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documenta fifteen und lumbung-Praxis

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Von: Gwendolyn Persch

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 Kultur des Gebens und Teilens: Im ruruHaus in der Unteren Königsstraße können sich Besucher mit der Arbeitsweise von ruangrupa vertraut machen.
Kultur des Gebens und Teilens: Im ruruHaus in der Unteren Königsstraße können sich Besucher mit der Arbeitsweise von ruangrupa vertraut machen. © Fischer, Andreas

Diese documenta ist anders als alle bisherigen Weltkunstausstellungen in Kassel. Es fängt damit an, dass die documenta fifteen nicht von einer Person, sondern gleich von einem ganzen Kollektiv kuratiert wird: dem indonesischen Künstler*innenkollektiv ruangrupa. 

Auch die Herangehensweise ist anders als bisher: Als Grundgerüst für die 15. Ausgabe der Weltkunstausstellung dienen ruangrupa die Prinzipien und Werte von „lumbung“. Es ist das indonesische Wort für eine gemeinschaftlich genutzte Reisscheune, in der die überschüssige Ernte zum Wohle der Gemeinschaft gelagert wird. Als gemeinsame Lebens- und Arbeitsweise verstanden, steht lumbung nicht nur im Zentrum der Vorbereitungen auf die documenta fifteen, sondern besteht über diese hinaus fort.

„lumbung ist für uns nicht lediglich ein Thema, das wir für die documenta fifteen ausgewählt haben“, so ruangrupa. „Es ist vielmehr tief in unsere tägliche Praxis eingeschrieben und fasst unsere bisherigen Methoden und Wertvorstellungen zusammen. Als Kollektiv teilen wir Ressourcen, Zeit, Energie, Finanzmittel, Ideen und Wissen unter uns und mit anderen.

Angesichts der aktuellen Entwicklungen zeigt sich das Konzept von lumbung mit seinen Werten von Solidarität und Kollektivität nun von größerer Bedeutung und Relevanz denn je. In Momenten, in denen so viele Menschen die Ungleichheit und Ungerechtigkeit der herrschenden Systeme zu spüren bekommen, kann lumbung (neben vielen anderen Denkansätzen) zeigen, dass die Dinge auch anders gelöst werden können.“

Das Herz der documenta fifteen ist das ruruHaus. Hier können sich Besucher*innen mit dem Kunstverständnis und der Arbeitsweise von ruangrupa vertraut machen. Zudem ist es ein Versammlungsort mit Welcome Area, einem Café und einer Arena, die die Möglichkeit für Zusammenkünfte bietet, etwa bei Workshops oder Diskussionen. Auch der Ticketverkauf und zwei Buchläden befinden sich hier.

documenta-Spuren im Stadtbild

Die Kunstausstellungen in den vergangenen Jahrzehnten brachten nicht nur für 100 Tage vielfältige Kunst und eine besondere Stimmung nach Kassel, sondern veränderten auch das Stadtbild. Heute finden sich an den verschiedensten Orten in der Fuldastadt Kunstwerke, die sich bereits während der jeweiligen documenta zu Publikumslieblingen entwickelt haben – und nun einen festen Platz in Kassel haben. Vier von ihnen stellen wir vor.

Anatol Herzfeld, Das Traumschiff Tante Olga (1977)

documenta 6, 1977

Anatol Herzfeld, Das Traumschiff Tante Olga (1977)
Anatol Herzfeld, Das Traumschiff Tante Olga (1977) © Kaminski

Polyester, Holz, Draht. 12 x 3 x 3 m, Heinrich-Schütz-Schule, Freiherr-vom-Stein-Straße 11,
Freigelände Graf-Bernadotte-Platz

Auf Polyester, Holz und Draht und von einem Schleppkahn gezogen, reiste der Künstler Anatol Herzfeld 1977 zur Eröffnung der documenta 6 nach Kassel. Sein Boot, das an ein von Kindern gefaltetes Papierschiffchen erinnert, führte ihn auf seiner rund einwöchigen Reise vom Nordseebad Dangast über den Jadebusen, die Weser und die Fulda nach Kassel. Mit dem Boot wollte der Künstler die Träume von Kindern in die documenta-Stadt bringen. Gestrandet ist es während der Ausstellung zunächst vor Orangerie, heute kann es auf dem Gelände der Heinrich-Schütz-Schule bestaunt werden.

