Gewerkschaften fordern Mindestlohn von 8,50 Euro für Leiharbeiter – Jeder achte muss aufstocken

Kassel/Göttingen. Immer mehr Beschäftigte in der Region arbeiten in den Betrieben als Leiharbeiter. Und immer öfter reicht das Entgelt nicht zum Leben und zwingt sie, mit Hartz IV aufzustocken.

Mit einem bundesweiten Aktionstag „Arbeit – sicher und fair“ machen die Gewerkschaften heute darauf aufmerksam und fordern einen Mindestlohn von 8,50 Euro.

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2010 wurden den Arbeitsagenturen in Nordhessen 32 909 offene Stellen gemeldet – davon waren 13 229 befristet und 8974 Leiharbeit. Seit 2003, als die Arbeitnehmerüberlassung beschlossen wurde, hat sich die Zahl der Leiharbeiter in Hessen verdoppelt, in Nordhessen sogar verdreifacht. Dies haben Stefan Körzell, Vorsitzender des DGB-Bezirks Hessen-Thüringen und Michael Rudolph von der DGB-Region Nordhessen, auf Basis der Zahlen der Arbeitsagenturen festgestellt. 2010 arbeiteten in den nordhessischen Betrieben 9526 Leiharbeiter.

Mit dem Leiharbeiter-Boom sinkt das Einkommen der Beschäftigen. So liegt der Medianbruttolohn (siehe Stichwort) im verarbeitenden Gewerbe in Nordhessen bei 3489 Euro, in der Zeitarbeit bei 1660 Euro.

Da ein Viertel der Leiharbeiter unter 1200 Euro brutto verdient, buttert der Staat über Hartz IV Milliarden pro Jahr dazu. 2009 wurden laut Körzell elf Milliarden Euro ausgegeben, um diese prekären Arbeitsverhältnisse aufzustocken. 2005 waren es acht Mrd. Euro. Aufstocken heißt: Zuschüsse zu Miete, Heizkosten. „Im Schnitt ist jeder achte Leiharbeiter bereits Aufstocker“, sagt Körzell. Zieht sich dies über mehrere Berufsjahre hin, wirkt es sich auf die Rente aus. „Altersarmut ist vorgezeichnet und diese Armut im Alter ist weiblich“, stellt Körzell fest. Dabei hat er vor allem die Mini- und Teilzeitjobs im Einzelhandel im Blick.

Maximal fünf Prozent

Deshalb fordern die Gewerkschaften „gleichen Lohn für gleiche Arbeit“ und für die Zeit, in der der Arbeitnehmer vom Verleiher keinen Job vermittelt bekommt, einen Mindestlohn von 8,50 Euro. Verhandelt wird in Berlin derzeit um einen Mindestlohn von 7,50 Euro pro Stunde. Bislang gibt es ihn nur für einzelne Bereiche wie Bauunternehmen. Und eine prozentuale Begrenzung der Leiharbeiter auf fünf Prozent wäre sinnvoll, sagt Körzell. Zumal es in Nordhessen Betriebe gibt, deren Belegschaft zu 90 Prozent aus Leiharbeitern besteht.

Ob Nordhessen oder Südniedersachsen – bei den Leiharbeitsvermittlern wird knapp ein Viertel der Beschäftigten in die niedrigste Entgeltgruppe eingegliedert, egal ob Akademiker, Facharbeiter oder Hilfskraft. Denn gesucht werde Personen für einen bestimmten Job. Ist diese Qualifikation nicht da, gelten sie als ungelernt, bestätigt Lothar Hanisch, Vorsitzender des DGB-Südniedersachsen-Harz. In der Region Südniedersachsen liege das Verhältnis von festen zu befristeten Jobs beziehungsweise Leiharbeitsstellen bei 50 zu 50. Hanisch:„Diese Leiharbeitsverhälnisse finden sich in allen Branchen.“

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