Freizeit-Krankheit: Mit der Ruhe kommt der Schnupfen

Jeder hat diese Situation bestimmt schon einmal erlebt: Man freut sich auf das Wochenende oder die Ferien. Der Druck schwindet, man lässt es ruhig angehen. Endlich Zeit für sich selbst. Doch dann kribbelt es im Hals, der Kopf dröhnt, eine Erkältung kündigt sich an.

„Typisch, immer, wenn ich freihabe“, denkt mancher dann. Diesen Eindruck teilen immer mehr Arbeitnehmer, berichten Psychologen, und Wissenschaftler nehmen das Phänomen ernst. Forscher der Universität Tilburg in den Niederlanden haben es „Leisure sickness“ genannt, zu Deutsch: „Freizeit-Krankheit“.

„Sie trifft vor allem Menschen, die im Job stark gefordert sind. Sie stehen während der Arbeitsphasen ständig unter Druck und der Körper passt seine Funktionen der Dauerbelastung an, so läuft zum Beispiel die Immunabwehr ständig auf Höchstleistung, um dem permanenten Stress gerecht zu werden“, erklärt Margret Mürköster, Businesscoach und Expertin für Selbstmanagement in Kassel. „Lässt die Belastung nach, wird auch die Produktion der Abwehrzellen wieder zurückgefahren. Die Folge: Krankheitserreger können ungehindert eindringen, der Mensch wird krank.“

Margret Mürköster

Dieses Phänomen beobachten Psychologen seit Jahren. Laut einer Studie der Universität Tilburg geht man davon aus, dass drei Prozent der Männer und Frauen zwischen 16 und 87 Jahren regelmäßig krank werden, wenn sie sich nach einer längeren Belastungsphase entspannen. Eine BKK-Studie spricht von einer Viertelmillion Deutscher, die pünktlich zum Wochenende oder zu Beginn des Urlaubs mit Halsschmerzen, Schnupfen und ähnlichen Krankheiten reagieren. Und irgendwann bleibt es nicht mehr bei einem Schnupfen. Permanenter Stress fördert hohen Blutdruck und hohen Ruhepuls, Rücken-, Nacken- und Kopfschmerzen. Und auch die Leber, der Magen und der Darm leiden unter der Dauerbelastung ebenso wie der Schlaf. Wer pausenlos unter Stress steht, muss deshalb auch mit ernsthaften Erkrankungen, beispielsweise des Herzkreislaufsystems, des Stoffwechsels, des Muskel-Skelett- oder des Nervensystems, rechnen.

„Würden Menschen sich auch während hoher Belastungsphasen zwischendurch mal entspannen, hätte der Körper die Möglichkeit, rechtzeitig zu signalisieren, dass er mit den Belastungen nicht mehr klarkommt. Aber das will ja kein Mensch mit hohem Arbeitspensum und ausgeprägtem Verantwortungsbewusstsein. Jeder will glauben, dass er unendlich leistungsfähig ist und holt das Letzte aus sich heraus“, sagt Margret Mürköster.

Ihrer Erfahrung nach brauchen Körper, Geist und Seele drei- bis fünfmal am Tag eine kurze Auszeit. „60 Sekunden reichen für diese kleinen Pausen aus. Wenn ma fünf Mal eine Minute für die Entspannung nutzt, hat man 0,34 Prozent seiner Tageszeit darauf verwendet. Mehr braucht es nicht!“, sagt Mürköster. Diese Phasen könne man nutzen, um gezielt abzuschalten, die Augen zu entspannen, die Hände einzucremen oder kurz frische Luft einzuatmen.

Mürköster rät zu einer guten Balance zwischen Anspannung und Entspannung. Einen Beitrag dazu leistet gutes Zeitmanagement. „Das heißt, seine Zeit so einzuteilen, dass genügend Puffer vorhanden sind. Wer den Tag zeitlich voll verplant, kann nicht mehr auf Unvorhergesehenes reagieren – dazu gehören zum Beispiel Telefongespräche“, sagt Mürköster.

