Haartrockner revolutionierte die Frisiersalons – einen der ersten lieferte Franz Ströher

Der Frauen liebste Hauben

Eine der ersten elektrischen Trockenhauben aus dem Jahr 1937 – die „Meisterstück-Trockenhaube“. Hersteller war die Franz Ströher AG, aus der später Wella wurde. Foto: dpa

Unsere erste Trockenhaube war ein Riesending mit Stativ. Meine Mutter bekam sie Ende der 60er-Jahre als Weihnachtsgeschenk und freute sich über die Erleichterung. Vorher hatte sie oft die Nächte von Samstag auf Sonntag mit den Lockenwicklern auf dem Kopf – mehr schlecht als recht – geschlafen. Denn meist waren die Haare nicht rechtzeitig trocken geworden.

Nun saß sie jeden Samstagabend in der Küche unter der Haube – und las Zeitung. Glücklicherweise war das Ding so laut, dass sie gar nicht auf die Idee kam, es im Fernsehzimmer aufzubauen. 1972 wurde ein weiteres wichtiges Haushaltsgerät angeschafft: eine Bügelmaschine. Bei vier Kindern gab es jede Menge Wäsche. Meine Mutter kam auf die Idee, beides zu verbinden – also unter der Trockenhaube sitzend zu bügeln. Das war erst möglich, als die Trockenhaube Nummer II Einzug hielt – ohne Stativ und zum Aufblasen. Sie ließ mehr Bewegungsfreiheit zu.

Noch heute, mit 73 Jahren, dreht sich meine Mutter jeden Samstag die Haare ein und sitzt unter Trockenhaube Nummer IV oder V. Auch das neueste Modell macht immer noch Riesenlärm. Doch meine Mutter schwört auf Wellen.

Bis es in den frühen sechziger Jahren zur Trockenhaube „Favorit Luxus M 28“ mit dem Plexiglas-Schild kam, kam in den Friseur-Salons der dreißiger Jahre fast ausschließlich die „Meisterstück-Trockenhaube“ mit den metallenen Greifern zum Einsatz. Bei ihnen wurde Frischluft angesaugt und elektrisch aufgeheizt. Das Modell „Luxus“ mit einem gleichmäßigen Luftstrom war eine Wohltat: leiser, schneller, effektiver.

Wellas-Meisterstück hingegen arbeitete meist mit Gleichstrom und hatte trotz hohem Stromverbrauch nur einen bescheidenen Wirkungsgrad. 1950 begann das Unternehmen mit der Erforschung der Haartrocknung.

Forschungsobjekt

Wella war in den 1940er-Jahren nur der Markenname, 1950 wurde er Firmenname. Dahinter stand die Franz Ströher AG, die aus der 1880 gegründeten Franz Ströher OHG hervorgegangen war. Sitz des Unternehmens war in Rothenkirchen im Vogtland. 1938 zog das Unternehmen nach Apolda um, 1945 kam der Umzug nach Hünfeld in Hessen – dort wurde nach dem Krieg von ehemaligen Mitarbeitern die Ondal GmbH gegründet und die Produktion angesiedelt. Der Firmensitz wurde 1950 nach Darmstadt verlegt.

Mit Silenta kam 1953 die erste Strömungshaube auf den Markt. Es folgte das Hochleistungsaggregat „Silenta Plus“ – und Wella begann mit der systematischen „Erforschung des wärmephysiologischen Verhaltens der Frau unter der Haube“. Dies führte dazu, dass spezielle Präzisionsregler entwickelt wurden, mit der die Temperatur angepasst werden konnte.

Vollströmungshaube „Favorit“ konnte so fein justiert werden, dass das Haar von „Kundinnen mit extremem Kopfversatz“ an allen Kopfpartien gleichmäßig getrocknet wurde. Wie viele Hauben letztlich in all den Jahren produziert wurden und an den Samstagen Frauen glücklich machten, vermag niemand zu sagen.

Hintergrund: Wella in Zahlen

1930 zählte die Franz Ströher AG 150 Mitarbeiter und hatte ein Stammkapital von 250 000 Reichsmark. 1950 lag der Umsatz bei zehn Millionen DM. 1980 erwirtschaftet das Unternehmen in der Gruppe 1,24 Milliarden DM und beschäftigt 9400 Mitarbeiter weltweit. 1983 geht Wella an die Börse. 2000 arbeiten 17 000 für Wella und die Aktie notiert zum Jahresende bei 45,30 Euro. 2003 wird Wella für rund 6,6 Mrd. Euro zu 79,2 Prozent von dem Konsumgüterkonzern Procter & Gamble übernommen. Im September 2005 hält Procter & Gamble 95 Prozent der Aktien. (mwe)

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