Das Du im Job macht manches leichter – Konflikte verschwinden dadurch aber nicht

Duzen: Top oder flop?

„Hallo, ich bin der Thomas“: Wenn sich die Mitarbeiter einer Abteilung duzen, kann das hierarchische Hürden kleiner wirken lassen. Foto: tmn

Es gibt Mitarbeiter, die würden sich eher foltern als von ihrem Chef duzen lassen. Andere schätzen gerade am Umgang mit ihren Vorgesetzten, sie genauso duzen zu dürfen wie einen Kollegen. Das Duzen macht manches leichter – es lässt den Abstand zwischen hierarchischen Ebenen kleiner erscheinen. Es passt aber nicht zu jedem Betrieb und jedem Chef.

Wechsel zum Du ist leichter

Ob am Arbeitsplatz besser gesiezt oder geduzt werden sollte, ist umstritten: „Nicht alle duzen gleich gern“, gibt Lis Droste zu bedenken. „Manche würden am liebsten noch ihren Ehepartner siezen“, erklärt die Etikette-Trainerin aus Frankfurt. Tendenziell sei der Wechsel vom Sie zum Du heute allerdings unkomplizierter. „Früher musste man dafür erst Brüderschaft trinken.“ Fingerspitzengefühl sei dabei aber immer noch gefragt.

„Ein Problem ist das manchmal bei großen Altersunterschieden innerhalb der Gruppe“, sagt Droste. Dem 60-Jährigen, der sich vom 16-Jährigen duzen lassen soll, fällt das oft schwer. Bei jungen Teams ist das Du dagegen oft ganz selbstverständlich. „Das ist dann auch gut so“, sagt Droste. „Duzen ist immer auch etwas intimer als Siezen.“ Aber genau das kann zum Problem werden. Übernehmen zum Beispiel junge Führungskräfte die Leitung eines Teams, sollten sie sich gut überlegen, welchen Stil sie pflegen wollen, rät die Diplom-Psychologin Thordis Bethlehem aus Stuttgart.

„Gerade weil das Du Nähe suggeriert, kann Kritik leicht als Zurückweisung erlebt werden.“

Thordis Bethlehem

„Mit dem Duzen signalisiert man unter Umständen Nähe, die eigentlich gar nicht gewünscht ist“, sagt die Vizepräsidentin des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen. Duzen kann noch weitere Nachteile haben: „Wenn man per Sie ist, sind die Hemmschwellen größer, den anderen zu beleidigen“, sagt Liz Droste. „Man sagt einfach schneller ,Du Esel’ als ,Sie Esel’.“

Und auch Kritikgespräche werden nicht unbedingt einfacher, gibt Thordis Bethlehem zu bedenken: „Gerade weil das Du Nähe suggeriert, kann Kritik leicht als Zurückweisung erlebt werden.“ Das Sie unterstreiche die Distanz, die bei schwierigen Gesprächen manchmal hilfreich sei. „Eine Duz-Kultur kann allerdings durchaus attraktiv sein. Und es gibt auch Branchen, die dafür prädestiniert sind, wie IT-Entwickler oder die Kreativen in der Werbung“, sagt Thordis Bethlehem. „Manche fühlen sich davon angesprochen.“ Unternehmen, die für diesen Umgangston bekannt sind, haben es leichter, die Leute für sich zu gewinnen, die das zu schätzen wissen.

Es kommt auf Firmenkultur an

Aber bevor ein Unternehmen vom Sie zum Du übergeht, sollten einige grundsätzliche Fragen beantwortet sein, empfiehlt die Psychologin: „Was soll damit anders werden? Womit sind Sie unzufrieden? Und passt ein Du zur Unternehmenskultur?“ Klar sollte sein: Nur vom Sie zum Du zu wechseln, macht keinen großen Unterschied: „Wenn sich das Betriebsklima ändern soll, müssen die Vorgesetzten eine positive Streitkultur vorleben“, sagt Claudia Cornelsen, Dozentin und Beraterin aus Berlin.

Soziale Kompetenz zu zeigen, in der Lage zu sein, Kritik zu üben und selbst auszuhalten – das seien wichtige Voraussetzungen für Nähe und Teamgeist. Gelingt das, ist das gegenseitige Duzen oft nur noch die logische Konsequenz. Wird es dagegen von oben angeordnet, ohne dass der Führungsstil im Unternehmen dazu passt, wirke es nur formelhaft. (tmn)

Von Andreas Heimann

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