Kein Ende des Booms in Sicht

Totgesagte leben länger: Das Comeback der Schallplatte

Angesagtes Vinyl: Der Plattenladen „No.2 Records“ von Michael Baumann in Frankfurt zählt zu den immer zahlreicheren Geschäften in Deutschland, die sich auf LPs spezialisieren. Foto: dpa

Mit dem Siegeszug der CD vor fast 35 Jahren schien der Schallplatte endgültig das Sterbeglöckchen zu läuten. Doch seit einigen Jahren erlebt Vinyl ein ungeahntes Comeback.

Und das trotz digitaler Konkurrenz im Internet.

Was durch die Love-Parade als Kleinstnische für Discjockeys begann, die zum Scratchen wieder auf Plattenspieler und Vinyl zurückgriffen, ist zum Boom geworden. „Wer hätte das gedacht? Fast 70 Jahre nach ihrer Erfindung erlebt die Vinyl-Schallplatte einen zweiten Frühling. Und das in einer Zeit, in der mit Streaming, Download, CD & Co. so viele verschiedene Formate existieren wie nie zuvor“, staunt Dr. Mathias Giloth, Geschäftsführer von GfK Entertainment,

Kenner schätzen den warmen Klang der Platte, das leichte Knistern, wenn sich die Nadel in die Rille senkt. Spielen für Ältere auch noch der Wertigkeitsgedanke eine Rolle, wollen Jüngere vor allem ihre Individualität betonen, wissen Marktexperten. Dann werden Platten zum Fetisch einer neuen Sammelleidenschaft. Bislang dominiert dabei die Rockmusik.

Aber auch Jazz-Künstler kommen nicht um die schwarze Rille herum: Stars wie Diana Krall, Gregory Porter und Till Brönner veröffentlichen ihre neuen Alben längst nicht mehr nur auf CD und im Digitalformat. Hinzu kommen Wiederveröffentlichungs-Serien mit Klassikern in 180-Gramm-Pressungen und aufwändig gestalteten Booklets.

Das schlägt sich im Absatz nieder. 2014 wurden 1,8 Millionen Vinyl-Alben gekauft, so viele wie seit 1992 nicht mehr. Nachdem die Platte 2006 mit nur noch 300 000 verkauften Exemplaren vor dem Aus schien, haben sich die Verkäufe vor allem in den letzten Jahren stark nach oben entwickelt. Im dritten Quartal 2015 verzeichnete die Musikindustrie mit 25 Prozent ein erneutes Wachstum gegenüber dem Vorjahr. Bereits in den ersten drei Quartalen wurden 1,4 Mio. Platten verkauft.

„Das Thema Vinyl bleibt sehr spannend, gerade in einer digital so dynamischen Zeit“, meint Dr. Florian Drücke, Geschäftsführer des Bundesverbands Musikindustrie. Allerdings bleibt der Anteil des Vinyls am Gesamtumsatz mit zuletzt 3,1 Prozent eher gering. Denn in Deutschland setzen die meisten noch weiter auf die CD - trotz steigender Werte für Streaming-Dienste. Dennoch kommt es es zu Engpässen bei den Presswerken. Nur noch eine Handvoll großer Betriebe in Europa fertigt Vinyl-Platten an. Nun rächt sich, dass die Plattenfirmen beim Aufkommen der CD einst ihre eigenen Presswerke zerstört hatten, um mehr Kapazitäten für die Silberlinge zu schaffen.

Hintergrund: Pallas-Presswerk auf Wachstumskurs

Weit über fünf Millionen LPs werden die Maschinen beim niedersächsischen Schallplatten-Hersteller Pallas in diesem Jahr pressen, schätzt Firmenchef Holger Neumann. Das wären 20 Prozent mehr als im Vorjahr. Das 1948 gegründete Unternehmen in Diepholz, das 130 Mitarbeiter hat, kann sich über mangelnde Aufträge nicht beklagen. „Wir sind weltweit die einzige Firma, die neue Pressen gebaut hat,“ berichtet Firmenprokurist Bernd Heuer.

Die Produktion wird stetig erweitert, auch in die USA exportiere man Platten. Laut Bundesanzeiger stieg der Bilanzgewinn des Unternehmens im Geschäftsjahr 2013 gegenüber dem Vorjahr um knapp eine Million auf 4,55 Millionen Euro.

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