Europas IWF-Boss tritt zurück - warum?

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Antonio Borges hat sein Amt mitten in der Eurokrise aufgegeben.

Washington - Der Chef der Europaabteilung beim IWF geht - inmitten der Eurokrise. Offiziell heißt es, Borges trete aus privaten Gründen zurück. Aber Knall auf Fall? Das lädt natürlich zu Spekulationen ein.

Der Europadirektor des Internationalen Währungsfonds, Antonio Borges, ist am Mittwoch zurückgetreten - mit sofortiger Wirkung und inmitten der Eurokrise. Der einstige Direktor von Goldman Sachs International wurde bereits am Donnerstag durch Reza Moghadam ersetzt, den bisherigen Chef der Strategieabteilung beim IWF. In einer Mitteilung des Fonds wurden “private Gründe“ für das Ausscheiden des Portugiesen Borges genannt, der seinen Posten erst vor einem Jahr angetreten hatte.

Die Europaabteilung hat die Oberaufsicht über die finanzielle Beteiligung des IWF am Rettungspaket für die hoch verschuldeten Länder Griechenland, Portugal und Irland. Der “Washington Post“ zufolge kommt der Wechsel zu einem wichtigen Zeitpunkt: Der IWF bereite sich just darauf vor, ein Team nach Italien zu entsenden, um die Bemühungen des Staates um einen Schuldenabbau genau unter die Lupe zu nehmen. Erst im Oktober habe Borges Äußerungen über ein mögliches direktes Engagement des IWF auf dem europäischen Anleihenmarkt zurückgenommen, hieß es weiter.

Krisenhelfer IWF und Weltbank: Was machen die eigentlich?

Der IWF wurde 1944 zusammen mit der Weltbank in Bretton Woods ( USA) gegründet. Ziel war es, nach dem Zweiten Weltkrieg ein neues Weltwirtschaftssystem mit stabilen Wechselkursen einzuführen. Die Zusammenarbeit in der Währungspolitik und im internationalen Zahlungsverkehr sollte gefördert werden. © dpa
Die Finanzhilfen des IWF sind meist an strenge Auflagen geknüpft - etwa an die Sanierung des Staatshaushalts. © dpa
Der Internationale Währungsfonds ( IWF) ist in der weltweiten Finanzkrise zu einem der wichtigsten Krisenhelfer aufgestiegen. © dpa
Die Sonderorganisation der Vereinten Nationen greift ein, wenn Staaten Finanzschwierigkeiten haben oder ihnen der Bankrott droht. Der IWF hilft den Mitgliedsländern dann mit Krediten. © dpa
Chef des IWF ist in der Regel ein Europäer. Aktuell wird er von der früheren französischen Finanzministerin Christine Lagarde gelenkt, die nach dem Rücktritt des Franzosen Dominique Strauss-Kahn an die IWF-Spitze rückte. © ap
Der spätere Bundespräsident Horst Köhler war von 2000 bis 2004 IWF-Chef. Zunehmend drängen aber auch Schwellenländer darauf, den Topposten zu stellen. © dpa
Die Quote bestimmt auch das Mitspracherecht. Der Einfluss aufstrebender Schwellenländer - etwa Chinas oder Indiens - beim IWF wurde zuletzt mit einer Stimmrechts- und Quotenreform erhöht. © dpa
Die Kapitaleinlagen (Quoten) der mittlerweile 187 Mitgliedsländer richten sich unter anderem nach der Stärke ihrer Volkswirtschaft. © dpa
Gerade in der Bewältigung der Euro-Schuldenkrise spielt der IWF eine wichtige Rolle. Zusammen mit den Europäern schnürte der Währungsfonds Milliarden-Rettungspakete für die Schuldensünder Griechenland, Irland und Portugal. © dpa
Die Weltbank steht nicht ganz so stark im Licht der Öffentlichkeit wie der IWF. Ursprünglich war ihr Ziel, nach dem Zweiten Weltkrieg den Wiederaufbau zu fördern und in Zusammenarbeit mit dem IWF stabile Währungen zu schaffen. © ap
Seit den 1960er Jahren liegt ihre Hauptaufgabe in der Entwicklungshilfe. Schwerpunkte sind die Förderung von Infrastruktur, Privatwirtschaft und Umweltprojekten sowie der Kampf gegen Armut und Krankheiten. © dpa
Im Gegenzug zur europäischen Besetzung der IWF-Spitze wird die Weltbank traditionell von einem Amerikaner geleitet, ab 1. Juli 2012 führt Jim Yong Kim die internationale Finanzeinrichtung. © dpa

Borges habe “in einer für den IWF akut sensiblen Zeit“ vielleicht nicht besonders sorgfältig abgewogen, welche Botschaft er vermittle, zitierte die Zeitung Jacob Funk Kirkegaard vom Peterson Institute for International Economics in Washington. Moghadam sei dagegen praktisch beruflich beim IWF groß geworden und kenne die Einrichtung von innen und außen.

IWF-Chefin Christine Lagarde sagte laut der IWF-Mitteilung, Borges habe seinen Posten während einer “extrem schwierigen Periode“ für die Mitglieder der Eurozone innegehabt. Seine “reiche Erfahrung“ im öffentlichen und privaten Sektor “zusammen mit seiner Fähigkeit, starke Beziehungen zu den Behörden der Mitgliedsstaaten aufzubauen, waren bei der Antwort auf die Krise von großem Wert“.

In einer E-Mail an die IWF-Mitarbeiter betonte Lagarde nach Angaben der “Washington Post“ weiter, dass man sich angesichts der gegenwärtigen Umstände in Europa keine lange Zwischenlösung an der Spitze der Europaabteilung habe leisten können. Moghadam sei als Borges-Nachfolger “ideal“.

dpa

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