Ein Goggomobil galt in den 50er-Jahren als echtes Auto – Bis 1969 gebaut

Im Grashüpfer auf Achse

Es hieß bei uns der Grashüpfer – wegen seiner leuchtend grünen Farbe. Und es war ein Dienstwagen, den die Familie auch privat nutzen durfte: 1955 erhielt mein Vater, Heinz Jünemann, ein Goggomobil von seinem Arbeitgeber, dem Deutschen Gewerkschaftsbund.

Als Nebenstellenleiter des DGB düste er damals durch den Kreis Witzenhausen zu Betriebsräten, zu Veranstaltungen oder auch nach Kassel, wo der Chef saß. Fahren mit einem Dach über dem Kopf, das bedeutete einen großen Fortschritt nach dem Motorrad, mit dem mein Vater jahrelang auf Tour gewesen war.

Das einzige Foto vom Goggo stammt aus dem Jahr 1958, da bin ich viereinhalb Jahre alt und stehe in unserer Heimatstadt Witzenhausen vor dem kleinen Auto. Ich erinnere mich gut daran, dass ich auf der Rückbank stets den Benzinhahn aufdrehen musste, bevor der Grashüpfer gestartet wurde. Damit aktivierte man den Reservetank des Zweitakters, der mit einem Benzin-Öl-Gemisch fuhr.

Gebaut wurde das Goggomobil übrigens damals von der Firma Hans Glas GmbH in Dingolfing. Von 1955 bis 1969 gab es mehrere Versionen.

Mit einiger Mühe hatten in unserem Goggo zwei Erwachsene auf die Rückbank Platz. Beim Einsteigen nach hinten – nur durch die Vordertüren möglich, die nach hinten öffneten – mussten sich die Passagiere ganz schön verbiegen.

„Vorn standen die Füße direkt hinter dem Nummernschild“, so erzählt mein Vater außerdem und ergänzt: „Man saß ziemlich krumm drin.“ Das bekam er vor allem zu spüren, als er ein einziges Mal bis nach Südhessen fuhr. Und: „Wenn Du ein Goggo schalten konntest, dann konntest Du Auto fahren.“ Das Getriebe war nicht synchronisiert, man musste Zwischengas geben.

Die Karosserie unseres Flitzers mit den runden Augen, der es immerhin auf 80 km/h brachte, bestand aus Blech und war leichter als heutige Kleinwagen. „Wir hatten die etwas bessere Ausführung“, sagt mein Vater. Hinten lag der luftgekühlte Motor, vorn gab es einen Mini-Kofferraum. Wenn das Goggo voll beladen war, „dann spie es Feuer aus dem Auspuff“, so erinnert sich meine Mutter Else: Einmal musste bei einer Fahrt auf den Meißner die Klappe hinten aufgemacht werden.

1959 wechselte mein Vater in die Kasseler DGB-Zentrale und fuhr mit dem Zug, das Goggo lief noch eine Weile für den Nachfolger in Witzenhausen. Einige Zeit nach dem Grashüpfer kam ein neues Tierchen mit vier Rädern in die inzwischen fünfköpfige Familie – zu jener Zeit Anfang der 60er-Jahre konnte es, ganz klar, nur ein VW-Käfer sein.

Von Ingrid Jünemann

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