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Interview: So steht es um die Digitalisierung in Nordhessen

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Dr. Lars Kleeberg, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft nordhessischer Wirtschaftsförderer (AGW) und Geschäftsführer der Werra-Meißner Wirtschaftsförderung
Dr. Lars Kleeberg, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft nordhessischer Wirtschaftsförderer (AGW) und Geschäftsführer der Werra-Meißner Wirtschaftsförderung © Privat/nh

Wie schreitet die Digitalisierung in Nordhessen voran? Dr. Lars Kleeberg, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft nordhessischer Wirtschaftsförderer (AGW) und Geschäftsführer der Werra-Meißner Wirtschaftsförderung, steht im Interview Rede und Antwort.

Wo steht Nordhessen beim Thema Digitalisierung?

Nordhessen verfügt heute über ein gut ausgebautes Glasfasernetz bis in die Ortschaften hinein. Das war vor fünf Jahren noch nicht der Fall. Die Überbrückung der „letzten Meile“ bis in die Gebäude erfolgt zwar weitestgehend noch über Kupferkabel, doch die geschaffene Infrastruktur ermöglicht es bereits heute, dass nahezu jedes Unternehmen, jede Schule und jeder Haushalt in Nordhessen schnelles Internet nutzen können. Es existieren aber immer noch Lücken, sog. graue und weiße Flecken auf der Landkarte. Diese gilt es in den kommenden Monaten und Jahren zu schließen. Wir sind zuversichtlich, dass dies zeitnah gelingen kann, da zunehmend mehr Telekommunikationsunternehmen (TKUs) auch die ländlich strukturierten Gebiete für sich entdecken und den eigenwirtschaftlichen Glasfaserausbau bis in die Häuser in Kooperation mit den Kommunen und uns Wirtschaftsförderungen vorantreiben.

Digitalisierung ist aber mehr als nur Glasfaser. Bereits seit einigen Jahren lässt sich beobachten, wie sie Einzug in alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens erhält und dort hilft, Strukturen aufzubrechen, Prozesse effizienter zu gestalten und das Leben der Menschen zu vereinfachen.

Nachfolgend eine kleine Auswahl:

> In Gesprächen mit Unternehmer*innen und bei Betriebsbesichtigungen zeigt sich ein deutlicher Wandel vom traditionellen, manuellen Arbeiten hin zu Industrie 4.0 und der Digitalisierung und Automatisierung von täglichen Arbeits- und Produktionsprozessen.

> Mit der Einführung des Onlinezugangsgesetzes (OZG) werden Kommunen und Verwaltungen in die Pflicht genommen, ihre Leistungen zu digitalisieren und so bürgerfreundlicher zu gestalten. So lassen sich Behördengänge bereits jetzt in den nordhessischen Städten und Kommunen  und künftig noch viel stärker – bequem von der eigenen Couch aus realisieren.

> Digitalisierung ermöglicht es, dass Menschen standortunabhängig arbeiten können. Zunehmend mehr Arbeitgeber machen sich diesen Vorteil zunutze und ermöglichen ihren Mitarbeiter*innen ein weitgehend flexibles Arbeitserlebnis im Homeoffice, Coworking-Space oder sonstigen Standorten im In- und Ausland. Das ist nicht nur arbeitnehmer- und klimafreundlich (durch reduzierte Pendlerbewegungen), sondern hilft auch dabei, neue Bürger*innen aufs Land zu locken und dadurch dem allgemein vorherrschenden Fachkräftemangel entgegenzuwirken.

> In den letzten Jahren entstand in Nordhessen eine Vielzahl an Projekten und Initiativen, welche das Thema Digitalisierung noch stärker bespielen und in der öffentlichen Wahrnehmung verankern wollen. Einige sind auf bestimmte Themen wie Künstliche Intelligenz fokussiert, andere sind themenoffen und unterstützen in sämtlichen Belangen. Exemplarisch genannt seien das IT-Netzwerk Nordhessen e.V., das Kompetenzzentrum Digitalisierung für den ländlichen Raum (KDLR) oder das Zukunftszentrum für menschenzentrierte KI in der Produktionsarbeit (ZUKIPRO), welche allesamt ihren Sitz in Kassel haben. Aber auch abseits von Kassel gibt es mittlerweile geförderte Projekte wie die hessenweit beiden einzigen Smart Region Hubs in Eschwege (Werra-Meißner-Lab) und Bad Hersfeld. Das besondere an diesen vielfältigen Projekten ist, dass alle „an einem Strang ziehen“, miteinander kooperieren und u.a. bei Veranstaltungen regelmäßig zusammenarbeiten. Die gemeinsame Förderung und Verbesserung der Region als zukunftsweisender Arbeits- und Lebensraum ist dabei erklärtes Ziel aller Akteure.

Wie werden Unternehmen in Nordhessen in Sachen Digitalisierung unterstützt?

