Einigung in Baden-Württemberg

Einzelhandel: Durchbruch im Tarifkonflikt

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Mitten im wichtigen Weihnachtsgeschäft haben sich die Tarifpartner in Baden-Württemberg auf den bundesweit ersten Abschluss im Einzelhandel geeinigt.

Korntal-Münchingen - Nach monatelangem Ringen gibt es im Einzelhandel einen ersten Tarifabschluss. Die Einigung in Baden-Württemberg könnte bundesweit Signalcharakter haben.

Mitten im wichtigen Weihnachtsgeschäft haben sich die Tarifpartner in Baden-Württemberg auf den bundesweit ersten Abschluss im Einzelhandel geeinigt. Für rund 220.000 Beschäftigte in dem Land gibt es eine Gehaltssteigerung von 3 Prozent rückwirkend zum 1. Juli 2013. Zum 1. April 2014 sollen die Entgelte dann um weitere 2,1 Prozent steigen. Der Durchbruch bei den Verhandlungen in der Nacht zum Donnerstag könnte bundesweiten Signalcharakter für die Branche haben. In Hessen etwa setzte die Gewerkschaft Verdi geplante Warnstreiks aus.

Ulrich Köster, Vorsitzender des Tarifpolitischen Ausschusses des Handelsverbandes Deutschland (HDE), wertete die Zeichnung als „ein gutes Signal, dass wir auch in den anderen Tarifgebieten nun zu einer Lösung kommen.“ Auch wenn dort die Ausgangssituation eine andere sei. Es gibt zwar keinen bundesweiten Tarifvertrag, die Ergebnisse in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen galten zuletzt aber häufig als Vorlage für andere Tarifbezirke.

Studie: Diese Jobs bringen weniger als Hartz IV

Die 1,9 Prozent Geringverdiener in der Werbebranche und in der Marktforschung bekommen ein monatliches Nettogehalt von 1268 Euro, mit Kindergeld 1636 Euro. Als Hartz IV-Empfänger würden sie 17 Euro mehr bekommen. © dpa
In Callcentern arbeiten 13,1 Prozent Geringverdiener. Sie verdienen Brutto 1574 Euro ohne Kindergeld. Netto bleiben ihnen 1256 Euro - das sind 29 weniger als Hartz IV. © dpa
In der Rechtsberatungs-Branche sind 1,1 Prozent Geringverdiener beschäftigt. Ihr Bruttogehalt liegt bei 1552 Euro. Netto bleiben ihnen 1238 Euro - das sind 47 Euro weniger als Hartz IV. © dpa
Im Gartenbau und bei Gebäudebetreuung arbeiten 33,4 Prozent Geringverdiener. Sie bekommen monatlich 1535 Euro brutto. Netto bleiben ihnen 60 Euro weniger als mit Hartz IV. © dpa
Die Gastronomie beschäftigt 20,5 Prozent Geringverdiener. Durchschnittlich verdienen sie 1474 Euro brutto. Netto bleiben ihnen 1176 Euro und somit 109 Euro weniger als mit Arbeitslosengeld II. © dpa
Auch in der Hotelbranche sieht es nicht besser aus: Zwar zählen nur 9,5 Prozent zu den Geringverdienern, doch die verdienen satte 188 Euro weniger als Hartz IV-Empfänger. © dpa
Am schlechtesten bezahlt wird Zeitarbeit. In diesem Sektor werden 31,5 Prozent Geringverdiener beschäftigt. Ist man verheiratet, Alleinverdiener und hat zwei Kinder, bleiben netto 1007 Euro übrig. Das sind 278 Euro weniger als mit Hartz IV. © dpa
Es gibt auch Jobs, bei denen das Einkommen nur knapp über dem Arbeitslosengeld liegt. Dazu gehören Berufe wie Schlachter und Menschen, die Fleisch verarbeiten. 22,8 Prozent sind Geringverdiener und bekommen 1379 Euro. Als Hartz IV-Empfänger stünden ihnen 94 Euro weniger zu.  © dpa
Noch schlechter verdienen Beschäftigte von Wach- und Sicherheitsdiensten. Sie arbeiten für 1379 Euro netto - das sind 79 Euro mehr als Hartz IV. © dpa
Angestellte des Einzelhandels arbeiten für 1331 Euro netto im Monat. Als Hartz IV-Empfänger bekämen sie 46 Euro weniger. © dpa
Die 0,9 Prozent Geringverdiener in der Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsbranche bekommen netto 1321 Euro. Mit Hartz IV wären es auch nur 36 Euro weniger. © dpa
Auch unter Erziehern und Lehrern gibt es Geringverdiener - 0,8 Prozent. Ihr Nettogehalt beläuft sich auf 1319 Euro. Als Hartz IV-Empänger bekämen sie nur 35 Euro weniger. © dpa
Die 8,5 Prozent Geringverdiener in Pflegeheimen verdienen nur 18 Euro mehr als als Hartz IV-Empfänger. © dpa

