Schweizer Konzern Glencore öffnet sich mit Börsenstart und erntet Kritik für seine Geschäftspraktiken

Geheimnisvoller Rohstoff-Riese

Ivan Glasenberg

Baar. Es ist einer der größten Börsengänge der europäischen Geschichte: Mit dem Start an der Londoner Börse werden heute die Aktien des Rohstoffriesen Glencore erstmals offiziell gehandelt. Sieben Milliarden Euro will das geheimnisumwobene Schweizer Unternehmen für knapp 17 Prozent seiner Anteile erzielen.

Obwohl Glencore damit über 40 Milliarden Euro wert ist, ist der Name bislang nur wenigen Menschen ein Begriff. Von Rohöl über Kupfer bis zu Weizen: Mit seinen 2700 Händlern kauft und verkauft der Konzern mit Hauptsitz im schweizerischen Baar Rohstoffe in der ganzen Welt – und erzielt dabei ähnliche Erlöse wie die drei Schweizer Finanzriesen Zurich, Credit Suisse und UBS zusammen.

Mehr als 100 Milliarden Euro setzte Glencore 2010 um, ein Drittel mehr als im Vorjahr. Der Nettogewinn stieg von 1,9 Mrd. auf 2,6 Mrd. Euro. Im August will man eine Zwischendividende von knapp 250 Millionen Euro auszahlen.

Anleger rechnen mit Traumerträgen, Kritiker hoffen auf Einsichten in die Geschäfte des verschwiegenen Rohstoff-Riesen: Bislang war Glencore nur den führenden Managern um Konzernchef Ivan Glasenberg als Besitzern Rechenschaft schuldig. Als Börsenunternehmen ist man fortan zu mehr Offenheit verpflichtet – was in Baar bereits für Ärger sorgte.

Grund ist ein Bericht der UBS, die den Börsengang begleitet. Demnach wettete der Konzern während der russischen Dürre 2010 an der Börse auf steigende Weizenpreise, während Glencores russische Niederlassung den Kreml zu einem Exportverbot von Getreide drängte. Obwohl Glencore kein Gesetz brach, war der Bericht Wasser auf die Mühlen von Politikern und Organisationen, die Rohstoffspekulanten für Hungersnöte verantwortlich machen.

Glencore wies die Kritik zurück. Man habe vom russischen Exportstopp nicht profitiert. Die Schweizer selbst sehen sich nicht als Spekulanten, sondern als Produzenten: Neben seinen Händlern beschäftigt Glencore 54 800 Produktionsangestellte direkt oder in Tochterfirmen, die Rohstoffe in der ganzen Welt abbauen. Doch auch diese Subunternehmen sorgen für Negativschlagzeilen. So beschuldigte die Nichtregierungsorganisation „Erklärung von Bern“ im April Glencores Kupferminentochter Mopani, in Sambia Hunderte Millionen Euro am Fiskus vorbeigeschleust zu haben.

Den größten Teil seines zweifelhaften Rufes verdankt Glencore jedoch Marc Rich, der das Unternehmen 1974 im schweizerischen Zug gründete. Im Laufe der Konzerngeschichte unterlief der gebürtige Belgier das Embargo gegen das südafrikanische Apartheids-Regime und handelte laut US-Behörden mit iranischem Öl, während in der amerikanischen Botschaft in Teheran 52 Geiseln festgehalten wurden. Dafür landete Rich – damals US-Bürger – auf der Fahndungsliste des FBI. Zu einem Prozess kam es nie: Wenige Monate vor der Anklage 1983 gab Rich seinen US-Pass ab und setzte sich in die Schweiz ab. 2001 wurde er von Bill Clinton an dessen letzten Tag als US-Präsident begnadigt.

1994 zog sich Rich aus dem Unternehmen zurück, doch sein Einfluss ist bis heute spürbar. Ivan Glasenberg, seit 1984 bei Glencore, gehörte jahrelang zu Richs engsten Vertrauten. Ihm vertrauen nun die Anleger: Vor dem offiziellen Handelssstart war die Glencore-Aktie mehrfach überzeichnet.

Von Simon Neutze

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