Stellvertretender Vorsitzender der Gazprom setzt auf die Nachfrage in Europa

Gespräch mit Alexander Medwedew: „Öl ist derzeit billiger als Milch“

Unzufrieden mit dem aktuellen Ölpreis: Alexander Medwedew (60), stellvertretender Vorstandsvorsitzender der russischen Gazprom.

Die Preise für Erdöl und Erdgas sind im Keller. Das bekommt auch Gazprom zu spüren. Der russische Konzern habe geplante Investitionen deshalb auf die wichtigsten reduziert, sagte Alexander Medwedew, stellvertretender Vorsitzender der Gazprom, bei seinem Besuch in Kassel.

Es dauert seine Zeit, bis man merkt, wer da vor einem sitzt. Alexander Medwedew (60) ist still, wirkt bescheiden. Medwedew ist einer der einflussreichsten Männer Russlands. Und trotzdem ist der stellvertretende Vorsitzende des russischen Konzerns Gazprom unzufrieden.

„Uns gefallen die Preise auch nicht.“ Es sind die Öl- und Gaspreise am Weltmarkt, die ihm missfallen. Gut 32 Dollar kostete gestern das Barrel (159 Liter), das ist auch für einen Weltkonzern wie Gazprom recht wenig.

„Öl ist derzeit billiger als Milch“, sagt er, und fast klingt es ein wenig trotzig. Kein Ölproduzent weltweit will deshalb aber weniger fördern. Im Gegenteil: Russland pumpt so viel aus der Erde wie seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion nicht mehr. In der Welt von Öl und Gas herrscht Ausnahmezustand.

Was die deutschen Verbraucher freut, drückt aber bei Gazprom auf den Gewinn. Deshalb werde im laufenden Geschäftsjahr nur noch „in ausgewählte Förderprojekte“ investiert. „Die Zusammenarbeit mit Wintershall in Sibirien läuft planmäßig.“ In Achimgaz fördern die Kasseler gemeinsam mit Gazprom Erdgas.

Erdgas macht etwa zwei Drittel des Gazprom-Umsatzes aus. Der größte Teil der Export-Verträge sei an den Ölpreis gebunden. Nur ein Drittel der Fördermenge wechselt am Spotmarkt den Besitzer.

„Wir haben in den vergangenen Jahren bereits zusätzlich Kapazitäten geschaffen, um weitere 100 Milliarden Kubikmeter Gas im Jahr zu fördern – ohne jetzt noch zusätzlich zu investieren. Das sind etwa 20 Prozent des europäischen Jahresbedarfs“, sagt Medwedew. Lieferverträge mit China seien geschlossen, weitere werden folgen oder sind wie mit Indien angedacht. Das Geschäft läuft, daran lässt Medwedew keinen Zweifel.

Russland braucht die Milliarden aus dem Rohstoffgeschäft. Sie machen die Hälfte des Staatshaushaltes aus. Da liegt der Gedanke nah, dass ohne Russlands Präsidenten Wladimir Putin bei Gazprom nichts geht. Doch Medwedew widerspricht: „Es stimmt nicht, dass Gazprom per Telefon aus dem Kreml gesteuert wird. Der Kreml hat auch ohne Gazprom gut zu tun.“ Die Hälfte des Konzerns gehört dem russischen Staat.

„Wir zahlen beim Gasexport nach Europa nicht drauf“, sagt Medwedew. Gazprom rechnet laut Geschäftsbericht zu unterschiedlichen Preisen ab. In den ersten neun Monaten des Jahres 2015 kosteten 1000 Kubikmeter im Schnitt für Europa 178 Euro, in den ehemaligen Sowjetstaaten 141 Euro und in der Russischen Förderation 42 Euro.

Weit weniger gut läuft das Geschäft mit der Ukraine. 2009 führte der promovierte Wirtschaftswissenschaftler für Gazprom die Verhandlungen über die Erdgaslieferungen durch die Ukraine nach Westeuropa.

Doch die Verhandlungspartner von einst sind sich heute nicht mehr grün. Vor knapp einer Woche hat die Ukraine gegen Gazprom eine Kartellstrafe von umgerechnet 3,1 Milliarden Euro verhängt. Gazprom habe seine Monopolstellung beim Erdgastransit durch die Ukraine missbraucht, begründete dies das Kiewer Kartellamt. Gazprom weist die Vorwürfe als haltlos zurück, verlangt im Gegenzug von der ukrainischen Naftogas Kompensationen für nicht abgenommenes sowie nicht bezahltes Gas in Höhe von fast 27 Milliarden Euro. Derlei Streitigkeiten ziehen sich schon seit Jahren hin.

Die Ukraine ist das wichtigste Transitland für russisches Gas auf dem Weg nach Westeuropa. 2015 strömten mehr als zwei Fünftel des in die EU gelieferten Gases durch die frühere Sowjetrepublik. Doch 2019 laufen die Transitverträge mit der Ukraine aus. Dann werde die Ukraine als Transitland nicht mehr gebraucht, heißt es knapp.

Zwar ist die Nachfrage nach Gas in Europa rückläufig – in den vergangenen fünf bis sechs Jahren um 50 bis 60 Milliarden Kubikmeter –, aber Gazprom und die anderen europäischen Partner setzen dennoch auf den Ausbau der Pipeline Nord Stream II. Gegner des Projektes in der EU befürchten, dass der geplante Ausbau Europas Abhängigkeit von russischem Gas vergrößern könnte.

„Wir sind nach wie vor bereit, eine Leitung durch die Türkei zu bauen. Wir warten darauf, dass die EU Position bezieht, ob sie diese Pipeline haben will.“ Mit Blick auf die Zukunft ist sich Medwedew sicher: Die Erdgasfelder in Europa erschöpfen sich zunehmend, die Nachfrage aus Europa wird wieder steigen.

Das Gespräch führten Jan Schlüter, Barbara Will, Martina Hummel und José Pinto.

Zur Person

Alexander Medwedew (60), geboren in Schachtjorsk auf der Insel Sachalin. Er schloss 1978 sein Studium am Moskauer Institut für Physik und Technologie ab. Von 1989 bis 2002 arbeitete er in Wien, unter anderem als Direktor der Donau-Bank AG. 2002 wechselte er zu Gazprom. Seit 2014 ist er stellvertretender Vorsitzender des Konzerns. Er interessiert sich für Sport (Eishockey, Fussball), ist verheiratet und hat Kinder.

Hintergrund: Wingas, die 100-prozentige Gazprom-Tochter

Wingas wurde im Oktober 100-prozentige Gazprom-Tochter. Der Erdgasabsatz lag 2014 bei 497 Milliarden Kilowattstunden (kWh). 2015 sei der Absatz deutlich gestiegen. Wingas hat 550 Mitarbeiter, davon 400 in Kassel. Im Bild: Konstantin Feiler (Gas Trader) am Arbeitsplatz. • Gazprom liefert zwölf Prozent der Welterdgasproduktion und verfügt über 17 Prozent der sicher nachgewiesenen Weltgasreserven. Deutschland bezieht 38 Prozent des Erdgases aus Russland. In Zahlen (2014): Nettoumsatz 113 Milliarden Euro, Erdgasproduktion 443,8 Mrd. Kubikmeter (m3), davon gehen nach Europa 159,4 Mrd. m3, die Erdölförderung liegt bei 35,3 Millionen Tonnen. Gazprom beschäftigt weltweit 459 600 Mitarbeiter.

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