Jürgen Stumpf, VW-Betriebsratschef des Werkes Kassel, wurde mit 94 Prozent der Stimmen wiedergewählt

"Gänsehaut, wer bleibt bei so etwas schon cool?"

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Jürgen Stumpf, VW-Betriebsratschef

Betriebsratswahl bei VW in Baunatal: Jürgen Stumpf ist mit 94,4 Prozent wiedergewählt worden. 37 der 39 Mandate gehen an die IG-Metall, zwei an die Christliche Gewerkschaft der Metaller. Wir sprachen mit dem Betriebsrat.

Herr Stumpf, wie fühlt man sich, wenn eine Belegschaft derart hinter einem steht?

Jürgen Stumpf: Gänsehaut, wen lässt so etwas cool? Aber auch Dankbarkeit für so viel Rückendeckung nach mittlerweile sechs Jahren in diesem Amt. Es ist für mich natürlich auch eine große Herausforderung, weil mit diesem Rückenwind eine enorme Erwartungshaltung verbunden ist.

Sie wirken wie ein Betriebsrat der leisen, aber deutlichen Töne. Hat sich aus Ihrer Sicht das Bild des Betriebsrates gewandelt?

Stumpf: Stimmt, mit Brüllen hat mich noch niemand überzeugen können. Ich bin eher für die Wucht der Argumente. Die kann man leise, aber deutlich einsetzen. Ich habe den Wandel der Betriebsratsarbeit 20 Jahre durchlebt. Meine Generation hat viele Niederlagen hinnehmen müssen – ein Beispiel ist der Untergang von Enka in Kassel. Gelernt habe ich daraus, das Management ständig in die Verantwortung zu nehmen, nicht erst wenn es zu spät ist, eigene Gestaltungsvorschläge mit der Belegschaft durchzusetzen. Dabei hilft uns bei Volkswagen das VW-Gesetz mit einer starken Position im Aufsichtsrat.

Überspitzt formuliert sind Sie als IG-Metaller bei VW so etwas wie der Pfeffersack unter allen Betriebsräten. Wie stark regiert die Gewerkschaft mit?

Stumpf: Ohne über 90 Prozent IG Metall-Mitglieder im Werk wäre ich weder Pfeffersack noch Hungerleider. Unsere Betriebsratspolitik ist eng verzahnt mit der Tarifpolitik der IG Metall. Das ist unsere zweite große Stärke. Wir sind keine Pfeffersäcke. Wir unterstützen von Opel bis zu den Gebäudereinigern alle, die uns brauchen.

Rutschen Sie in Ihrer Funktion zwangsläufig in die Position eines Managers?

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Stumpf: Der Konzern sind für mich zuerst die Menschen. Die Machtposition der Arbeitnehmerbank im Aufsichtsrat ist eine große Verantwortung – national und international. Da ist es oft kompliziert, alle Interessen unter einen Hut zu bringen. Da zofft es auch mal heftig. Am Ende muss ein Ergebnis stehen. So hat im Management niemand über unserem Anteil an der Lösung des Porsche-Konflikts gemeckert.

Haben Sie bei einem Streik die Kosten im Kopf?

Stumpf: Streik ist das letzte Mittel der Auseinandersetzung. Wir sind keine Harakiri-Kämpfer. Wenn die Wucht der Argumente nicht wirkt, das Unternehmen die Verantwortung für eine Lösung abgibt, dann entscheiden die IG Metall-Mitglieder per Urabstimmung. Dann geht es um die Organisation. Das kann ich gut, und seien Sie sicher, wenn der Punkt erreicht ist, gibt es keine Gedanken an Produktivität oder Wettbewerbsfähigkeit.

Bei 12 900 Beschäftigten im Werk - wie eng ist der Kontakt noch zum Einzelnen?

Stumpf: Je mehr Gesamtverantwortung man übernimmt, desto schwieriger ist es. Ich bin froh, die meiste Zeit mitten im Wahlkreis zu arbeiten. In den letzten zwei Wochen habe ich auf 20 Betriebsversammlungen gesprochen. Da bekommt man eine unmittelbare Rückmeldung. Der Hammer ist aber immer, wie viele Menschen man nach 34 Jahren kennt und wieder trifft.

Wie stark beschäftigt Sie in diesem Zusammenhang das Automaten-Debakel?

Stumpf: Sie haben Recht, dies Thema beschäftigt uns intensiv. Wir nehmen unsere zugeschriebene Rolle nach dem Betriebsverfassungsgesetz dabei wahr. Aber es bleibt auch nach der Betriebsratswahl dabei: Zu laufenden Verfahren können wir uns nicht äußern.

Welche Aufgaben müssen Sie in den kommenden vier Jahren anpacken?

Stumpf: Die Jobs sicher halten, den jetzt verlängerten Kündigungsschutz mit wirksamen Produktzusagen für das nächste Jahrzehnt unterlegen, zum Beispiel durch weitere Direktschaltgetriebe, die Elektrotraktionen für Hybrid-Varianten und E-Fahrzeuge in Kassel. Ständig die Kompetenz der Belegschaft steigern. Aber auch die Belastungen an den Arbeitsplätzen zu reduzieren, um auch mit älterer Belegschaft noch wettbewerbsfähig zu sein und Jobs zu sichern.

Wenn Sie sich als Betriebsrat mit Ihren Vorgängern vergleichen - was hat sich geändert?

Stumpf: Jede Generation musste sich ihren Herausforderungen stellen. Ich habe unter meinen Vorgängern als Betriebsrat gearbeitet. Wir haben unsere Kommunikationsformen entscheidend verbessern müssen, um die Menschen direkt an unserer Arbeit zu beteiligen: weniger Gremienroutinen, mehr Projektorganisation und Beteiligung an Personalentscheidungen. Ich glaube, keiner meiner Vorgänger stand vor der Aufgabe mit der Belegschaft eine feindliche Übernahme zu verhindern. Und natürlich verändert man sich dabei selbst ständig. Alles andere wäre Stillstand.

Von Martina Wewetzer

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