Die Digitalisierung krempelt unsere Arbeitswelt um, am Fließband, wie im Büro. Das ständige Umlernen, Anlernen, Weiterlernen wird zum Tagesgeschäft. Die Betriebe müssen sich mit Ihren Mitarbeitern zusammen ändern; die Digitalisierung hat eine technische und soziale Komponente. Sie kann Unternehmen und Mitarbeiter*innen beflügeln und unterstützen, aber auch abhängen.

Wie man das ständige Lernen – von- und miteinander – erreicht, Wissen im Unternehmen hält, neu aufbaut und vermittelt, quasi nebenbei während der Arbeit und in der Organisation nachhaltig verankert, das wird aus meiner Sicht die Geschäftsführungen in Zukunft mit am meisten herausfordern.

Hier setzen wir an. Die Wirtschaftsförderungen der einzelnen Landkreise stehen zu digitalen Themen und Trends (unter anderem Breitbandausbau, Industrie 4.0, KI, Robotik, Blockchain, Smart City- und Region-Lösungen) im ständigen engen Austausch miteinander. Hierdurch wollen wir gemeinsam Bedingungen schaffen, die Unternehmen, aber auch allen anderen Anspruchs- und Zielgruppen, eine digitale Teilhabe ermöglichen.

Die Unterstützungsleistungen sind dabei vielschichtig und umfassen u.a. Netzwerke und Netzwerktreffen, Schulungen und Workshops, Serviceangebote (zum Beispiel Fördermittelberatung, Kontaktvermittlung) oder auch Treffpunkte, wie das eingangs bereits erwähnte Werra-Meißner-Lab.

Das Werra-Meißner-Lab ist die zentrale Anlaufstelle zum Thema Digitalisierung im Werra-Meißner-Kreis und unterstützt, zum Beispiel Unternehmen bedarfsgerecht bei Digitalisierungsherausforderungen. Das Angebot reicht dabei von Netzwerkveranstaltungen und Unternehmerstammtischen, über Schulungen und Zertifizierungsprogramme im Bereich digitale Ökonomie und digitale Wertschöpfungsketten für deren Mitarbeiter*innen bis hin zu individueller Unterstützung bei der Erprobung neuer digitaler Technologien.

Gibt es besondere Tools für nordhessische Unternehmen?

Es gibt allgemeine und spezielle Tools, branchen- und anwendungsfokussierte Tools. Die Vielfalt ist enorm. Wir versuchen hier zu filtern und Unternehmen bei der Auswahl des richtigen Tools und Dienstleistungsangebotes zu unterstützen. Da kommen wieder unsere Netzwerke in Nordhessen ins Spiel. Zum Beispiel sorgt das IT-Netzwerk Nordhessen e.V. dafür, dass Unternehmen im Bereich Digitales miteinander in Verbindung gebracht werden, um über Best Practices zu sprechen und voneinander zu lernen.

Wie sieht es mit der finanziellen Förderung auf dem Weg zur Digitalisierung aus?

Es gibt sowohl von Seiten des Landes Hessen, als auch von Seiten des Bundes zahlreiche Fördertöpfe, welche für verschiedene Anwendungsfälle konzipiert wurden.

Das Landesprogramm Distr@l eignet sich u.a. für Großprojekte, die digitale Innovation erzeugen und den Status Quo im adressierten Bereich signifikant verbessern oder Wissen aus der Forschung in die Wirtschaft transportieren möchten. Für die Digitalisierung des Mittelstandes durch umfassende, passgenaue Beratung oder gezielte Investitionen in digitale Technologien inkl. Qualifizierung der Mitarbeiter*innen eignen sich beispielsweise die Bundesprogramme go-digital oder Digital Jetzt. Auch für die Umsetzung von kleineren Maßnahmen und Vorhaben, wie der Einführung von Spezialsoftware oder der Neugestaltung und Professionalisierung von Webauftritten, gibt es über den Digital-Zuschuss Hessen attraktive Zuschüsse.

Die Wirtschaftsförderungen der Landkreise stehen diesbezüglich als Ansprechpartner bereit, leisten individuelle Beratung und unterstützen bei der Antragstellung.

Welche Vorteile bringt die Digitalisierung mit sich?

Die Digitalisierung ist ein wichtiges Medium für Veränderung, Innovation und Fortschritt. Sie ist für überwiegend ländlich strukturierte Regionen wie Nordhessen ein zentrales Element, um die eigene Attraktivität zu steigern und langfristig im Wettbewerb mit Metropolen und primär urban strukturierten Gegenden bestehen zu können.

Sie hilft dabei räumliche Distanzen zu überwinden, da Daten und Informationen flexibel und standortunabhängig abgerufen werden können. Hierdurch werden beispielsweise neue Arbeitsformen wie HomeOffice, Remotework oder Coworking ermöglicht, die dazu beitragen, dass Fachkräfte in die Region geholt werden können oder bestehende Fachkräfte nicht mehr zwingend abwandern müssen. Digitalisierung ermöglicht auch die Entwicklung neuer Dienste und Angebote, die erhebliche Vereinfachungen im Leben der Menschen nach sich ziehen (zum Beispiel digitale Antragstellung gegenüber Verwaltungen, digitaler Arzt- oder Bankbesuch für ältere Menschen). Mit Hilfe der Digitalisierung können regionale Anbieter und Unternehmen neue Märkte erschließen und ihre Produkte und Dienstleistungen auch überregional/national/international vermarkten.

