof. Justus Haucap ist Direktor des Düsseldorfer Instituts für Wettbewerbsökonomie (DICE) an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Von 2006 bis 2014 war er zudem Mitglied der Monopolkommission der Bundesregierung, davon vier Jahre als Vorsitzender (2008-2012). Haucap setzt sich seit Jahren für eine Legalisierung von Cannabis ein.

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