Auf Kosten der Arbeitszeit: Soziale Netzwerke werden zum Problem für Arbeitgeber

Chefs gegen Facebook

Kassel/ Göttingen. Jeder zweite deutsche Mitarbeiter mit Online-Zugang surfte vergangenes Jahr am Arbeitsplatz privat im Internet – das sind 11,5 Millionen Arbeitnehmer. Das stellte der Bundesverband Informationswirtschaft (Bitkom) fest.

Der daraus entstehende Schaden ist gewaltig: Angenommen jeder Mitarbeiter surfte täglich nur zehn Minuten privat im Büro, dann verlor die Gesamtwirtschaft –bei einem deutschen Durchschnittsstundenlohn von 29,80 Euro – an jedem Arbeitstag 57,2 Millionen Euro. Dieses Rechenbeispiel zeigt die immensen volkswirtschaftlichen Auswirkungen des Phänomens, das vor allem mit der Beliebtheit von sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter oder Myspace zusammenhängt. Eine Entwicklung, mit der sich immer weniger Arbeitgeber abfinden wollen.

Arbeitgeber handeln jetzt

Globaler Schaden

Welche Dimensionen die Problematik annehmen kann, zeigt ein Blick ins Ausland:

50 Prozent aller amerikanischen Unternehmen verbieten – nach einer Umfrage des kalifornischen Personaldienstleisters Robert Half Technology unter 1400 Firmen – ihren Mitarbeitern soziale Netzwerke am Arbeitsplatz zu nutzen.

233 Millionen Arbeitsstunden: Auf diese Höhe bilanzierte die Rundfunkanstalt BBC die Arbeitsstunden, die der britischen Wirtschaft durch Facebook und Co. jeden Monat verloren gehen.

12,5 Prozent: So hoch schätzt die indische Industrievereinigung die landesweite Produktivitätseinbuße, die durch privates Surfen den indischen Firmen entsteht. (bal)

So registriert die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) einen Trend zu Einschränkungen und Verboten der Arbeitszeit-Fresser. Bei Thomas Prinz, dem Arbeitsrechtler der BDA, häufen sich die Anfragen von Arbeitgebern, die gegen die uneingeschränkte Internetnutzung ihrer Mitarbeiter vorgehen wollen. Lange Zeit habe es für privates Surfen am Firmen-PC keine Regeln gegeben, was aber nicht bedeute, dass die private Nutzung automatisch erlaubt sei. „Sie ist wie jedes Freizeitverhalten nicht ohne Weiteres zu dulden. Mit Plattformen wie Facebook sind die Versuchungen größer geworden“, sagt der Jurist. Die Bitkom zählte vergangenes Jahr 26,4 Millionen Deutsche, die diese Netzwerke aktiv nutzen – ein Viertel davon vom Arbeitsplatz aus.

Welche Folgen es haben kann, wenn sich Arbeitnehmer während ihrer Arbeitszeit ausgiebig auf Facebook & Co. tummeln, beschreibt die auf Internet-Recht spezialisiere Anwältin Andrea Bonanni von der Kölner Kanzlei CMS Hasche Sigle: „Gibt es ein vertragliches Verbot, kann auf eine Abmahnung die verhaltensbedingte Kündigung folgen.“ Wobei es für Arbeitgeber einfacher sei zu verbieten, als spezielle Regelungen zur privaten Nutzung zu treffen. „Bei Regelungen brauchen sie den Betriebsrat, verbieten geht ohne“, sagt Bonanni. Zudem sei ein Verbot leichter kontrollierbar – etwa durch datenschutzrechtlich zulässige Stichproben.

Privates und Beruf vermischen

Dimensionen wie etwa in den USA oder Indien (siehe Infokasten unten) habe das Phänomen hierzulande noch nicht angenommen, sind sich die befragten Arbeitsrechtler einig. Aber dass der Trend stimmt, belegt eine aktuelle Bitkom-Studie. Nach dieser wird mit der Verbreitung digitaler Kommunikationsmittel Privates und Berufliches kaum noch getrennt.

Aus dieser Tatsache ergäben sich für Arbeitgeber auch Vorteile, sagt Bitkom-Pressesprecher Christian Spahr: 73 Prozent aller berufstätigen Internet-Nutzer seien inzwischen zuhause für Firmenangelegenheiten per Handy oder Internet erreichbar.

Von Bastian Ludwig

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