Autobauer stellt Fertigung neu auf

Gewagtes Projekt: VW setzt auf Baukästen

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Modularer Baukasten, statt Gleichteilestrategie: Volkswagen hat die Teile in Baukästen zusammengepackt und standardisiert somit die Fertigung für viele Modelle.

Wolfsburg / Baunatal. Es ist eines der teuersten und gewagtesten Projekte in der Autoindustrie. Der Modulare Querbaukasten (MQB) soll das Produktionsnetzwerk von VW effizienter machen und viele neue Modelle anschieben.

Nach der Nagelprobe beim Audi A3 und Golf 7 werden inzwischen auch der Seat Leon und der Skoda Octavia auf die Einheitsplattform gesetzt.

Verschiedene formgehärtete Karosserieteile für die Fahrgastzelle liefert das VW-Werk Kassel in Baunatal für den Baukasten. 3,5 Millionen – überwiegend MQB-Teile – waren es im vergangenen Jahr, 2013 soll sich die Menge mehr als verdoppeln. Dafür hat das Werk bereits elf Formhärtelinien. An der Getriebeproduktion des vergangenen Jahres, die bei vier Millionen lag, haben die MQB-Teile einen Anteil von 50 Prozent. Bis 2018 werden 1,8 Milliarden Euro in den Standort investiert – etwa die Hälfte der Summe wird auch in den Umbau der Fertigung am Standort fließen.

Baukasten-Familie: MQB, MLB, MSB & MPB

Die Kürzel stehen für Milliardeninvestitionen und große Ziele: Mit den Baukästen MQB, MLB, MSB oder MPB will VW die Produktion einheitlicher machen. Übersicht:

•Modularer Querbauasten (MQB) kommt bei kleinen und mittleren Fahrzeugen mit vorn quer eingebautem Motor zum Einsatz. Beispiele: Audi A3, Golf 7, Seat Leon oder Skoda Octavia.

• Auf größere Modelle und Limousinen zielt dagegen der Modulare Längsbaukasten (MLB). Er ist die Plattform für Autos, deren Motor bei Frontantrieb vorn längs unter die Haube gesetzt ist. Dazu gehören die Baureihen A4 bis A8 bei der VW-Oberklasse-Tochter Audi.

• Für Limousinen, Coupés oder Sportwagen, die teils am Heck angetrieben werden, haben die Entwickler mit dem Modularen Standardbaukasten (MSB) eine Fertigungstechnik geschaffen. Sie könnte in Abstufungen auch bei Lamborghini verwendet werden.

• Der Modulare Produktionsbaukasten (MPB) soll zum Beispiel im Karosseriebau über einen höheren Grad an Mechanisierung das Fertigungstempo erhöhen. Teile wie Heckklappen können an einem Band statt auf mehreren Produktionslinien entstehen. Insgesamt soll das System mehr Freiraum für regionale Varianten schaffen. (dpa/mwe)

Die konzernweiten Anlaufkosten für das Fertigungssystem sind immens, ohne sie würden die Erträge noch stärker sprudeln. Dank des 2012 auf 21,9 Milliarden Euro gestiegenen Rekordgewinns kann VW derart viel Geld in die Technik pumpen. Produktivität und Flexibilität rauf, Kosten runter – nach diesem Prinzip soll MQB Konkurrenten wie General Motors und Toyota beim Kampf um die Weltspitze ausstechen. Langfristig soll der Baukasten Wachstumsvorteile bringen – kürzere Zyklen in der Modellentwicklung und passgenauere Produktionsverfahren.

Es mag übertrieben sein, VW-Entwicklungschef Ulrich Hackenberg wie in manchen Berichten als zweiten Henry Ford zu titulieren, der eine neue Ära automobiler Massenproduktion einleitete. Bis 2018 soll der MQB aber die Basis für über 40 Konzernmodelle bilden. Beim Ein-Liter-Auto XL1 wurde die Technik laut Hackenberg „in den MQB hin-einentwickelt“. Gefahrlos ist das Mammutvorhaben nicht. „Mögliche Rückrufe sind ein Restrisiko“, warnt der Autoexperte Willi Diez vom Institut für Automobilwirtschaft in Nürtingen-Geislingen.

Die Investitionen für den MQB sind schwindelerregend: Ein Gutteil der bis 2015 veranschlagten 50,2 Milliarden Euro soll in die Baukasten-Technologie fließen. Trotz dieser Belastung gelingt den Wolfsburgern der Spagat zwischen Anlaufkosten und verbleibender Liquidität bislang gut. „Positive Effekte auf die Kostenstruktur sind zunehmend aus dem Modularen Baukastensystem zu erwarten“, erklärten die Niedersachsen. Schrittweise soll die Sparwirkung die Anschubfinanzierung ausgleichen, nach 2014 flauen die Ausgaben den VW-Plänen langsam ab.

Dabei deckt MQB bislang allein nur das kleine bis mittlere Segment ab. Hinzu kommen der Längsbaukasten MLB für größere Autos und der Standardbaukasten MSB für Edellimousinen. Bis das VW-System ganz ausgereift ist, dürfte es noch dauern. In China sollen Plattform-Grundlagen für ein Billigauto geschaffen werden – Preisziel: 6000 bis 8000 Euro. (mwe/dpa)

MQB in Zahlen

Vielfalt durch einheitliche Standards – das verspricht sich Europas größter Autokonzern vom Baukastenprinzip. 2012 hat Volkswagen die Produktion des Golf VII und des Audi A 3 nach diesem Fertigungsprinzip gestartet. Volkswagen verspricht sich davon, dass „die Fahrzeuge und Fertigungsverfahren sparsamer und leistungsfähiger werden“, so Ulrich Hackenberg. Er ist Mitglied des Markenvorstandes VW und zuständig für Forschung und Entwicklung.

Vorteile:

20 Prozent Kraftstoff sparen die Benzinmotoren, die Bestandteil des Baukastenprinzips sind. Zum Beispiel durch reduzierte Reibungswiderstände in den Motoren. Neben der CO2-Reduktion stehe bei Dieselmotoren die effektive Abgasnachbehandlung im Vordergrund. Verbrauchssenkung im Schnitt pro 100 Kilometer: bei 50 km/h im 3./4. Gang sind es rund ein Liter weniger, bei 70 km/h im 5. Gang sind es 0,7 Liter.

20 Assistenz- und Infotainmentsysteme, die bislang nur in der Oberklasse zum Einsatz kamen, werden künftig in MQB-Modelle eingebaut.

30 Fahrzeuge können in den Werken, die mit dem neuen Baukastensystem arbeiten, auf einer Fertigungslinie produziert werden. Bei steigender Nachfrage kann diese Zahl mit Hilfe zusätzlicher Roboter auf 60 erhöht werden.

40 Modelle kommen in den kommenden Jahren konzernweit auf Basis des MQB auf den Markt.

60 Kilogramm an Gewicht können im Idealfall in jedem nach MBQ-Standard produzierten Fahrzeug eingespart werden. Grund: Verkleinerung einzelner Motorenteile und der Einsatz von Leichtbaumaterialien.

Nachteile:

40 plus X Kommt es zu Qualitätsproblemen, dann finden sie sich nicht nur bei einer Modellreihe, sondern bei vielen Modellen. Enorme Kosten- und Imagerisiken etwa für Gewährleistungsfälle oder Rückrufaktionen wären die Folge. Bei VW heißt es, man wolle diesem Risiko durch eine strenge Qualitätskontrolle begegnen. Das bedeute aber auch eine viel größere Verantwortung für jeden einzelnen Werker am Band. (mwe)

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