Kritik gegen Herkunftskennzeichnung

Industrie macht Front im Etiketten-Streit

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"Made in"-Etiketten könnten künftig auch für andere Produkte Pflicht werden.

Brüssel - Bei Kleidung ist der Blick auf das Etikett für viele Verbraucher längst zur Gewohnheit geworden. Nun könnte die bislang freiwillige Kennzeichnung zur Pflicht auch für andere Produkte werden.

Etiketten-Streit: Industrie macht Front gegen Herkunftskennzeichnung Von Uta Knapp und Martina Herzog, dpa (Foto - Aktuell)

Bei Kleidung ist der Blick auf die kleinen Einnäher mit dem Herkunftsland für viele Verbraucher längst zur Gewohnheit geworden. Nun könnte die bislang freiwillige Kennzeichnung durch einen EU-Vorstoß zur Pflicht auch für andere Produkte werden.

Brüssel/Düsseldorf (dpa) - Streit um kleine Etiketten: Will der Verbraucher wirklich wissen, aus welchem Land die angebotenen Pullis, Schuhe oder Möbel kommen? Vertreter der deutschen Industrie meinen „eher nein“ und laufen Sturm gegen die Pläne, mit denen sich am Donnerstag (17.10.) der Binnenmarkt-Ausschuss des EU-Parlaments befassen soll. Endgültig entscheiden könnten sich das Europaparlament und die EU-Staaten voraussichtlich jedoch erst bis zum Sommer 2014.

„Wir glauben, dass das dem Kunden nicht wirklich weiterhilft“, ist sich der stellvertretende Bereichsleiter International beim Deutschen Industrie-und Handelskammertag (DIHK), Felix Neugart, sicher. Eine solche Kennzeichnung sage weder etwas über die tatsächlichen Produktionsbedingen aus noch ermögliche sie eine Rückverfolgung der Produkte zum Hersteller. Die deutsche Schuh-und Lederwarenindustrie bläst ins gleiche Horn. Viel entscheidender als das Herkunftsland sei aus Verbrauchersicht doch die Produktqualität, erklärt der Bundesverbandsvorsitzende Ralph Rieker.

Eher einsam in der deutschen Industrie scheinen die deutschen Möbelhersteller dazustehen: Im Kampf gegen Billigimporte haben sich die deutschen Produzenten für die Einführung einer Herkunftsbezeichnung ausgesprochen. Neben dem Preis solle künftig auch bei Möbeln der Hinweis „Made in Germany“ oder auch „Made in China“ stehen, forderte jüngst Möbel-Verbandspräsident Elmar Duffner. Hintergrund sind aggressive Preiskämpfe in der deutschen Möbelbranche mit importierter Billigware. Da sollen es sich Verbraucher nach Ansicht der deutschen Hersteller künftig bevorzugt auf Sofas „Made in Germany“ bequem machen.

Doch selbst bei der deutschen Textilindustrie, die seit Jahrzehnten freiwillig Etiketten mit Herkunftskennzeichnungen näht, stößt der EU-Vorstoß zum Kennzeichnungs-Zwang auf Ablehnung. Allerdings seien die Einnäher mit dem „Made in ...“ zumindest bei Textilien längst zur Gewohnheit geworden. „Der Handel verlangt es“, sagte der Sprecher des Bundesverbands des Deutschen Textileinzelhandels (BTE), Axel Augustin. Der CSU-Europaabgeordnete Markus Ferber hat viel Verständnis für diese Bedenken: „Dieser Vorschlag schafft nur Bürokratie, löst aber keine Probleme“, sagt er. „Es würde weniger "Made in Germany" geben, obwohl deutsches Design oder Erfinderkunst dahinterstecken.“ Wie auch der DIHK fürchtet er Belastungen vor allem für kleine und mittelständische Unternehmen.

Einige EU-Staaten unterstützten Ferber zufolge die neuen Regeln, weil sie „Druck auf die Produzenten ausüben“ wollten, um Arbeitsplätze zu halten. Das Sigel „Made in Italy“ etwa könne so zum Ansporn für die italienische Textilindustrie werden, weiterhin in der Heimat zu produzieren.

Auch Vincent Tilman vom europäischen Handelskammer-Dachverband Eurochambres in Brüssel sieht die Länder entlang von Handelsinteressen gespalten: „Diejenigen, die sehr stark Handel treiben, sind eher gegen die Vorschläge, und diejenigen, die stärker selbst produzieren, sind eher dafür.“

Was ist eigentlich noch "Made in Germany"?