Claes Oldenburg, Spitzhacke (1982)

Spitzhacke, documenta 7, 1982

Claes Oldenburg, Spitzhacke (1982)
Claes Oldenburg, Spitzhacke (1982) © Kaminski

Stahl. Höhe 12 m, Fulda-Ufer

Die Idee kam dem Künstler Claes Oldenburg 1982 während der Vorbereitungen auf die documenta 7, als er auf einer Baustelle eine Spitzhacke sah. Das Gerät regte ihn zur Maßstabvergrößerung und Überdimensionierung an – zwei künstlerische Verfahren, auf die sich Claes Oldenburg spezialisiert hat. Die Spitzhacke erinnert dabei weniger an die immer technischere Arbeitswelt als viel mehr an die Zeit des Wiederaufbaus Kassels. Und der zunächst zufällig wirkende Standort ist durchaus bewusst gewählt: Er markiert den Punkt, an dem die verlängerte Achse der Wilhelmshöher Allee auf das Fulda-Ufer trifft. Als hätte Herkules persönlich die Spitzhacke vom Bergpark auf Kassel geschleudert, zeigt der Griff des Geräts zudem in Richtung des antiken Halbgotts.

Olu Oguibes, Das Fremdlinge und Flüchtlinge Monument (2017) Obelisk

documenta 14, 2017

Olu Oguibes, Das Fremdlinge und Flüchtlinge Monument (2017) Obelisk
Olu Oguibes, Das Fremdlinge und Flüchtlinge Monument (2017) Obelisk © André Kaminski

Beton, Höhe 16,2 m, Treppenstraße

„Ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt“, dieses Zitat aus dem Matthäus-Evangelium ziert in Arabisch, Deutsch, Englisch und Türkisch – den vier in Kassel am häufigsten gesprochenen Sprachen - den Obelisken in der Treppenstraße. Aufgestellt wurde es vom nigerianisch-amerikanischen Künstler während der documenta 14 – 2017 zunächst auf dem Königsplatz, seit 2019 steht der Obelisk an seinem aktuellen Standort. Er stellt ein zeitloses Monument zur weltweiten Problematik der Migration und als Appell zur Aufnahme von Verfolgten dar. Den Verbleib in der Fuldastadt machte erst eine Spendenaktion möglich.

Jonathan Borofsky, Man Walking To The Sky (1992)

Man Walking to the Sky

Jonathan Borofsky, Man Walking To The Sky (1992)
Jonathan Borofsky, Man Walking To The Sky (1992) © André Kaminski

documenta 9, 1992, Stahl. Höhe 25 m. Durchmesser 50 cm. Neigungswinkel 63°. Figur: Fiberglas, bemalt, Kulturbahnhof, Vorplatz

Das von Jonathan Borofskys geschaffene Kunstwerk erfreute sich nicht nur bereits bei der 9. documenta größter Beliebtheit, sondern hat sich mittlerweile zu so etwas wie dem innoffiziellen Wahrzeichen der Fuldastadt entwickelt. „Man walking to the Sky“, besser bekannt als Himmelsstürmer, stand während der Ausstellung 1992 zunächst unmittelbar vor dem Museum Fridericianum, nach dem Ankauf durch Bürgerbeteiligung und Sponsoreneinsatz kam er 1995 an seinen heutigen Standort vor dem Kulturbahnhof. Die Installation nimmt eine kritische Position zwischen Aufstieg und Absturz ein, symbolisiert Fortschrittsoptimismus und zugleich die existentielle Gefährdung. (Gwendolyn Persch, Andre Kaminski)

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