Fallstricke bei der Unternehmensnachfolge

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Jan Thomas Ockershausen ist Fachanwalt für Arbeitsrecht und Erbrecht in der Kanzlei Menge Noack in Göttingen.

Bei der Übergabe sollte sorgfältig vorgegangen werden, um nicht die Arbeit mehrerer Jahrzehnte zu zerstören

In rechtlicher Hinsicht muss zunächst geklärt werden, inwieweit der scheidende Prinzipal überhaupt befugt ist, im Alleingang ein Unternehmen oder Unternehmensteile zu übertragen. Häufig gibt es gesellschaftsrechtliche Konstellationen, die dies verhindern. Ob und gegebenenfalls wer bei einer Übertragung zustimmen muss, ergibt sich aus dem Gesellschaftsvertrag, wobei selbstverständliche auch die Gesellschaftsform eine wichtige Rolle spielt. Einigkeit sollte in jedem Falle auch mit den Mitgesellschaftern erzielt werden. Auch wenn die Übertragung rechtlich ohne deren Mitwirkung möglich ist, bringt es regelmäßig Konflikte mit sich, wenn ein neuer Teilhaber den verbleibenden Gesellschaftern ohne Rücksprache „vor die Nase gesetzt wird“. Wichtig ist ferner, dass klare Regelungen getroffen werden, die sich notfalls auch vor Gericht beweisen lassen. Daher sollten Übertragungsverträge grundsätzlich schriftlich abgeschlossen werden, wenn nicht ohnehin nach zwingendem Recht sogar die notarielle Form vorgeschrieben ist (was bei vielen Gesellschaftsformen der Fall ist). Da im Regelfall die Unternehmen an einen Familienangehörigen weitergegeben werden, ist unbedingt auch zu beachten, dass das Thema in der Familie offen angesprochen wird. Erfolgt die Übertragung eines Unternehmens ohne Gegenleistung, so liegt eine Schenkung vor, die später im Rahmen des Pflichtteilsrechtes ausgleichspflichtig ist und das Unternehmen finanziell schwer belasten kann. Die Frage, wer das Unternehmen wann und zu welchen Konditionen übernimmt, sollte daher im gesamten Familienkreis offen angesprochen werden. Dies gilt auch für eventuelle Ausgleichsansprüche, wobei es auch hier ratsam ist, transparente Regeln schriftlich, gegebenenfalls notariell beglaubigt, niederzulegen.

Ein weiteres großes Risiko bei der Unternehmensübertragung findet sich jenseits der rechtlichen Problematik auf menschlicher Ebene. Ein scheidender Prinzipal hat häufig Probleme damit, das Feld einem jüngeren zu überlassen. Insbesondere wenn der Nachfolger aus der eigenen Familie kommt, gilt häufig, dass der „Prophet im eigenen Lande“ nichts gilt. Um ein späteres Kompetenzgerangel und innerfamiliäre Zwistigkeiten zu vermeiden, sollte zwischen den Parteien bezüglich der Unternehmensübergabe ein klarer Zeitplan getroffen werden, welche Kompetenzen wann übergehen. Dabei muss beachtet werden, dass der Übernehmende die Stelle auch im Hinblick auf Ausbildung und soziale Kompetenz ausfüllen kann. Ebenso wichtig ist es allerdings, dass der ausscheidende Senior sich bewusst ist, dass der neue Betriebsinhaber seinen eigenen Stil entwickeln muss und diesen gewähren lässt. Auch hier empfiehlt es sich, einen klaren Zeitplan schriftlich festzulegen. So ermöglicht man dem Betrieb und den dort Beschäftigten klare Führungsstrukturen, die für eine erfolgreiche Unternehmensführung unabdingbar sind.

Dass ein so sensibles und wirtschaftlich umfangreiches Unterfangen, wie eine Betriebsübergabe, ohne rechtliche Beratung praktisch undurchführbar ist, versteht sich dabei von selbst. Die Organisation und Durchführung einer Unternehmensnachfolge ohne professionelle Betreuung ist ähnlich Erfolg versprechend, wie eine Operation am offenen Herzen nach einer Gebrauchsanweisung aus dem Internet. Von

Jan Thomas Ockershausen/YJH

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