Körper und Sinne im Einklang

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Ein in unseren Breiten nicht alltägliches Bild: Burkhard Kelb bei der Vorbereitung.

Manchmal sind es große, manchmal kleinere Steine, die Menschen auf ihrem Weg zum Stolpern bringen: In Burkhard Kelbs Leben war das ein Bandscheibenvorfall.

Vom einen auf den anderen Tag war der Baunataler beweglich eingeschränkt und litt höllische Schmerzen. Die Beschwerden hinterließen nicht nur physische, sondern auch psychische Spuren: „An Sport war nicht mehr zu denken“, erzählt der 50-Jährige, der nach einer erfolgreichen Fußball-Karriere beim KSV Baunatal vor etwa 20 Jahren die Kampfkunst HapKiDo entdeckte und die harte Technik lange in Kassel trainierte. Heute heißt das Lebens- und Gesundheitselixier von Burkhard Kelb Taijiquan – eine sanftere Form der Kampfkunst, die auf Bewegung in Meditation setzt. Sie hat dem Baunataler nicht nur wieder mehr Mobilität, Stabilität und Elastizität zurück gegeben, sondern ihm 2012 auch einen Titel des Weltmeisters beschert: Und den will der 50-Jährige jetzt verteidigen. Am 25. August wird sich Kelb messen. Hunderte Kampfsportler aus der ganzen Welt werden ihr Können in Hong Kong unter Beweis stellen – vor erfahrenen Meistern. Taiji lernte der Nordhesse auf einer Reise nach China kennen. Gekoppelt ist die Technik mit Elementen aus dem Quigong – das Prinzip beruht auf Traditioneller Chinesischer Medizin. „Jede Übung erzeugt im Körper eine gewisse Beschleunigung, eine Zirkulation“, verdeutlicht Kelb. Die Zirkulation sorge dafür, dass der Körper gut versorgt, die Sinnesorgane stark ausgeprägt seien. Es gehe beim Taiji nicht nur um die physische, sondern auch um die psychische Welt: „Darum, geistig beweglich zu bleiben.“ Dabei spiele das Training zwar eine Rolle –nicht aber im Sinne von Häufigkeit und Zeit. „Ich trainiere täglich. Denn die Übungen kann ich sogar in den Alltag einbinden“, erklärt der Baunataler.

Verschiedene Disziplinen

Bei der Weltmeisterschaft wird Kelb in insgesamt vier Disziplinen antreten: in der Handform (42 Quan), im 42er Schwert, dem Fächer und dem 56er Säbel. Jeder Teilnehmer suche sich seine Disziplinen selbst aus, sagt er. „Es gibt unendlich viele Formen – ähnlich wie beim Tanzen.“ Die Handform sei eine alte Form und stark von kreisförmigen Bewegungen geprägt. „Alle Formen des Taiji sind reale Verteidigungsformen – je nachdem, in welcher Geschwindigkeit sie ausgeführt werden“, verdeutlicht Kelb. Beim 42er Schwert oder der Form Säbel kämen eben auch Waffen zum Einsatz. Sie stammten noch aus der Zeit des Kaiserreiches. Für Burkhard Kelb hat Taiji vieles im Leben verändert: „Der gesundheitliche Aspekt steht für mich klar an erster Stelle. Privater und beruflicher Stress wird durch das Training abgeleitet und in positive Energie umgewandelt.“ Langsame und geschmeidige Bewegungen dynamisierten den Energiehaushalt und lösten dabei psychische und physische Blockaden im gesamten Organismus. Erlernen könne man die Technik übrigens in jedem Alter. Burkhard Kelb, der seit mehr als 30 Jahren im VW-Werk tätig ist, gelingt es, die Übungen in den Berufsalltag einzugliedern: „Sprüche dazu höre ich mir jeden Tag an“, sagt er. Aber mittlerweile hätten sich die Kollegen daran gewöhnt. Bisweilen habe sein Training allerdings auch schon für Irritationen gesorgt: Eine Übungseinheit im Freien, direkt an einer stark befahrenen Straße, habe einen größeren Polizeieinsatz zur Folge gehabt. „Mit Schusswesten und Pistolen im Anschlag – aber da muss man drüber stehen“, sagt der Baunataler. Er habe den Beamten in Ruhe erklärt, dass er sein Training zunächst zu Ende bringen müsse – und dann alles weitere dazu erzählen könne. Das sei ein positiver Nebeneffekt des Trainings. „Man wird cooler und bedachter.“ Übrigens findet Kelb auch Gefallen an westlichem Sport – dem Nordic Walking. Durch das Taiji habe er jedoch eines im Leben gelernt: „Was man sich vornimmt, bringt man zu Ende. Taiji erzeugt Willen und Stärke – egal, wie viele Steine einem im Weg liegen.“

Stichwort Taijiquan

Die Übungen zur Stärkung von Körper, Geist und Seele entwickelte der daoistische Mönch Zhang Sanfeng. Er lebte im achten Jahrhundert auf dem Berg Wudang in China. Eines Tages beobachtete er einen Kampf zwischen einem Kranich und einer Schlange. Die runden weichen Bewegungen der Schlange und die schnellen geradlinigen explosiven Bewegungen des Kranichs inspirierten ihn, ein Übungssystem zu entwickeln, das Körper und Geist gleichermaßen trainierte. (zsr)

SANDRA ROSE

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