Stress baut man auch mit der richtigen Gestaltung der Freizeit ab: „Was tut mir wirklich gut? Die Auszeiten sollten immer ein Kontrastprogramm zur täglichen Belastung darstellen“, sagt Mürköster. Wer den ganzen Tag sitzt, der braucht am Feierabend oder im Erholungsurlaub mehr Bewegung. Menschen, die den ganzen Tag körperlichen Belastungen ausgesetzt sind, für die ist Ruhe besser geeignet. (hko)

Interview

Viele Menschen werden am ersten Tag ihres Urlaubs oder am Wochenende krank. Warum?

Margret Mürköster: Leisure sickness trifft vor allem Menschen, die im Job stark gefordert sind. Sie stehen während der Arbeitsphasen ständig unter Druck und der Körper passt seine Funktionen der Dauerbelastung an, so läuft zum Beispiel die Immunabwehr ständig auf Höchstleistung, um dem permanenten Stress gerecht zu werden. Lässt die Belastung, zum Beispiel im Urlaub oder am Wochenende, nach, wird auch die Produktion der Abwehrzellen wieder zurückgefahren. Die Folge: Krankheitserreger können ungehindert eindringen, der Mensch wird krank.

Warum macht ausgerechnet Entspannung krank?

Würden Menschen sich auch während hoher Belastungsphasen zwischendurch mal entspannen, hätte der Körper die Möglichkeit, rechtzeitig zu signalisieren, dass er mit den Belastungen nicht mehr klarkommt. Aber das will ja kein Mensch mit hohem Arbeitspensum und ausgeprägtem Verantwortungsbewusstsein! Jeder will glauben, dass er unendlich leistungsfähig ist und holt das Letzte aus sich heraus. Danach ist dann aber auch „nichts mehr drin“ und das nennt man dann Burn-out.

Wie viele Arbeitnehmer sind betroffen?

Laut einer Studie der Universität Tilburg geht man davon aus, dass drei Prozent der Männer und Frauen zwischen 16 und 87 Jahren regelmäßig krank werden, wenn sie sich nach einer längeren Belastungsphase entspannen. Eine Studie der BKK exklusiv spricht von einer Viertelmillion Deutscher, die pünktlich zum Wochenende oder zu Beginn des Urlaubs mit Halsschmerzen, Schnupfen und ähnlichen Krankheiten reagieren.

Im schlimmsten Fall entstehen chronische psychosomatische Erkrankungen…

Hier äußern sich psychische (psycho) Belastungen in körperlichen (soma) Problemen. Unsere Sprache drückt das so wunderbar aus: Da ist jemandem eine Laus über die Leber gelaufen, einem anderen ist die Sache an die Nieren gegangen und dem Dritten bereitet die Sache Kopfschmerzen. Diese Reihe kann man noch lange fortsetzen. Wenn Sie nicht auf die Seele hören, meldet sich der Körper – so einfach ist das. Der Körper ist dann für die Psyche, was im Auto die Warnlampe für die nicht funktionierende Bremse ist. Spätestens wenn sich der Körper meldet, (Warnlampe) sollten Sie etwas unternehmen (Werkstatt).

Was kann jeder für sich selbst tun, um den Stress in Schach zu halten?

Achten Sie auf sich genauso gut, wie Sie auch auf Ihr Auto achten. Legen Sie regelmäßig kurze Pausen ein – ich nenne sie Nano-Pausen, einmal weil sie sehr kurz sind und andererseits, weil man sich dort fragen kann „Na, noch alles in Ordnung?“. Wichtig ist es auch, das Nein-Sagen sozialverträglich zu üben und nicht permanent neue Aufgaben anzuziehen. Die Freizeit nicht noch mit Erlebnis-Stress zu überfrachten, sie aber bewusst zu gestalten, trägt ebenfalls zu einer positiven Stressbilanz bei.

Wie sieht ein gutes Zeit- oder Stressmanagement aus?