Osram: LEDs und Halogenlampen werden in Deutschland hergestellt. Günstige Energiesparlampen werden zwar aus deutschen Bauteilen, aber in China gefertigt. Hochwertige Lampen stammen komplett aus Augsburg und Regensburg. © dpa
Kettler: Die Drahtesel der Firma haben mehrere Nationalitäten. Die Rahmen stammen aus China, die Bremsen aus Japan, die Reifen aus Indien oder Deutschland. Montiert werden die Räder im Saarland. © dpa
Playmobil: Die bunten Spielfiguren werden längst nicht mehr nur in Deutschland produziert. Bereits zwei Jahre nach Firmengründung 1969 wurde das Werk auf Malta eröffnet. 1983 kam Spanien dazu und 2006 Tschechien. © dpa
Audi: Audi Hungaria Motor Kft. entwickelt und produziert im ungarischen Györ Motoren für die Audi AG und weitere Gesellschaften des Volkswagen-Konzerns. Zusätzlich werden dort unter Anderem der Audi TT als Coupé und Roadster gebaut. © obs/Audi AG
Birkenstock: Sie sind nicht unbedingt die schönsten Sandalen, aber dafür bequem - und erfolgreich. Birkenstock gehört zu den wenigen Unternehmen, die ihre komplette Produktion noch in Deutschland haben. © dpa
Bosch: Die Hausgeräte werden weltweit in 41 Fabriken (davon sieben in Deutschland) erzeugt. Für "Made in Germany" wird deshalb nur allgemein, aber nicht mit einzelnen Geräten geworben. © dpa
Metz: Entwicklung und Gehäuse stammen aus Deutschland. Bauteile, wie Leiterplatten und Chips, die ebenfalls in Deutschland montiert werden, stammen aber aus Asien. Wie hoch der deutsche Wertschöpfungsanteil noch ist, kann auch Metz nicht sagen. Auf dem Bild: Helene Metz © dpa
Steiff-Teddys: Ende 2010 entdeckte Stiftung Warentest auch gefährliche Stoffe in einem von Steiffs flauschigen Teddybären. Der Konzern holte deshalb die Produktion Stück für Stück aus China zurück. Seitdem setzt das Kuscheltierunternehmen wieder voll auf "Made in Germany". © dpa
Porsche: Der Geländewagen Cayenne ist nur teilweise deutsch. Das Blech wird im slowakischen Bratislava gebogen und lackiert, die Sitze kommen aus Amerika und das Getriebe läuft in Japan vom Band. Dennoch: Das Label "Made in Germany" bleibt Porsche erhalten, da die Endmontage in Deutschland stattfindet. © dpa
Schildkröt: Die Firma Schildkröt produziert seine Puppen in Deutschland. Alle Materialien stammen ebenfalls aus der Bundesrepublik. © dpa
Siemens: Alle anspruchsvollen, innovativen Produkte etwa in der Medizintechnik werden ausschließlich in Deutschland produziert, sagt ein Siemenssprecher. Bauteile wie Speicherchips stammen allerdings aus Asien. © dpa
SimbaDickie: Der Spielzeughersteller gab 2010 bekannt, wieder verstärkt in Europa zu produzieren. Immer wieder waren zuvor verschimmelte Holzbauklötze aus China angekommen. © dpa
Trigema: Chef Wolfgang Grupp (Bild) setzt auch künftig voll und ganz auf den Produktionsstandort Deutschland. Die Baumwolle der Kleidungsstücke wird in Griechenland und in der Türkei gekauft. Seine Zulieferer erfüllen die strengen Trigema-Kriterien. Das Label "Made in Germany hält Grupp für bedeutsam. © dpa
Webasto: Klimaanlagen und Heizungen für Fahrzeuge werden zwar in Deutschland entwickelt und zusammengebaut, die Einzelteile werden aber weltweit eingekauft. © dpa
Miele: Miele ist 2007 dazu übergegangen, einen Teil seiner Wäschetrockner im tschechischen Werk Unicov zu produzieren. Ab 2013 sollen sie schließlich nur noch dort vom Band gehen. Im Stammwerk Gütersloh werden dann nur noch Waschmaschinen gefertigt. © obs/Miele und Cie. KG

Der ganze Ärger um das „Made in“-Siegel ist nach Ansicht von Europaparlamentarier Ferber aus Verbrauchersicht ohnehin nicht der Knackpunkt der geplanten neuen Gesetzgebung. Die soll nämlich eigentlich die Position der Kontrollbehörden stärken, die im Bedarfsfall die Quelle minderwertiger oder gar gefährlicher Waren ausfindig machen. „Das Thema Marktüberwachung ist von entscheidender Bedeutung.“

Das sieht der europäische Verbraucherverband Beuc ganz genauso: „Lückenlose Rückverfolgbarkeit ist das A und O einer effektiveren Marktüberwachung und verbesserten Produktsicherheit für Verbraucher“, erklärt Beuc-Direktorin Monique Goyens. „Dazu gehören in erster Linie die vollständige Angabe der Adresse des Herstellers und Importeurs, eine Seriennummer auf dem Produkt und zusätzliche innovative Produktmarkierungstechnologien wie zum Beispiel RFID (Funk-Chips) in bestimmten Bereichen.“

dpa

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