Mit Burn-out ist nicht zu spaßen: Erkennen, heilen und vorbeugen

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Früh erkennen: Offen mit Burn-out umzugehen ist auch im Interesse der Arbeitgeber.

Chronischer Stress kann gefährlich werden. Im schlimmsten Fall halten Arbeitnehmer die alltägliche Belastung im Hamsterrad nicht mehr aus: Burn-out-Syndrom ist der Name für dieses Phänomen.

Burn-out gibt es schon lange. Es hieß nur nicht immer so und wurde früher nicht oft diskutiert. Anders geworden ist das, als über Burn-out-Probleme von Spitzensportlern berichtet wurde. Und das war ein Tabubruch. Offen mit dem Thema umzugehen, sei wichtig, sagt Hans J. Martin, Heilpraktiker für Psychotherapie in Kassel. Das gelte im Job wie im Privatleben. „Alleine schon um den inneren Druck abzubauen und Verständnis zu erhalten.“

Offen damit umzugehen ist auch im Interesse der Arbeitgeber. Nur, wer sich aktiv mit dem Thema auseinandersetzt, kann vorbeugen. Denn im Akutfall fällt oft nicht einfach nur ein Arbeitnehmer aus, sondern besonders Engagierte, die für den Betrieb alles geben. Ihnen fehlt jedoch das rechte Maß in punkto Leistungsbereitschaft und die Fähigkeit zur Selbstbeobachtung: Sie merken ihre Probleme oft nicht. Ohne zu stoppen toben sie sich immer weiter im Hamsterrad Stress aus.

Hans J. Martin

Für Burn-out gibt es laut der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) keinen Diagnoseschlüssel wie für andere Krankheiten. Es werde auf dem Krankenschein nicht erfasst, so die DGUV-Experten Daher lasse sich nicht verlässlich sagen, wie viele Betroffene es in Deutschland gibt. „Experten schätzen, dass etwa neun Millionen Deutsche betroffen sind“, berichtet Martin. Die Diagnostik ist nicht einfach. Erste Anzeichen sind Erschöpfung, Lustlosigkeit, Schlafprobleme, diffuse Ängste, depressive Verstimmung. „Die Diagnostik muss sorgfältig von einer Depression getrennt werden. Auf jeden Fall müssen medizinische Gründe ausgeschlossen werden, sodass auf jeden Fall eine ärztliche oder fachärztliche Untersuchung erfolgen muss“, sagt Martin.

Im schlimmsten Fall kann sich eine dauerhafte Arbeitsunfähigkeit mit Angsterkrankungen und Depressionen entwickeln, die natürlich auch zu einer Erwerbsunfähigkeit führen kann. Wer unter akutem Burn-out leidet, ist nicht mehr fähig zu arbeiten - er braucht eine Auszeit: Keine Mails, keine Telefonate, nichts, was an Arbeit erinnert.

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Notwendig ist auch eine Therapie. An erster Stelle stehen hier laut Martin Entspannungsverfahren sowie psychotherapeutische Intervention - zum Beispiel durch Hypnotherapie, Hypnosetherapie und andere Methoden wie tiefenpsychologische Gesprächstherapie. „Wichtig ist es, dass die Patienten lernen, ihre physischen und psychischen Ressourcen realistischer einzuschätzen und sich Tagesstrukturen zu schaffen, die einen Ausgleich zur Arbeitssituation bedeuten“, sagt Martin.

Es geht aber auch darum, die eigentliche Ursache der Überforderung aufzudecken: Zu viel Arbeit ist es nicht allein. Die Angst, andere zu enttäuschen, steckt oft dahinter ebenso wie der Wunsch, Karriere zu machen. „Ausgeprägtes Perfektionsstreben erhöht die Burn-out-Gefahr“, sagt Martin. Denn: Wer immer alles richtig machen will, muss zwangsläufig häufiger das Gefühl haben, es nicht zu schaffen.

Um es gar nicht erst soweit kommen zu lassen, sollte man sich von Zeit zu Zeit selbst kritisch auf den Prüfstand stellen, zum Beispiel Arbeitsaufwand und -einsatz prüfen. „Habe ich noch genügend Zeit, um mich um Familie und soziale Kontakte zu kümmern. Gibt es einen Ausgleich – zum Beispiel Sport und Hobbys. Sollten diese Komponenten kritisch aussehen, ist davon auszugehen, dass sich ein Burn-out einschleichen und manifestieren kann“, erklärt Martin.

Wichtig ist es seiner Ansicht nach auch, selbst auf körperliche Symptome zu achten und öfter mal nein zu sagen. Ebenso regelmäßige Auszeiten – beispielsweise Spaziergänge am Wochenende tragen zur Erholung bei. „Und seien Sie kritisch, wenn sie nicht mehr gerne an Ihren Arbeitsplatz gehen und das Gefühl haben, Sie könnten nicht mehr genügend leisten.“ (hko)

Hintergrund

Burn-out entwickelt sich in mehreren Phasen

Ein Burn-out-Syndrom ist nur die letzte Phase einer Entwicklung, die sich über Monate oder Jahre hinziehen kann. Der Weg zum Burn-out kann unterschiedlich verlaufen. Es gibt Experten zufolge jedoch typische Phasen.

● Der Erfolg befeuert den Leistungswillen Am Anfang steht der Erfolg. Die Karriere kommt voran, Partner und Vorgesetzte reagieren positiv. Die eigene Leistungsbereitschaft zahlt sich aus. Für Regeneration ist keine Zeit und kein Bedarf.

● Der Stress macht sich erstmals bemerkbar Die Energiereserven werden verbraucht, der Akku nicht aufgeladen. Schleichend beginnt die Tiefen-Erschöpfung. Stress macht sich in Rückenschmerzen, Schlafproblemen oder Muskelverspannungen bemerkbar. Der Spaß an der Arbeit lässt nach, das eigene Perfektionsstreben nicht.

● Härte gegen sich selbst soll die alte Leistung wiederbringen Versuche scheitern, dem Stress zum Beispiel mit mehr Sport, entgegenzuwirken. Der innere Druck steigt. Noch mehr Härte gegen sich selbst soll helfen, den eigenen Ansprüchen gerecht zu werden. Ratschläge, kürzerzutreten, werden als Kritik empfunden und abgelehnt.

● Letzte Energiereserven werden mobilisiert, um noch mehr zu leisten Der Betroffene arbeitet noch länger, übernimmt noch mehr Projekte, nimmt Arbeit mit nach Hause. Er mobilisiert die letzten Energiereserven, doch seine Konzentration lässt nach. Er macht immer häufiger Fehler, die früher nicht passiert wären. Versagensängste nehmen zu, das Selbstwertgefühl sinkt. Erschöpfungssymptome wie Herzrasen oder Schlafprobleme können die Folge sein.

● Psyche und Körper machen nicht mehr mit Der Endpunkt ist das Burn-out-Syndrom. Die Leistungsfähigkeit bricht zusammen. Die Arbeitsfähigkeit kann für Monate eingeschränkt sein. Oft ist eine Behandlung im Klinik nötig. Die Patienten fühlen sich häufig wie gelähmt. Depressionen und Suizidgefährdung sind nicht auszuschließen.

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