Analyse zum Abgang

Ex-VW-Vorstand Hohmann-Dennhardt: Ihr fehlte es an nötiger Hausmacht

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Christine Hohmann-Dennhardt

Nach nur 13 Monaten ist Christine Hohmann-Dennhardt (66)kein Mitglied im Vorstand der Volkswagen AG mehr. Eine Analyse ihrer Zeit bei VW:

Christine Hohmann-Dennhardt (66) war nur dreizehn Monate Mitglied im Vorstand der Volkswagen AG. Dennoch soll sie fast zwölf Millionen Euro Abfindung bekommen. Im Januar 2016 hatte die Juristin einen Dreijahresvertrag unterschrieben. Für die verbleibende Zeit stehe ihr nun eine Abfindung in Höhe von knapp zwei entgangenen Jahresgehältern zu, schreibt Spiegel-Online. Enthalten ist in den fast zwölf Millionen auch eine Entschädigung dafür, dass sie 2015 vorzeitig aus dem Daimler-Vorstand ausgeschieden war. Bei diesem Wechsel von Stuttgart nach Wolfsburg hat sie auf Ansprüche ihres alten Arbeitgebers verzichtet.

Es ist eine enorme Summe, die aber bereits bei Vertragsabschluss feststand. Seinerzeit wollte Volkswagen die Ex-Verfassungsrichterin unbedingt und das aus gutem Grund.

Die Wunschkandidatin

16. Oktober 2015: VW-Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch bittet seinen Amtskollegen bei Daimler, Manfred Bischoff, Christine Hohmann-Dennhardt vorzeitig aus dem bis Ende Februar 2017 laufenden Vertrag zu entlassen. Bei Daimler ist die Ex-Verfassungsrichterin zuständig für das Vorstandsressort Integrität und Recht. Diese Aufgaben soll sie ab Januar 2016 im VW-Konzern übernehmen.

Dem Vernehmen nach soll die Personalie auf Anraten des VW-Vorstandschefs Matthias Müller zustande gekommen sein. Er ist erst wenige Wochen zuvor von Porsche zu VW gekommen. In Wolfsburg tobt der Abgasskandal. Was wäre da besser gewesen, als auf die unabhängige, externe Juristin Hohmann-Dennhardt zu setzen? Sie kam 2011 zu Daimler, um Korruptionsfälle aus dem Jahr 2009 aufzuarbeiten, die das US-Justizministerium aufgedeckt hatte. Seinerzeit haben die Stuttgarter 186 Millionen Dollar an die US-Behörden gezahlt und den ehemaligen FBI-Chef Louis Freeh als Aufpasser akzeptiert.

Der Gegenspieler

VW beschäftigt ab Januar 2016 aber nicht nur Hohmann-Dennhardt, sondern auch Manfred Döss mit der Aufgabe, in Wolfsburg aufzuräumen und Konzernchef Müller den Rücken freizuhalten. Seit Anfang 2016 ist Döss Leiter des Rechtswesens bei VW. Kurz vor Weihnachten 2015 wurde nicht nur dieser Posten entschieden, sondern auch, dass Döss Vorstand in der Porsche SE wird, schreibt damals die Süddeutsche Zeitung (SZ). Alles geschieht wenige Tage, bevor Hohmann-Dennhardt offiziell ihr Büro bezieht. Döss gilt als ein Mann mit viel Macht und „Ellenbogen aus Edelstahl“, zitiert seinerzeit die SZ einen Juristenkollegen. Rein formal wäre er Hohmann-Dennhardt unterstellt gewesen. Doch im Gegensatz zu ihr kennt Döss das Innenleben des Konzerns.

Und: Er hat die Hauptaktionäre von VW hinter sich, die Milliardärsfamilien Porsche und Piëch. In deren Familienholding, die VW beherrschende Porsche SE, ist Döss Mitglied des Vorstandes, zuständig für Recht und Compliance. Damit hat er eine Schlüsselrolle zwischen dem Vorstand in Wolfsburg und den Mitgliedern des SE-Aufsichtsrates: Wolfgang Porsche und Ferdinand Piëch. Die Porsche SE hält 52,2 Prozent der Stimmrechte an VW.

Der Mann vom FBI

18. Januar 2016: Medien berichten, der VW-Vorstand wolle Louis Freeh (67) mit Billigung des Aufsichtsrates in der Abgas-Affäre als Experten und Vermittler einsetzen. Es ist Hohmann-Dennhardts Idee. Freeh hat bei Daimler als Aufpasser darüber gewacht, dass die Geschäfte nun sauber liefen. Das sei bei den US-Behörden gut angekommen.

Doch aus den VW-Arbeitnehmerkreisen heißt es zur Personalie Freeh: „Wir haben Frau Hohmann-Dennhardt für diese anspruchsvolle Aufgabe. Weiteren Bedarf sehen wir nicht.“ Die Arbeitnehmerseite hält ihn nicht für notwendig. Die anstehende Entscheidung wird vertagt.

Der Machtkampf

Der erste Monat in Wolfsburg ist noch nicht beendet, da hat Hohmann-Dennhardt den Machtkampf in Wolfsburg bereits verloren. Von da an rückt sie im Konzern an die Seitenlinie: Sie treibt eine Kampagne zur Förderung der Integritätskultur im Konzern voran, schiebt die Aufarbeitung der Rolle von VW während der brasilianischen Militärdiktatur an.

Der Abgang in der vergangenen Woche liest sich in der VW-Mitteilung so: „Der Aufsichtsrat dankt Frau Dr. Hohmann-Dennhardt dafür, dass sie mit ihrer herausragenden Fachkompetenz und Erfahrung zum Erreichen wichtiger Meilensteine beigetragen und den Konzern bei der Überarbeitung seiner internen Richtlinien und Verfahren unterstützt hat.“ Man trennt sich „aufgrund unterschiedlicher Auffassungen über Verantwortlichkeiten und die künftigen operativen Arbeitsstrukturen in ihrem Ressort“.

Unter den milliardenschweren Vergleichen mit den Behörden der Vereinigten Staaten findet sich keine Unterschrift von Hohmann-Dennhardt. Das hat Manfred Döss übernommen.

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