VW: 10 000 Verbesserungsvorschläge und zwölf Patente pro Jahr aus Baunatal

Erfinder mit langem Atem

Baunatal. Erfinder brauchen nicht nur Ideen, sondern vor allem Geduld. Am 23. Dezember 2000 meldete Volkswagen ein „Gießwerkzeug“ zum Patent an. Erfinder: Hans-Helmut Becker aus Borken, seinerzeit Gießereileiter im VW-Werk Kassel in Baunatal.

Erst seit dem 7. Januar 2010, dem Veröffentlichungstag der Patenterteilung, genießt VW den vollen Schutz dafür. In den acht Jahren dazwischen galt der vorläufige Schutz.

Hans-Helmut Becker

Etwa 10 000 Verbesserungsvorschläge aus den 200 KVP-Workshops (kontinuierlicher Verbesserungsprozess) und zwölf Patente werden von den 14 500 Beschäftigten pro Jahr im VW-Werk Kassel in Baunatal auf den Weg gebracht. Das reicht von optimierten Abläufen, die die Arbeit erleichtern, bis hin zu echten Innovationen. „Ziel ist stets, Produktivität und Qualität im Werk zu steigern, um damit den Standort und auch die Arbeitsplätze sicherer zu machen“, sagt Becker (61), der seit 2006 Werkleiter ist. Allein für den Motor des E-Up, der 2013 auf den Markt kommt, wurden 2009 vom Werk 35 Erfindungen eingereicht – von der Anmeldung, über die Sperrveröffentlichung bis zur Prüfung.

In den acht Jahren von der Anmeldung bis zur Veröffentlichung mauserte sich Beckers Idee zum Druckguss-Standard in Gießereien. Becker hatte seinerzeit ein Werkzeug entwickelt, um Lagerstühle bei Alu-Motoren fester zu gießen.

Reich wird man selten

Gießt man Alu-Motoren, wechseln Hohlräume mit Zuleitungen ab. Gegossen wird Aluminium mit 800 Grad. Bereits beim Füllen der Form kühlt das Metall ab – bei dünnen Verbindungen schneller als in Hohlräumen. Beim Wechsel von flüssig zu fest zieht sich die Schmelze zusammen. Dabei entstehen Luftlöcher im Guss, die Festigkeit des Materials leidet. Um dies zu verhindern entwickelte er einen Stempel, der mit insgesamt 400-bar-Druck das heiße Aluminium sekundengenau in die Form presst. Zum Vergleich: Im Autoreifen sind zwei bar.

„Squeezen“, nennt Becker das Verfahren, bei der die erstarrende Schmelze nachverdichtet wird. Für VW brachte die Erfindung den Vorteil, dass Alu-Motoren in Serie gegossen werden konnten und der Ausschuss deutlich zurückging, was sich letztlich in sinkenden Kosten niederschlug. Reich wurde Becker mit seiner Erfindung nicht. „Es gab in der Fertigung ein Problem, das mussten wir lösen. Das ist mein Job“, sagt er.

300 Euro hat er von VW bekommen, wie auch Maschinenbau-Ingenieur Meinhard Kowalski aus Niedenstein. Der 45-Jährige arbeitet in der Triebsatzfertigung, die zur Getriebe-Entwicklung gehört. Er hat für das Doppelkupplungsgetriebe DQ 250 „Gürtel und Hosenträger“ – wie er es nennt – erfunden, damit das Schalten reibungslos klappt. Möglich macht dies ein flacher Scheiben-Kolben.

Ein Unding, denn normalerweise muss ein Kolben mindestens so lang wie dick sein, damit er nicht verkantet. Gebraucht wurde dieses Stückchen Sicherheit bis heute nicht. Kowalski: „Aber es ist da, wenn es zu Problemen kommen sollte.“

Von Martina Wewetzer

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