„Dieser Tarifvertrag ist aus unserer Sicht ein echter Meilenstein“, sagte der Verhandlungsführer der Arbeitgeber, Philip Merten, am Donnerstag in Korntal-Münchingen. Sein Gegenüber von Verdi, Bernhard Franke, sprach von einem „Waffenstillstand“.

Bei der Einigung in der Nacht war der hart umkämpfte Manteltarifvertrag wieder eingesetzt worden. Allerdings wurde als Übergangslösung eine neue Lohngruppe für Regalfüller eingeführt. Im kommenden Jahr wollen Arbeitnehmer und Arbeitgeber dann über die vom Handel seit langem geforderten Reformen bei den Lohngruppen sprechen. Dies werde ein „Kraftakt“, sagte Franke.

Die Ergebnisse der Einigung

Neben der Entgelterhöhung werden die Ausbildungsvergütungen überproportional angehoben. Außerdem ist eine Klarstellung für flexible Arbeitszeitregelungen formuliert worden. Am Freitag muss die Große Tarifkommission der Gewerkschaft dem Ergebnis noch zustimmen.

In Nordrhein-Westfalen wollen die Tarifparteien am 10. Dezember über den Entwurf aus dem Südwesten sprechen. In dem mit rund 650.000 Beschäftigte bundesweit größten Tarifbezirk werde es aus Sicht der Gewerkschaft jedoch nicht um eine komplette Übernahme der Einigung gehen. Insbesondere bei den Zuschlägen wolle man keine Kürzungen hinnehmen, sagte Verdi-Verhandlungsführerin Silke Zimmer. In den nächsten Tagen sind in dem Bundesland weitere Warnstreiks geplant.

In Hessen setzte Verdi geplante Streiks aus. Das Ergebnis könne bundesweit einen Durchbruch bringen und den Tarifkonflikt sofort beenden, erklärte der hessische Verdi-Verhandlungsführer Bernhard Schiederig. Man wolle daher ein positives Zeichen setzen. Er forderte die Arbeitgeber auf, diese „einmalige Chance“ bei den im Tarifbezirk anstehenden Verhandlungen am 11. Dezember zu nutzen. Es gebe aber auch deutliche Unterschiede zwischen den Tarifwerken in Hessen und Baden-Württemberg, über die noch gesprochen werden müsse.

Ungewöhnlich lange Verhandlungen

Die Tarifverhandlungen im Südwesten hätten mit sieben Verhandlungsrunden ungewöhnlich lange gedauert, es sei in einer bislang nicht bekannten Intensität gestreikt worden, sagte Verdi-Verhandlungsführer Franke. Einer der strittigsten Punkte sei die Frage gewesen, wie Regalauffüller, die oft über Werkverträge ausgegliedert würden, wieder in den Tarifvertrag geholt werden könnten.

Der erzielte Kompromiss sehe nun vor, dass von 2014 an eine neue Lohngruppe mit einem Stundenlohn von knapp unter zehn Euro geschaffen wird. „Damit wollen wir den Tarifvertrag wieder attraktiv machen“, sagte Arbeitgeber-Verhandlungsführer Merten. Die Tarifbindung im Einzelhandel liege inzwischen nur noch bei etwas mehr als 40 Prozent.

Von Annika Graf

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