Deutschland ist innovativ – aber andere Länder holen auf, warnt der Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft, Hans-Jörg Bullinger

„Den Vorsprung wieder herstellen“

Hans-Jörg Bullinger

Kassel. Die Regionen in Deutschland gehören zu den innovativsten in Europa. Aber die Unternehmen müssen aufpassen, den Anschluss nicht zu verlieren, warnt der Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft, Prof. Jörg-Bullinger.

Zur Person

Prof. Dr. Hans-Jörg Bullinger (65) ist seit 2002 Präsident der Fraunhofer Gesellschaft in München. Der gebürtige Stuttgarter machte eine Lehre als Betriebsschlosser bei der Daimler-Benz AG, holte das Abitur nach und studierte in Stuttgart Maschinenbau. Bullinger lehrte über 20 Jahre als Professor an der Universität Stuttgart. Er ist verheiratet und hat drei Töchter. Seine Hobbies sind Segeln und Tennis.

Wir sprachen mit ihm beim Kooperationsforum des Mobilitätsnetzwerk MoWiN.net.

Herr Professor Bullinger, welche Zukunft hat das Kasseler Fraunhofer-Institut Iwes?

Prof. Hans-Jörg Bullinger: Das Iwes hätte sicher auch ohne Fraunhofer eine Zukunft gehabt. Aber die Vernetzung ist wertvoll für das Iwes. Es kann verstärkt auf andere Aktivitäten in unserem Verbund zurückgreifen, etwa auf die Batterieforschung oder die Energieforschung im Windbereich. Es ist ein Gewinn für alle Beteiligten.

Welche Investitionen sind in Kassel geplant?

Bullinger: Der Ausbau des Iwes wird von den Bundesministerien für Umwelt, Wirtschaft sowie Bildung und Forschung erheblich gefördert. Außerdem haben die Länder Hessen, Bremen und Niedersachsen eine Anschubfinanzierung zugesagt. In Kassel und in Bremerhaven wird stark investiert. Auch die Zahl der Mitarbeiter wird weiter deutlich ausgebaut.

Wie innovativ sind deutsche Unternehmen?

Bullinger: Wir brauchen uns nicht zu verstecken. Deutsche Regionen gehören zu den innovativsten in Europa. Aber andere Länder haben aufgeholt. Wir haben eine Spitzenposition, aber die Dynamik lässt nach. Wir müssen zusehen, den alten Vorsprung wiederherzustellen.

In welchen Branchen drohen deutsche Unternehmen überholt zu werden?

Bullinger: Diese Gefahr besteht in jeder Branche. Aber es gibt Schlüsseltechnologien, die in ganz unterschiedliche Produkte hineinstrahlen. Beispiel Batterieforschung: In der Öffentlichkeit werden Batterien im Zusammenhang mit Elektroautos diskutiert. Batterien spielen aber in ganz verschiedenen Bereichen eine wichtige Rolle, etwa in der Informations- und Kommunikationstechnologie oder in Hörgeräten.

Ist mit den Stärken der deutschen Industrie bald auf dem Weltmarkt nichts mehr zu gewinnen?

Bullinger: Wir waren in Deutschland sehr gut in Branchen, die sich in Anwendungen wie Maschinen- oder Fahrzeugbau ausgezeichnet haben. Aber auch diese Branchen brauchen die neuen, jüngeren Technologien um in ihrem Feld zur Spitze zu gehören. Ein Thema, dem wir große Bedeutung zumessen, ist etwa die Materialforschung.

Wo besteht Nachholbedarf?

Bullinger: In der Informations- und Kommunikationstechnologie und in der Mikro-Elektronik müssen wir aufpassen, dass wir den Anschluss nicht verlieren. Das ist sogar ein europäisches Problem: Es könnte passieren, dass die Basis für diese Produkte in der Kommunikations- und Informationstechnik aus Europa verschwindet. Nur noch in Deutschland, Frankreich und Belgien gibt es Labore, in denen Spitzenforschung betrieben werden kann.

Kann sich ein Unternehmen heute Spitzenforschung noch leisten?

Bullinger: Das hängt natürlich von seiner Größe ab. Mittelständischen Familienunternehmen, die das Rückgrat der deutschen Wirtschaft sind, können das meistens nicht allein stemmen.

Welchen Ausweg gibt es?

Bullinger: Netzwerke sind sehr wichtig. Eine Untersuchung der Fraunhofer-Gesellschaft unter mehr als 1600 mittelständischen Unternehmen hat gezeigt, dass die besser vernetzten Unternehmen einen höheren Ertrag haben und schneller wachsen.

Besteht in der Netzwerkarbeit nicht die Gefahr des Ideenklaus?

Bullinger: Die Sicherung des geistigen Eigentums, des intellectual property, ist ein Riesenproblem. Da hilft nur eins: Die Zusammenarbeit muss von Anfang an klar geregelt werden.

Vergeht in der Krise den Unternehmen die Lust auf Forschung?

Bullinger: Wir haben 2009 bei Fraunhofer über 2000 Mitarbeiter neu gewonnen. Fast 1000 von ihnen haben wir von einer anderen Einrichtung übernommen. Aber wir haben die Krise auf eine andere Weise gespürt als vermutet.

Inwiefern?

Bullinger: Es ist schwieriger, bis sich die Firmen entscheiden, einen Auftrag zu vergeben, und sie verhandeln viel intensiver über den Preis. Vor allem aber wollen sie andere Themen.

Was hat sich verändert?

Bullinger: Heute beauftragt uns niemand mehr, eine Technologie zu entwickeln, die im Jahr 2020 marktreif ist. Wenn die Firmen uns heute einen Auftrag geben, wollen sie in einem halben oder spätestens einem Jahr ein erstes Ergebnis sehen.

Von Barbara Will

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