Personalvorstand Dolle sagt, warum der Solartechniker so viele Mitarbeiter braucht

Erfolgsrezept heißt SMA-Kultur

Kein Konzern der Region stellt so viele Mitarbeiter ein, wie Solartechnik-Hersteller SMA in Niestetal. Dabei ist das Werk nur halb ausgelastet, weil die Halbleiter-Zulieferer nicht nachkommen. Wir sprachen mit Personalvorstand Jürgen Dolle.

Wie viele Mitarbeiter hat SMA in diesem Jahr eingestellt?

Jürgen Dolle: Bislang 1500, davon 600 Zeitarbeiter. Insgesamt beschäftigten wir weltweit rund 5500 Menschen.

Derzeit bremst die Halbleiter-Industrie, die nicht liefern kann, ihre Produktion ab. Wann ändert sich dies?

SMA-Personalvorstand Jürgen Dolle (56), Sozialpädagoge, arbeitete zunächst beim Diakonischen Werk Kassel. 2000 wechselt er zu SMA, ist dort für den Personalaufbau verantwortlich und wirkte an der vielfach ausgezeichneten Unternehmenskultur mit. Der Vater zweier Kinder lebt mit seiner Frau in Baunatal. In seiner Freizeit liest er gern – Comics wie Klassiker.

Dolle: Momentan können wir unsere Jahresproduktions-Kapazitäten von inzwischen elf Gigawatt nicht voll auslasten. Die Produktion läuft mit etwas mehr als fünf Gigawatt (3,5 große Kraftwerke, Anm. der Red.) auf dem Niveau von Ende 2009. Wir gehen davon aus, dass sich die Lage auf dem Halbleitermarkt im zweiten Halbjahr sukzessive bessern wird und wir unsere Produktionskapazitäten mehr und mehr auslasten können.

Warum brauchen Sie für ein nur halb ausgelastetes Werk so viele Mitarbeiter?

Dolle: Wir haben in der Produktion im Jahresverlauf enorme Schwankungen mit entsprechendem Personalbedarf. Zum Beispiel 2009: Im ersten Quartal haben wir eine Wechselrichterleistung von 294, im zweiten 549, im dritten 1174 und im vierten Quartal 1415 Megawatt (etwa ein großes Kraftwerk) verkauft, dies entspricht Schwankungen in der Produktion im Verhältnis von eins zu vier und mehr.

Woher kommen die Schwankungen?

Dolle: SMA produziert stets auftragsbezogen und lagerlos. Das spart Kosten. Die Einstellungen müssen dabei mit der Produktion Schritt halten. Es kann durchaus sein, dass wir in einem Monat 250 neue Mitarbeiter brauchen. Unsere Planung richten wir auf vier Wochen aus, passen sie aber wöchentlich an.

Wie flexibel muss ihre Mannschaft sein?

Dolle: Sehr. Je nach Bedarf bauen wir beispielsweise einen Wechselrichter mit acht Leuten, dann macht jeder über Stunden die gleiche Aufgabe oder ein Einzelner betreut alle acht Arbeitsschritte – das heißt, er begleitet quasi das Produkt. Jeder muss also alles können. Zudem arbeiten wir je nach Auftragslage im drei-Schicht-Betrieb und an einigen wenigen Wochenenden.

Wie groß ist das Gebiet, aus dem Mitarbeiter kommen?

Dolle: Unser Radius liegt bei rund 80 Kilometern. Einzelne reisen auch von weiter an. Unsere Zeitarbeiter werden über den Personaldienstleister Team-Time rekrutiert.

Wie stellt SMA sicher, dass neue Mitarbeiter richtig integriert werden?

Dolle: Wir setzen sehr auf den Teamgedanken, außerdem gibt es für die Neuen Paten. Das sind in der Regel Beschäftigte, die viele Jahre im Unternehmen sind. Sie nehmen die Mitarbeiter im übertragenen Sinn für ein halbes Jahr an die Hand.

Teamarbeit machen viele. Was ist besonders bei SMA?

   Dolle: Ein wesentlicher Baustein ist die SMA-Kultur. Das heißt: flache Hierarchien, eigenständiges, verantwortungsvolles Handeln der Beschäftigten und Einbindung in die Informations- und Entscheidungsprozesse. Voraussetzung ist, dass exakt kommuniziert wird, wohin das Unternehmen will. Kennt der Mitarbeiter nicht die SMA-Ziele, kann er nicht selbst im Sinne des Unternehmens entscheiden.

Haben Sie für das Rekrutieren von Mitarbeitern ein Team?

Dolle: Etwa 60 meiner 100 Mitarbeiter kümmern sich neben anderen Aufgaben verstärkt um Einstellungen.

Wie sieht ihr Budget aus?

Dolle: Wenn ich Geld brauche, bekomme ich es. Denn die Kosten für Personalbeschaffung sind geringer, als wenn wegen fehlendem Personal SMA weniger produziert oder Mitarbeiter dauerhaft überlastet werden. Letztlich sichert die Flexibilität über Zeitarbeit die Stammarbeitsplätze, die wir vor allem in der Produktion zum Großteil aus einstigen Zeitarbeitern aufgebaut haben.

Leiharbeit ist wesentlich günstiger für SMA, oder?

Dolle: Nein, denn jeder Beschäftigte erhält bei uns den gleichen Stundenlohn und wird am Unternehmenserfolg beteiligt – ob Zeitarbeiter oder SMAler. Dafür versetzen wir das Zeitarbeitsunternehmen in die Lage, den Tariflohn entsprechend aufzustocken. Geringfügige Unterschiede gibt es nur bei Schichtzulagen.

Wird es künftig neue Produkte geben oder bleibt es dabei, dass SMA auf technologische Verbesserung setzt?

 Dolle: Wir geben dieses Jahr 80 Millionen Euro für Forschung und Entwicklung aus, um nicht nur die bestehenden Produkte zu verbessern, sondern wie bisher kontinuierlich neue zu entwickeln. Ein wesentlicher Schwerpunkt ist dabei, die Kosten für unsere Produkte weiter zu senken. Dies erreichen wir beispielsweise über die Erhöhung des Wirkungsgrads: Bislang erreichen unsere Wechselrichter Wirkungsgrade von 98,7 Grad. Doch wir wollen auch noch 99 Prozent schaffen.

Von Martina Wewetzer

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