Es ist wichtig auf eine gute Balance zu achten zwischen Anspannung und Entspannung. Dabei darf man die Ansprüche aber auch nicht zu hoch ansetzen. Es ist vollkommen normal, dass Menschen mal hohen Anforderungen ausgesetzt sind. Das ist so auch in Ordnung, weil es uns fit und beweglich erhält. Wichtig ist es, nach solchen Phasen wieder zu entspannen und sie nicht zu Dauerphasen werden zu lassen.

Zeitmanagement bedeutet, seine Zeit so einzuteilen, dass genügend Puffer vorhanden sind. Wer den Tag zeitlich voll verplant, kann nicht mehr auf Unvorhergesehenes reagieren – dazu gehören zum Beispiel Telefongespräche. Es gibt unterschiedliche Empfehlungen von Zeitmanagement-Experten, wie viel Prozent seiner Tageszeit man verplanen soll. Ich halte es für realistisch 70 Prozent zu verplanen und zu wissen, dass sich der Rest des Tages von selbst füllen wird.

Wie viel Pausen braucht ein Mensch am Tag, um regelmäßig runterzufahren?

Nach meiner Erfahrung ist es sinnvoll, drei- bis fünfmal am Tag für ganz kurze Zeit Körper, Geist und/oder Seele eine kleine Auszeit zu gönnen. 60 Sekunden reichen für diese kleinen Pausen schon aus und wenn Sie fünf Mal eine Minute für Ihre Entspannung nutzen, dann haben Sie 0,34 Prozent Ihrer Tageszeit darauf verwendet. Mehr braucht es nicht! Diese Phasen können Sie nutzen, um Ihre Augen zu entspannen, Ihre Hände einzucremen, kurz frische Luft einzuatmen … Es muss also kein großes Programm sein.

Wann macht eine längere Auszeit Sinn?

Jeden Tag kleine Pausen – fünf Mal eine Minute - abends ein Kontrastprogramm zum Arbeitstag, einmal im Monat ein bis zwei Tage für das eigene Wohlbefinden und einmal im Jahr vier Wochen Erholungsurlaub. Das ist das optimale Programm, mit dem sich Menschen fit und leistungsfähig erhalten.

Wie steuert man auf diese Phase zu, ohne Gefahr zu laufen, dann doch krank zu sein?

Das wird dann nicht passieren, wenn Sie Ihrem Körper regelmäßige kleine Auszeiten gönnen, ihn also nicht permanent und bis kurz vor dem Urlaub auf Höchstleistung laufen lassen. Wer bis zum Schluss voll unter Strom steht, wird wahrscheinlich den Urlaub nicht richtig genießen können, weil er ständig nießen muss. Hier gilt der alte Satz: Wer keine Zeit für seine Gesundheit hat, wird sich Zeit für seine Krankheit nehmen müssen.

Wie gestaltet man die kleinen und großen Auszeiten am besten?

Die Auszeiten sollten immer ein Kontrastprogramm zur täglichen Belastung darstellen. Ich nenne das „Expandereffekt“. Wer den ganzen Tag am Schreibtisch, im Auto oder im Flugzeug sitzt, der braucht am Feierabend oder im Erholungsurlaub mehr Bewegung. Menschen, die den ganzen Tag körperlichen Belastungen ausgesetzt sind, für die ist der Liegestuhl besser geeignet. Wer den ganzen Tag vor dem Bildschirm sitzt und abends vor dem Fernseher wird dieser Empfehlung nicht gerecht. Ich selbst gehe nach einem Vortrag oder einem Seminar, bei dem ich lange gestanden habe gerne Schwimmen – dann habe ich Bewegung und bekomme den Kopf frei. Jeder muss für sich den richtigen Weg finden. Dabei können Partner und Familie mit eingebunden werden, wenn diese sonst zu kurz kommen. (hko)

Zur Person: Margret Mürköster

Margret Mürköster ist Businesscoach in Kassel. Spezialisiert ist sie auf Selbstmanagement und bietet zum Thema Coachings, Trainings und Workshops für an.

Das könnte Sie auch interessieren

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.