Feste Rituale können helfen

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Chefärztin der Onkologie: Maike de Wit hilft in Belastungssituationen vor allem das Gespräch mit Kollegen. Foto: dpa

Wenn ich mal tot bin, denken Sie an mich.“ Den Satz hört Maike de Wit oft, wenn ihr die Geschenke gegeben werden. Die 52-Jährige ist Chefärztin auf der Krebsstation im Vivantes Klinikum in Berlin-Neukölln. In ihrem Arbeitsalltag ist der Tod ein ständiger Begleiter.

„Es ist nicht so, dass jeden Tag jemand stirbt. Aber jeden Tag erkläre ich jemandem, dass er Krebs hat, der nicht heilbar ist“, sagt sie.

„Man erlebt wunderschöne Sachen mit den Patienten“, sagt sie. „Aber auch nach den ganzen Berufsjahren wird der Umgang mit dem Tod nicht leichter.“ Seit 22 Jahren arbeitet sie nun in der Onkologie.

Viele Menschen treffen auf den Tod erst dann, wenn ein Angehöriger oder Freund stirbt, oder sie selbst erkranken. Oft bricht dann eine ganze Welt zusammen. Doch manche Arbeitnehmer begegnen ihm täglich. Sie müssen die Ängste der Sterbenden und die Trauer der Angehörigen aushalten – und dabei funktionieren.

Gefühle unterdrücken

Das ist für viele nicht leicht. Die Gefahr, an einem Burnout zu erkranken, ist bei Personen, die beruflich viel mit dem Tod zu tun haben, höher als bei anderen Arbeitnehmern, sagt Jürgen Glaser, Prof. für angewandte Psychologie an der Universität Innsbruck. Der Grund: Diese Menschen haben deutlich mehr psychischen Stress als andere Berufstätige.

Die bei der Arbeit aufkommenden Gefühle müssten dauernd unterdrückt werden. Nur so könnten die Berufstätigen funktionieren. „Wenn jemand in der Altenpflege einen Patienten lange gepflegt hat, empfindet der bei dessen Tod oft eine große Trauer“, erklärt Glaser. Vielleicht habe er auch Mitleid mit den Angehörigen.

Doch einige wachsen auch daran. So wie de Wit. „Natürlich gibt es immer wieder Momente, in denen man sich fragt: Was mach’ ich hier überhaupt?“, erzählt sie. Einen ersten dieser Momente hatte sie, gleich nachdem sie mit 30 Jahren anfing, auf der Krebsstation zu arbeiten. Zu ihren ersten Patienten gehörten drei junge Männer. Sie waren alle an Leukämie erkrankt. Statistisch gesehen war klar, dass einer von ihnen stirbt.

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„Da sitzt man dann zu Hause und denkt an die Patienten“, erzählt de Wit. Sie dachte am Feiertag über die eigene Arbeit nach. Mache ich die richtige Behandlung? Soll ich dieses Medikament noch geben? Hätte ein anderer Arzt besser behandelt? „Ich hatte am Anfang ständig Angst, dass ich den Tod beschleunige.“ Und sie machte sich Vorwürfe, als einer der drei am Ende tatsächlich starb.

Diese Angst ist mit der Berufserfahrung verschwunden. Nun sieht sie vor allem die positiven Seiten ihrer Arbeit. „Sie können von Menschen, die sterben müssen, unheimlich viel lernen“, sagt de Wit. So sei es zum Beispiel eine Sache, wenn die Mutter einem eintrichtere, nicht zu lügen. „Es ist jedoch etwas anderes, wenn ein Mensch auf dem Sterbebett zu einem sagt: ,Lügen Sie nicht mehr. Ich bedauere nichts so sehr wie die Lügen in meinem Leben.’“

Oftmals schlössen die Patienten den Arzt auch sehr ins Herz und gäben viel zurück: „Dank, Liebe und Lebenserfahrung“, zählt de Wit auf. Doch gerade in so einem Moment ist es auch wichtig, sich zu distanzieren, sagt Bettina Lampert von der Universitätsklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Ulm. Sie hat ihre Dissertation über Pflegekräfte geschrieben, die Sterbende betreuen.

An den Lieblingsort denken

In der Praxis ist das oft nicht leicht. Eine Möglichkeit sei, in der Pause kurz innezuhalten und sich zu sagen: „Das ist nicht meine Tochter oder meine Mutter, die ich betreue“, rät die Psychologin. Eine andere Strategie kann sein, sich für fünf Minuten gedanklich auszuklinken und an seinen Lieblingsort zu denken.

De Wit hilft in Belastungssituationen vor allem das Gespräch mit Kollegen. „Die kennen die Situation oft besser als daheim die Familie.“

Außerdem hat sie eine feste Regel: „Wenn man im Krankenhaus ist, versuche ich ganz da zu sein. Und sobald ich das Krankenhaus verlasse, habe ich frei. Dann versuche ich, die Toten nicht mit mir herumzutragen.“

Bis ihr das gelang, hat es aber lange gedauert. Heute beendet sie jeden Arbeitstag mit einem festen Ritual. Wenn sie am Abend über den Klinikflur zum Ausgang läuft, arbeitet sie im Kopf eine innere Checkliste ab. An jeder Zimmertür geht sie noch einmal die dahinter liegenden Patienten durch. Dann verlässt sie das Gebäude, und die Arbeit ist vorbei. (tmn)

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