Digitalisierung vereinfacht darüber hinaus die Kommunikation, den Austausch und die Vernetzung mit- und untereinander, sorgt für eine bessere Erreichbarkeit und macht krisenresistenter. Während der Corona-Pandemie hat sie beispielsweise wesentlich dazu beigetragen, dass Unternehmen zumindest den Basisbetrieb aufrechterhalten und trotz Kontaktbeschränkungen mit allen wichtigen Anspruchsgruppen in Kontakt bleiben konnten. Digitalisierung ermöglicht es zudem, produktiver/effizienter (es ist möglich, mehr Termine wahrnehmen zu können) sowie ressourcen-/umweltschonender (u.a. aufgrund des geringeren CO2-Ausstoßes durch weniger Fahrten) zu arbeiten; dies gilt insbesondere auf dem Land, wo die Anfahrtswege und -zeiten in der Regel weit sind und Individualmobilität oft unerlässlich ist.

Mobiles Arbeiten in Nordhessen, wie sieht es damit aus?

Die Digitalisierung ermöglicht es Arbeitnehmer*innen flexibler und selbstbestimmter zu arbeiten und schafft somit auch Raum für neue Lebenskonzepte, da Unternehmen und Mitarbeitende flexibel auf private Umstände und Bedürfnisse reagieren können. Hierdurch kann nicht nur die Arbeitsmotivation gestärkt, sondern gleichzeitig auch die Arbeitgeberattraktivität im Wettkampf um die besten Talente, Fach- und Führungskräfte verbessert werden.

Nordhessen bietet mit seiner zentralen Lage, einer gut ausgeprägten digitalen Infrastruktur, bezahlbarem Wohnraum und der hohen Lebensqualität beste Voraussetzungen dafür, um hier bei uns zu leben, den Nachteilen des Großstadtalltags zu entfliehen (z.B. lange Anfahrtszeiten, überfüllter ÖPNV, Großraumbüros), bei Bedarf trotzdem in vergleichbar kurzer Zeit am Arbeitgeberstandort zu sein und somit nicht den geliebten Job aufgeben zu müssen.

Wo will Nordhessen hin und warum lohnt es sich für Unternehmer, den Standpunkt Nordhessen zu wählen?

Nordhessen liegt nicht nur geographisch schon jetzt ganz oben in Hessen. Wir verzeichnen mehr Zu- als Wegzug, was auch auf die Pandemie zurückzuführen ist. Zunehmend können Menschen Ihren Arbeitsplatz mobil und wohnortnah wählen. Da liegt es nahe, in Gegenden zu ziehen, die auch eine hohe Lebensqualität besitzen, ohne zu weit von den Metropolen entfernt zu sein. Und da kommt Nordhessen ins Spiel.

Nordhessen ist ein Standortvorteil für unsere Betriebe, wenn es um die Arbeitgeberattraktivität und die Begegnung des Fachkräftemangels geht. Prognosen weisen jetzt schon darauf hin, dass in Nordhessen der Zuwachs an Arbeitsplätzen in Zukunft in Gesamthessen prozentual am größten ausfallen wird. Wir bieten den Lebensraum, den man im Ballungsraum teuer erkaufen muss. Wer Familie hat, mobil arbeiten kann und mehr von seinem Einkommen haben will, ist bei uns sehr gut aufgehoben. In der Mitte von Deutschland ist jeder herzlich Willkommen, der Arbeiten und Wohnen bei uns bestmöglich miteinander in Verbindung bringen will.

Unsere Unternehmen tun gut daran, offensiv zu kommunizieren, dass man bei Ihnen flexibel und mobil arbeiten kann; dann bekommen sie auch die Fachkräfte, die sie in Zukunft benötigen. Die jetzt heranwachsende Generation Z, die Arbeitnehmer*innen von morgen, sind die ersten, die vollständig im Zeitalter digitaler Technologien aufgewachsen sind. Alleine schon deshalb werden Fähigkeiten und Anforderungen zu Agilität, Flexibilität, Mobilität immer mehr zum Tragen kommen. Das betrifft auch die Aus- und Weiterbildung. Die Generation Z will zeit- und geräteunabhängig lernen und arbeiten. Das ist Herausforderung und Chance für unsere Region zugleich.

Und es gibt noch einen Vorteil, der sich vor allem für viele kleine Betriebe bei uns ergibt: Hatten im Wettbewerb um High Potentials häufig diese Betriebe fernab der großen Metropolen das Nachsehen, so besteht für sie jetzt die große Chance, mit der Digitalisierung eine nach sinnstiftender und zum Leben passender Tätigkeit strebende Generation mit einem sicheren Arbeitsplatz für sich zu begeistern. (nh)

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